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Jüdische Weltrundschau · 1940-02-19 · 7 (19.2.1940) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
7 (19.2.1940)
Date
1940-02-19
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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19. Februar 1940 JODISCHE WELT-RUNDSCHAU Stil«? BVCHERSCHAV EIN NEUER THOMAS MANN THOMAS MANN, LOTTE IS WEIMAR. Roman. Bermann-Flscher Verl«« Stockholm. In d«n Binden »einer Josefsgeschichte hat Mann «in Werk von monumentaler Grösse geschaffen, da* für jüdische Leaer von einem ganz besonderen Reix ist. ist es doch das Ergebnis einer Befruchtung durch eine der schönsten Ersahlungen jüdischer Herkunft Es Ist wie ein Symbol.' wenn der Dichter aus der Sphäre der Bibel su der Weit Goethes gelangt. Denn die grossen Werke alter Zeiten und aller Völker sind in gewissem Sinn eine Einheit und Gemeinbesits aller. Der neue Roman ist ein Meisterwerk von erlesener Schönheit, das uns eine Welt hervorzaubert, die langst zu versinken droht Charlotte Kestner, die von Goethe im „Werther" verewigt« Lotte, kommt 44 Jahre später (welch ein halbes Jahrhundert!) als «lte Frau nach Weimar, um Goethe wiederzusehen. Es entspinnt sich ein wundervolles Gewebe aus Erinnerungen und Gegenwart, Gespräche von tiefer Bewegtheit und kultiviertester Formung, auch eine JUebeageschichte, deren Held Goethes Sohn ist, aber auch die politisch« Atmosphäre der Zeit spielt herein. Das alles ist erzählt in einer künstlerischen Vollendung, die das Buch mit «temloser Spannung lesen läset. Ein Deutschland, das wir lieben und achten, das auch die Bewunderung aller Kulturvölker findet, ersteht vor unserem Geiste, eine Welt der edlen Gemessenheit und echten Menschlichkeit, nicht frei auch von dem Allsumenschllchen, das uns allen anhaftet, und das wegzudeuteln ein Verzerrung der Wirklichkeit wäre. Die eigentümliche politische Unsicherheit des deutschen Geistes zeigt sich auch bei Goethe, dessen inkonsequente Haltung zur Gestalt Napoleons in der wundervollen Erzählung Adele Schopenhauer« mit leiser Ironie gegelaselt wird. Und dann wird in einem köstlichen Kapitel Goethes Wachtraum wiedergegeben, seine Gedanken sieben vorüber, wie bei Schnitzlers Gustl und Fräulein Else oder bei Joyce (UIjsses), Mischung von Erinnerungen und Reflexionen aller Art in unmittelbarer Folge der Associat ionen. Dabei wird von Manns Goethe Über das deutsche Volk folgendes gesagt: „Welt-empfangend und welt-besohenkend, die Herzen weit offen jeder fruchtbaren Bewunderung, gross durch Verstand und Liebe, durch Mittlertum, durch Geist — denn Mittlertum ist Geist — so sollten sie sein, und das Ist ihre Bestimmung, nicht aber als Originalnation sich zu verstecken, in abgeschmackter Selbstbetrachtung und 8elbstverherrncbung sich su verdummen und gar in Dummheit, durch Dummheit zu herrschen über die Welt Unseliges Volk, es wird nicht gut ausgehen mit ihm, denn es will sich salbst nicht verstehen, und Jedes Missverstehen seiner selbst erregt nicht das Gelächter allein, erregt den Haas der Welt und bringt es in äusserst« Gefahr. Was gilts. das Schicksal wird sie schlagen, weil sie sich selbst verrieten und nicht sein wollten, was sie sind; ea wird sie über die Brdo zerstreuen wie die Juden, — su Recht, denn ihre Besten lebten Immer bei Ihnen im Exil erst, in der Zerstreung werden sie die Masse des Guten, die in ihnen liegt, zum Heile der Nationen entwickeln und das Salz der Erde sein..." FOUTISCHf: ETHJKEK Der dem Geist echter Humanität dienende Verlag Vita Nova in Luzern (Schweiz), dem wir schon viele schöne Bücher verdanken, gab in swei schmalen Banden Reden von Baldwln und Rooeevelt heraus. (Stanley Baktwm, Freiheit und Friede; Franklin D. Roosevelt, Das neue Amerika. Fr. 2,80). Es sind natürlich nicht alle Reden der beiden Politiker, sondern eine ganz kleine Auswahl zu grundsätzlichen Themen. Nicht die polltischen oder parlamentarischen Reden Bmidwins, sondern seine Reden bei unpolitischen Anlässen, über Freiheit, Demokratie, Religion und Nation, über die menschlichen und philosophischen Hintergründe der Politik. Hier spricht ein Mensch von Uefer Bildung, voll Verehrung für das klassische Griechentum, ein Mann, der die Werte der Religion und Kultur su schätzen weiss, aber auch die elementaren Menschenrechte. „Die Freiheit ist unser Element — im bürgerlichen und im religiösen Leben. Wir sind so daran gewöhnt wie an das Luft, die wir atmen, sodass wir diesen Zustand als selbstverständlich hinnehmen." Ein diktatorisches Regime Die Atbeit In den letzten Monaten haben wir eine Reih« von Berichten über zionistisch« Landeskonferenzen erhalten, die in verschiedenen neutralen Ländern Europas stattfanden, z. B. in Ländern wie Rumänien und Jugoslavien, Holland und Schweis, und kürzlich veröffentlichten wir einen Bericht über die imposante Tagung des national-jüdischen Verbandes inTrsnssylvanicn. Aus all er. Berichten geht hervor, das* diese Landeskonferenzen äusserlich dls übliche Form gehabt haben, die sich nun einmal in der zionistischen Tradition in Europa herausgebildet hat; es wurden Referate gehalten, es gab Diskussionen und Resolutionen. Das alles ist nicht das Wesentliche. Wesentlich scheint uns die Tatsache, dass in dieser Zeit solche Konferenzen abgehalten werden, und dass sich dort trotz allen Tagessorgen, die die Juden überall in überreichem Masse haben, ein entschlossener zionistischer Geist geltend macht Wir sehen darin einen Beweis des Lebenswillens dee jüdischen Volkes. Wir sehen darin den Willen, überall dort wo es noch möglich ist, für die zionistische Sache zu arbeiten, in einer Zeit, wo es in vielen Ländern, die sonst im Zionismus führend waren, unmöglich geworden ist Es scheint auch, dass sich bei allen diesen Anlas- Uber Engiand Kürzlich trafen etwa 190 Einwanderer auf einem englischen nach Australien fahrenden Passagierschiff direkt aus England» wo sie eine längere Wartezeit bis su ihrer Weiterwanderung verbracht hatten, in Palästina ein. Ein Neueinwanderer gibt uns folgende Schilderung: Der grösste Teil unserer Schicksalsgemeinschaft hatte sich in Verfolg der denkwürdigen Ereignisse im November 1938 zur Auswanderung aus Grasadeutschland entschlossen. Die Schrecken Jener Tage hatte» den letzten Rest gemeinsamen Empfindens mit dem deutschen Volke zum Erstarren gebracht. Als wir nach den Qualen jener Zeit das Land verlieasen, mH dem unsere Vorfahren ut J uns so viele Bande verknüpft hatten, bewegte uns nur tiefe Dankbarkelt für ein gütiges Schicksal, das uns — als Bevorzugten vor vielen anderen — den Weg aus dieser „Heimat" geöffnet hatte. Wie anders waren unsere Empfindungen gegenüber England« das uns ein Asyl eröffnete. Obwohl nur wenige von uns Beziehungen zu England hatten, fühlten sich alle vom ersten Augenblick an nicht wie in der Fremde. Der Eindruck das gewaltigen Gegensatze» der beiden Atmosphären der brutalen Gewalt und der freien Menschlichkeit wird Jedem unvergesslich bleiben Selten wird alles das, was schon so oft von Fremden in England bewundert worden ist mit grösserer Genugtuung und aufrichtigerer Dankbarkeit so wohltuend empfunden worden sein wie von den jüdischen Refugees, die gerade in damaliger Zeit nach England kamen. Diese Empfindungen wiederhohen sich, als dar Krieg uns su „feindlichen Ausländern" machte. Als eine lange, Reihe solcher Schicksalsgenossen vor einem Polizeibüro in London su der angeordneten Meldung anstand, atujte ein Polizeibeamter spontan su Ihnen, das» «1« keine Feinde, sondern Fremd« Englands seien. Da» waren wir alle „würde für uns den Untergang alles dessen bedeuten, was in unserem Volk in den letzten achthundert oder tausend Jahren gewachsen ist," Balduin Ist sich der Gefahr bewussi, die in die ser Zeit der Demokratie, die die Regierungsform der Freiheit ist, und der freien Persönlichkeit droht Und er warnt in eindringlichen, tief bewegenden Worten. Es sind Worte von vollendeter Noblesse, die im Munde eines Staatsmanns heut« besonders wohltuend wirken. ~~ Ein verwandter Geist spricht aus den Reden Roosevelts aus der ersten Zeit seiner Regierung, die zum Teil praktische Regierungsfragen betreffen. Man bewundert immer wieder die Klugheit und Weitsicht dieses Mannes. Auch er verteidigt die besondere Form der Demokratie, die in USA verwirklicht Ist, aber auch er kennt ihre Klippen geht weiter sen eine grossere Einheit zeigt als nie sonst verbanden war. Der Par^eifc-jisi und die Par« teiEerritutcrtheit, die in <lcl> letzen 20 Jahren immer mehr su einem Obel und einem schweren Hemmschuh der zionistischen Entwicklung wurden, scheinen zurückzutreten gegenüber dem Gemeinsamen. Alle zionistischen Gruppen vereinigen sich su einheitlichen Konferenzen und zu einheitlicher Arbeit. Wir glauben, dass diese Erkenntnis der Notwendigkeit einer Einheitsfront unter Zurückstellung von Differenzen, die zum Teil sinnlos geworden sind, immer mehr durchdringen muss und dass sich in dieser Hinsicht eine Erneuerung den Zumutnutn anbahnen kann. Uberall konnten wir auch feststellen, dass im Grossen und Ganzen Vertrauen sur politischen Führung des Zionismus besteht, insbesondere su Dr. Weizmann, obwohl in der jettigen verworrenen Zeit weder eine klare Linie der PoHt'k erkeJmbrr sein kann, n< dt» Informationen Uber Einzelheiten der öfftiUÜchkelt zugänglich Kind. Wir btgrüssen un»<»re Freunde in allen Ländern, in d^non sie ntn.i arbeiten können, und beglückwünschen nie zu ihrer Tätigkeit und wir gedenken dabei auch all der Hunderte und Tausende von Freunden, die nur in ihren Gedanken und in ihrem Hi rzen bei uns sein können. naeh Palästina auch tatsächlich geworden, und ea Hesse sich manche Einzelheit hierfür berichten. Es war deshalb eine Genugtuung für uns, als wir durch die eingesetzten Tribunale nach Prüfung unserer Fälle fast durchweg da» Prädikat: „refugee from Nazi oppression" erhielten und damit von den — allerdings sehr wenig Ins Gewicht fallenden — Beschränkungen befreit waren. Hervorzuheben ist auch die Aufnahme und Einordnung unserer Kinder, und als sie zusammen mit ihren englischen Mitschülern evakuiert wurden, nahm ihnen eine liebevolle Behandlung jede Fremdheit, So war es selbstverständlich, das» wir mit dieser Bewegung vom englischen Boden schieden, auf dem wir soviel menschliche» Verständnis und wohlwollende Sympathie gefunden hatten. Die gerade in dieser weltbewegenden Epoche in England verbrachte Zeit hatte una allen eine grosse innere Bereicherung verschafft und, Er« fahrungen und Erkenntnisse vermittelt die Im Hinblick auf die erhoffte Einordnung in Palästina von besonderer Bedeutung sind. Dies kam uns recht deutlich zum Bewusstaein, als wir in der Müsse der unter besonderen Kriegsumstanden erfolgten Uberfahrt unser Schicksal überschauten. Viele Unterhaltungen mit den englischen Mitreisenden, darunter zahlreiche Bewohner entfernter Teile des englischen Weltreiche», iiessen uns da» empfinden, als wir die Bedeutung; dea britischen Empires zu erkennen anfingen und den Charakter seiner Bewohner zu verstehen vermochten. Es ist keine Übertreibung zu betonen, das» alle auf diesem Wege über England nach Palästina gekommenen Neueinwanderer diese Eindrücke stets in Erinnerung bewahren und zw ihrem bescheidenen Teile danach trachten werden, das Verständnis für England und die Engländer unter ihren Brüdern su fordern, ük k. Karo (Haifa). und Gefahren; im Grunde liegt ihr zugrunde das Vertrauen in das Verantwortungsgefühl und den gesunden Sinn des Bürgers, der trotz allen Verlockungen dir Freiheit nicht missbrauchen wird. Die beiden kleinen Büchlein, obwohl im zeitlichen Sinn schon „veraltet", sind ausgezeichnet* Lehrbücher für alle, die selbst die Freiheit als höchstes Gut schätzen und zugleich für die, dl« den Geist der angelsächsischen Demokratie erfassen wollen. Ein reicher Jude in England, Raphael de Sola, hat 110 Flüchtlinge auf einem von ihm gecharterten kleinen Schiff aus England nach USA und Mexiko befördert indem er die Verantwortung übernahm, das« die Flüchtling» den Ländern nicht finanziell tur Last fallen werden.

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