Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 7 (19.2.1940)
- Date
- 1940-02-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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8#Jt«6 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 19. Februar 1940 ' Rettung von Kindern „Ks ist wie «In Wunder" — Juden und Christen helfen vereint Ein tSfähriger berichtet Bin Freund unserer Zeitung au» Kopenhagen «endet unn nachstehenden Auf mit2, den ein M-jühri(tcr Junge in Kopenhagen niedergeschrieben hat. Kit ist der Sohn von Frau Oppenheim in Koprmhugcn, die mit grösster Hingebung in der Fürsorge für die au» dem Hitler-Bereich zu provisorischem Zwischenaufenthalt nach Dänemark kommenden Jugendali jah-Kinder arbeitet. Die Auslassungen des Jungen sprechen für sich selbst. Kr erzählt: Was auf mich Eindruck gemacht hat ■Ks war am 3. September. Ich stand am Haupt« bahnhof «wischen vielen Menschen. Wir warteten auf den Exprooscug vom Ausland. Wir vernahmen ein schwache« Geräusch, es wurde lauter, und dann stand der Zug vor um. Die 48 Jugend-Alijah-Kinder, die wir erwarteten, waren nun da, bleich und müde. Wir fuhren gleich in die Herberge, wo ste Übernachten sollten. Ich sprach mit einigen von ihnen. Sie kamen alle aus Wien. Am nächsten Tag gingen wir zv Mmmni tpjuieren. Vor jedem Milchgeschäft vor jeder Bäckerei und vor jedem Fleischerladen blieben sie stehen, sie waren einfach uberwältigt. Dann assen sie bei uns zu Abend. Ein kleiner zwölfjähriger Junge war <k war der jüngste. Ea war oin sehr zurückhaltender Junge. Wenn man ihn etwa* fragte, sagte er nur immer ,.ja" oder „nein". Wenn man ihm etwas reichte, sagte er nie „denke". Später war er im Nebenzimmer mit meiner Mutter. Ich sah durch c*en Türspalt. Meine Mutter hatte ihn auf den Schees genommen, und die beiden sprachen ganz leise miteinander. Plötzlich .schiug er seine Arme um den Hals meiner Mutter und schluchzte, während grosse Tränen Uber seine dünnen Backen liefen. „Ich niemandem „danke" sagen, solange mein Vater im K Z sitzt!" rief er. Meine Mutter schüttelte den Kopf. „Ich glaube, das könnte ich auch nicht tun", sagte sie. Der Junge sah sie gani verwirrt an — hatte er richtig gehört? „Könnten Bie da» auch nicht? fragte er. „Niemals", sagte sie, und ich sah, daas sie Tränen in den Augen hatte. „Ich kann vielleicht das dänische Wort „Tak" gebrauchen, sagte er tapfer nach einer Pause, „wenn ich mit meinen Pflegeeltern spreche". Meine Mutter strich ihm Uber das Haar Bin anderer Junge erzählte, dass er im KZ gewesen wäre. 12 Stunden hintereinander hätte er stehen müssen, sagte er. „Für mich war ea nicht einmal so schlimm, aber vor mir stand ein alter Mann, und der fiel immer auf mich. Aber dann sagten wir beide: Schmäh Jiarael, das bedeutet: Höre Gott laraeT. und dann war ei uns, als wenn alles leichter zu ertragen wäre." Und das erzählte uns der Junge ganz ruhig. Ich ging in die Ecke des Zimmers, wo es am dunkelsten war. Sie waren aber eigentlich garnicht so traurig, sie waren mehr das, was man .gefestigt" nennt Sie sprachen über ihre Zukunft in Erez Israel. Das ist Palästina, das Land, in welche» sie reisen, wenn sie von hier tortkommen, und das sie aufbauen wollen. Und ihr Trost ist. ihre I<ern später nachkommen su lassen Einige Zeit wohnte ein Junge bei uns, der aus S. kam. In seiner Stadt befand sich eine der ältesten Synagogen. Ak man sie anzündete, schlich er »ich immerzu mit einem .Eimer Wasser hin und versuchte zu loschen. Es gelang nicht. In seiner Stadt durften die Juden nur in einem bestimmten Viertel wohnen, und nach 17 Uhr abends durften sie sich nicht auf der Strasse zeigen Jeder konnte sie schlagen, sie durften sich nicht wehren. Er nutzte ganz allein für seine Ausreise sorg«», «eine Eltern waren tot, und stundenlang \\\ss* man ihn auf der Polisei stehen, bevor man ihn fragte, und dann schrie man ihn an. Und das wiederholte sich monatelang. Kr war aber zäh, er muüste, wie er es nannte, seine „Unbedenklichkeit" erhalten. Und er bekam seinen Pass. Und dann lag er hier im Bett in meinem Zimmer. Er hatte auch sein eigenes Zimmer gehabt und BUcher besessen und jetzt hat er nicht» aus «einer Kiste mit Sachen. Das andere Ist ihm genommen. Er ist im Grunde glücklich, dsss seine Eltern nicht mehr leben Er denkt an Palästina. Er hat ein Ziel Wir leben im Jahre 1909. Von Dänemark nach PaMtfifia Kürzlich sind eine Reihe von Kindern der Jugend-Alijah, die in Dänemark uwrew, 4a Pal* - s t tna eingetroffen. Darunter waren gewiss auch viele von denen, deren Ankunft der 15-jährige Junge in seinem hier abgedruckten Aufsatz beschreibt. Eine der grbssten Tröstungen in unserem an Freude so armen Leben ist die Freude über die Rettung dieser Kinder. Dabei müssen wir noch etwa» andere» feststellen, nämlich unsere tiefe Rührung über das echt humane Verhalten der christlichen Bevölkerung der skandinavischen Lander zu diesen Kindern. Die Gewährung des vorübergehenden Asyl» an die Kinder war in diesen Ländern keine „jüdische" Angelegenheit, sondern wurde unter der Führung der dortigen Frauenverbände als eine allgemeine, menschliche Aktion durchgeführt. über die Abreise der 50 Kinder au» Dänemark nach Palästina erhalten wir nachstehenden Bericht, dessen Verfasserin zufällig Frau Melanie Oppenheim ist, die Mutter des jugendlichen ffchreibers des vorstehenden Aufsatzes. Frau Oppenheim berichtet: Nach Monaten der Verschiebungen und der Unsicherheit darüber, ob die 50 Kinder Europa durchqueren können, um zur Einschiffung ans Mittelmeer zu gelangen, war endlich die Möglichkeit gegeben, nach Palästina abzureisen. Am Donnerstag abend vor ihrer Abreise wurde in der Gemeindehalle in Kopenhagen eine Feier abgehakten, bei der Vertreter der Gemeinde, die Präsidenten der verschiedenen Vereine und Gesellschaften, die sich an der Unterbringung der 300 Kinder beteiligten, und alle, die bei diesem Werk mitgeholfen haben, anwesend waren. Ich könnte ein Buch schreiben über die Erfahrungen und Abenteuer dieser 50 jungen Wesen, die jetzt in diesem Raum versammelt sind. Als ich sie fragte, ob sie sich freuen, abzureisen, antworteten sie „Ja und Nein". Ein solches Leben, wie sie es in Dänemark gehabt haben, werden sie nie wieder haben, diese liebevolle Pflege und Sorgen- Freiheit. Viele Pflegeeltern kamen mit den Kindern aus ilcn Teilen der nördlichen Bezirke des Landes, n welchem die Kinder untergebracht gewesen waren. Manche von diesen Leuten hatten 12 stunden zu reisen. Bei der Feier war die zionitische und dänische Flagge nebeneinander zu . eben. Nach der Ansprache des Vorsitzenden er jüdischen Gemeinde forderte ich eines der r0 Kinder, einen hübschen blonden Jungen auf, uch ein paar Worte zu sagen. Er fragte mich, >b in dänischer oder deutscher Sprache. Ich kennte ea kaum glauben, aber die meisten dieser Kinder, die nur 5 Monate im Lande waren, sprachen ganz gut dänisch. Der Junge hielt eine ausgezeichnete Rede und schloss mit den Worten der dänischen Hymne „Es ist wahrhaftig ein glorreiches Land". Ich finde keine Worte, die Stimmung dieses Abends zu beschreiben. Ergreifende Reden wurden von Dänen gehalten, die mitgewirkt hatten bei der Herüberbringung der Kinder. Als wir fast zu Ende waren, stand plötzlich der Pflegevater eines kleinen Mädchens aus Wien auf. Er und seine Frau waren ran weither gekommen, um von dem Kind Abschied zu nehmen. Er ragte: „Wir hätten dich gern Immer bei uns behalten, aber wir wissen gut was Palästina für lieh bedeutet, und vielleicht werden wir dir einmal dorthin folgen." Ich glaube, es gab kein trockenes Auge. Zum Sch!uss .langen die Kinder das Emek- Lied und andere hebräische Lieder wie Hatikwa und Techesakna. Ich habe niemals so viele Tränen vergicssen sehen bei einer Versammlung, bei der die Stimmung so glücklich war. Am nächsten Morgen um 7 Uhr trafen wir uns alle auf dem Flugplatz, von wo die Kinder in zwei Flugzeugen nach Holland gebracht werden sollten, um dann von dort Uber Frankreich nach Marseille zu reisen. Es war ein herrlicher Morgen, kalt und klar, und die Sonne ging hinter den schneebedeckten Bergen auf. Die Flugzeuge standen bereit Alle Pflegeeltern schluchzten. Ein Vertreter der jüdischen Gemeinde begann ein Gespräch mit Pflegeeltern, die um 1« Uhr morgens von ihrem Gut abgefahren waren, um sich von dem Kind zu verabschieden; der Mann sagte mit. Stolz, dass das Kind schon sechs Kühe melken konnte. In jedem Flugzeug waren 26 Kinder. Sie winkten und sangen, Photographen erschienen. Dann flogen die Maschinen ab und waren bald nicht mehr zu sehen. Die Abreise war einfach und natürlich nach all den Verwirrungen, Sorgen und Verschiebungen der letzten Monate. Schliesslich zerstreute sich die Menge, und nur Miss. A. und ich blieben zurück. Wir blieben dort stehen, unfähig zu glauben, dass es Wirklichkeit war. Es schien wie in Wunder. Noch 46.0O0 Judon in Prag Die Prager „Vlajka" schreibt in einer Be trachtung Uber die Judenfrage u.a.: „Die Juden, die heute im Protektorat leben, klagen Uber schwache Population und rasches Aussterben. Darin haben sie recht, es ist das endlich eine Wahrheit, die uns aufrichtig freut. Der Juden werden weniger. Im Protektorat leben derzeit (um 1. Oktober 1939) 90.147 Juden. Davon gibt es nur 10142 Kinder bis 15 Jahren und weitere 7.958 Juden bis 24 Jahren. Dagegen beträgt die Zahl der über 40 Jahre aHen Juden 51.176. In Prag leben heute nur noch 46.170 Juden. Wir schreiben diese Ziffer gern nieder, denn noch vor einem Jahr lebten in Prag allein etwa 100.000 Juden. So stark waren ihre Reihen durch die Flüchtlinge aus dem Sudetenland und anderswoher vermehrt worden, wo ihnen der Boden unter den Füssen su heiss geworden war." (Natürlich lebten niemals 100.000 Juden in Prag und auch die Ziffer von 46.000, für die keine Quelle genannt wird, ist nur dadurch verständlich, dass in den letzten Monaten die Juden vom flachen Land nach Prag vertrieben wurden.™A.dJled. JWR.) OIE FlÜCHTUMaSHILFE IN EMUND Bei der Eröffnung der Kampagne in England zur Aufbringung von 1400.000.— für TMUchtlingshilfe erklärte der Vorsitzende Mr. de Rothschild, von den ersten 1350.090.— werde £275.000.— für Flüchtlingahilfe in England und £75000. für den Keren Hajtesod verwendet werden. Alle Eingänge über 1350.000 — werden zur freien Verfügung des Zentralrates für I jüdische Flüchtlinge gestellt werden < Dieser „Central Council for Jewish Refugees" ist jetzt an die Stelle des früheren „Council for German Jewry" getreten). Bei der Sitzung wurde die Absorbierung von Flüchtlingen in Palästina besonders gewürdigt Der Rat sprach ferner der englischen Regierung den Dank aus für Ihre monatliche Zuwendung von £20.000.— für sechs Monate. ZUR ÜBE MI POLEN Im Anschluss an ein Interview, das der polnische Kardinal Klond dem Korrespondenten der „New York Times" in Rom über Nazi- Greuel in Polen gegeben hat schreibt die „New York Times", dass bisher jeder Versuch, einen Korrespondenten in das polnische Okkupationsgebiet zu senden, vergeblich war, da die Nazis das nicht gestatten. Der amerikanische Journalist V i 11 a r d, der von seiner Reise aus Europa zurückgekehrt ist veröffentlicht in der „Nation" einen flammenden Appell, worin er eine Protestbewegung von solcher Stärke in Amerika fordert, dass sich auch die Hitler-Regierung der Wirkung nicht entziehen kann. Nach Meldungen, die nach New York gelangt sind, wird der Hilfstätigkeit des amerikanischen Roten Kreuzes in Polen allerlei Schwierigkeiten bereitet. Wenn Juden Unterstützungen erhalten, werden ihnen diese — so besagen die Meldungen .....von der Gestapo wieder weggenommen. Die Zentrale des J o i n t in Paris erhielt einen Bericht aus Warschau, wonach 3 Millionen Dollar für die Hilfsarbeit in Polen notwendig sind, da in Warschau täglich 76.000 und in der Provinz 300.000 unentgeltliche Mahlseiten verabreicht werden.