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Jüdische Weltrundschau · 1940-02-19 · 7 (19.2.1940) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
7 (19.2.1940)
Date
1940-02-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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19. Februar 1940 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU Seite 0 Zu Roosevetts Programm WM MAKM WIR JUDEN IU IflWMTEII Von Kurt Löwenit«4fi <Tel-Aviv) Es erscheint an der Zeit, Roosevelts in seiner Neujahrsbotschaft verkündeten Prinzipien einer Analyse zu unterziehen, eie auf ihren praktischen Gelwlt su prüfen und dl» frage su stellen, wie das judische Volk in setner besonderen Situation zu ihnen steht und was es von ihnen erwarten kann. Beginnen wir mit Roosevelui allgemeinen Forderungen der Freiheit, Vernunft und Gerechtigkeit. Was verstehen wir unter Freiheit f Sic ist ein äusserst relativer Begriff und sehr verschieden nach Zeit, Ort und Erlebnissen der Menschen Im Krieg und Frieden besteht ein Unterschied zwischen dem, was man als Freiheit empfinden kann. Der Mensch früherer Jahrhunderte, in denen das Leben gesellschaftlich weit gebundener war als heute, bezeichnete gewiss vieles nicht als Unfreiheit, was wir heute so empfinden würden. Wenn wir von Freiheit sprechen, die die Grundlage menschlichen Lebens in der Zukunft sein soll, so glauben wir, dass in dieser Besiehung ein neuer Weg zu bahnen ist. Wir haben gesehen, wie mit dem grossen Worte von der menschlichen Freiheit ein arges Spiel getrieben wurde, wie eine unvorstellbare Unfreiheit über die Menschen kam. als man in Russland daran ging, nach mechanischen Prinzipien die Gesellschaft umzuformen. Man vergase, dass Freiheit unter Menschen nur dann Platz greifen kann, wenn man vom Menschen und seinen Bedürfnissen ausgeht, wenn die zwischenmenschlichen Beziehungen durch Vernunft reguliert werden, mag es sich nun um die Sphäre dsr Arbeitsbesiehungen oder um die Politik der Völker handeln. Freiheit bleibt ein leeres Wort, wenn sie nicht mit den wahren Bedürfnissen des Menschen in seiner Zeit in Beziehung gesetzt wird. Es fehlt für das Feld der Politik vielleicht noch Jene Erkenntnis dls einst Gustav Landauer für das Sosialgefüge hatte und die ihm eine Art des Zusammenleben* schauen Hess, die ein Höchstmasj von Freiheit des Einzelnen und zugleich von Bindung an die Gesellschaft zum Inhalt hat. Was brauchen wir Juden eOs Volk in der Sphäre der Freiheit? Es ist nicht viel und doch sehr viel, wenn wir es mit dem gegenwärtigen Zustand vergleichen. Freiheit Ist für uns das Recht, unter den Völkern unbeanstandet als Juden zu leben. Man soll nicht unseren Kaftan kritisieren und von uns den Gehrock verlangen, man soll uns aber auch nicht den gelben Fleck anheften. Die Welt wird unfrei sein, wenn sie an unserem Anderssein Ans tose nimmt, und sie wird unfrei sein, wenn sie uns ein Stigma aufdrücken möchte. Unsere Dinge gehen die Anderen nichts an, man lasse sie uns selbst regulieren und rede uns nicht in dis häuslichen Geschäfte! Auf der anderen Seite' bedeutet für uns das Prinzip der Freiheit, dass wir uns bemühen und unsere Jugend dazu erziehen, uns als nützliches Glied in die Gesellschaft der Völker einzuordnen — wie wir es von jeder anderen menschlichen Gemeinschaft, von jedem Volke als selbstverständlich erwarten. Vernunft soll regieren Roosevelt sprach von der Vernunft, die in der Welt herrschen soll. Das bedeutet die Forderung, das Triebleben der Völker zu begrenzen. Ihre Besiehungen sollen nicht durch Hass und liebe, nicht durch fanatische Ausbrüche geregelt werden, sondern durch Übereinkunft, bei der die kühle Überlegung Pate steht. Eine solche Forderung ist nicht neu. In jeder schweren Krise der Internationalen Besiehungen, In jedem Kriege tritt die Hoffnung hervor, dass in Zukunft zwischen den Völkern andere Formen des Verkehrs gefunden werden, weil rran spürt, daas etwas Unsinniges peschieht, das der Menschheit nicht zum Nutzen gereicht. Hoffnung auf Verwirklichung das Prinzip» der Vernunft ist aber nur dann vorhanden, wenn bereits im Rahmen der Neuordnung der Welt am Ende der Krise Vernunft waltet. Der Weltkrieg z.B. Ist in dieser Hinsicht kein nachahmenswertes Ereignis. Was muss das jüdische Volk verlangen, wenn die Welt von Vernunft regiert wird? Wir brauchen neuen Raum zum Leben, da unser bisherige Raum nicht auareichen wird, wie immer die Landkarte und die inneren Verhältnisse Europas nach dem Kriege aussehen werden. Das jüdische Volk braucht in den dünn besiedelten, aber für Europäer geeigneten Überseeischen Gebieten die Möglichkeit der Bmwnderung und der Arbeit in Stadt und Land. Es bedarf dazu nicht platonischer Erklärungen, sondern der aktiven Hilfe auf organisatorischem und finanziellem Gebiete. Die Erleichterung des Judenproblems in einer Reihe europäischer Länder und die Schaffung neuer jüdischer Zentren auf gesunder sozialer Basis gehört zu dem grossen Programm der Vernunft, von dem wir wünschen möchten, dass es die Welt der Zukunft gestaltet. Und wie steht ee um die Gerechtigkeit? Bisher Ist ihr Status in der Weh ein sehr schwacher. Es mangelt ihr an Möglichkeiten der Sanktion. Das Völkerrecht Ist. je mehr sich die Völker in ihrem Innensustand auseinander lebten, schemenhaft und fliessend geworden. Wer wollte auch leugnen, dass es selbst einem unbestechlichen Richter schwer fallen muss, Gerechtigkeit zu üben, wenn die Gesetze nicht klar und eindeutig sind? Hinzu kommt, dass Gerechtigkeit und Lebensbedürfnisse vitaler Natur sich nicht immer decken, ja gelegentlich im Widerspruch miteinander stehen. Ungerechtigkeit muss nicht immer unproduktiv sein, wie Gerechtigkeit nicht unbedingt nützlich und vernünftig zu sein braucht. Landeegrensen, die den Sprachgrenzen folgen, sind gewiss gerecht, aber sie haben sich in der Praxis der jüngsten Vergangenheit so manchesmal als wenig produktiv erwiesen und insbesondere wirtschaftlich geschadet. Unsere Menschenrechte Wir Juden verlangen, dass man uns in der Welt Gerechtigkeit widerfahren!ässt. Das bedeutet vielleicht eine neue Art der „Deklarativ* unserer Menschenrechte1', die aber nicht nur unsere Individuellen Rechte umfassen sollen, sondern auch unsere nationalen Ansprüche als Gesamtheit. Im geistigen Bewusstein der Völker sind unsere menschlichen Rechte durch die Ereignisse der letzten Zeit in gewissem Sinne unsicher geworden, nicht nur bei unseren Feinden, wo dies selbstverständlich ist, sondern auch bei manchen, die sich unsere Freunde nennen, und besonders bei der breiten Masse der weniger Interessierten. Es gilt, diesen Zustand zu beenden, und die menschliche Würde des jüdischen Namens ohne jeden Zweifel vor der Welt deutlich zu machen. Auch die Palästinafrage wird unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit einer neuen Erörterung bedürfen, vor der wir nicht, zurückschrecken, weil wir glauben, das« unsere Position auf diesem Felde besonders stark ist. Demokratie und JuWenfrat»* Die praktischen Grundsätze für die zukünftige Gestaltung der Welt, über die Roosevelt wprach, umfassen Dnmokrntic und Öffnung der Welthandctsumge. Die .1 uden der Welt sind gewiss in ihrer über gros* <>n Mehrheit Freunde des Gedankens der Demokratie, insbej sondere In der Form, die Roosevelt wohl meinte Dennoch müssen wir auch heute wissen In einem Zeitpunkt, in dem wir mit den Völkern j de» Westens gemeinsam für den Sieg der Demokratie kämpfen --, das» die Juden frage auch in demokratisch regierten Staaten existiert. wäre verfehlt, an ihre Lösung durch Methoden zu glauben, die ausserhalb der Selbsthilfe des Jüdischen Volke» liegen. Wichtig ist für uns auch zu betonen, dass für alle Schwachen, die inmitten demokratischer Völker leben, ein Zug der Beständigkeit und des Inneren Ausgleichs wünschenswert Ist. Ohne Zweifel Ist dieser Zug in USA vorhanden, nicht weniger in England. Er ist für die Völker selbst von hohem Nutzen, gewährleistet er doch die Stetigkeit der Entwicklung. Unsere Hoffnung geht dahin, dass die Zeit nach dem Kriege eine E r s t a r k u n g der Demokratie und zugleich ihre innere AuAihatarccIerun g in dem hier geschilderten Sinne bringen wird. Die Forderung auf O^nunp der Weithandelstoege richtet sich gegen die Autärkiebestrebungen mancher Staaten. Wir wissen, dam in vielen Ländern die Verfechter der Autarkie uns Juden nicht geliebt haben und nicht lieben. Der Wlrtschaftsnationallsmu* sah nicht gern sogenannte „Fremdkörper" Im eigenen Wirtschaftsgefüge, als die man die Juden betrachtet. So wenig die Juden der Welt in dieser Frage eine einheitliche Stellung haben können, so klar Ist es doch, dass sie als Handeltreibende an Beschränkungen des Handels nicht interessiert sind. Dennoch verkennen wir von Palästina aus nicht die Schwierigkeit, denen die Wirtschaft kleiner Länder ausgesetzt ist, wenn nie ohne Schutz dem Internationalen Wettbewerb unterliegen. Wir glauben daher, dass das Prinzip der offenen Handelswege als Korrelat von der Forderung begleitet sein muss, dass sich die grossen Konkurrenten auf dem Weltmarkt gewisse Belbstbesehrünkungen auferlegen, dass sie nach dem Prinzip: Leben und leben lassen handeln und bei der Neuordnung der wirtschaftlichen Beziehungen nicht nur der Freiheit eine Gasse bahnen, sondern auch für einem billigen Ausgleich zwischen den Starken und den Schwachen von sich aus Sorge tragen. Stockholmer Notizen Von unserem Korrespondenten H R Stockholm, Ende Januar Im „Zionisten Verein" las Dozent Hugo Valentin aus dem Manuskript seines im März erscheinenden Buches „Palästina als politisches Problem" und erwies steh als gründlicher Kenner der Materie, vereint mit der ihm eigenen objektiv-ehrlichen Beobachtungsgabe palästinensischer Probleme. Gleichzeitig wurde mitgeteilt, dass in Schweden in Kürze eine grossangelegte Palästina-Aktion stattfinden wird, deren finanzielles Resultat zur Gründung eines ,JRfar Bkandinavia" in Eres Israel für polnische Flüchtlinge beitragen soll. — Seit dein Jahre 1983 befanden sich 4M Chalusim in Schweden, von denen 301 nach Palästina ausgewandert sind; für den Kibbuz Svartingstorp (Südschweden) trägt das Hilfskomitee der Stockholmer Jüdischen Gemeinde seit 1937 jährlich 12.000 Kronen bei. Schweden wurde besucht von dem Präsidenten des Jüdischen Invalidenverbandes in Haifa, Jehuda oe» Abraham, dsr mit den hiesigen jüdischen Orsjanisationen in Kontakt getreten Ist. Sein Besuch fand auch in der Tagespresse durch Interviews („Dagens Nyheter") Widerhall. „Trat* Allt" (Trotz Allem) nennt sich eine neugegründete demokratische Wochenzeitschrift unter der Redaktion des demokratischen Schriftsteller Türe Nerman, die den Nationalsozialismus aufs Schärfste bekämpft Auf Veranlassung des deutschen Gesandten in Stockholm wurde Nr. «des genannten Blattes wegen eines Leitartikels „Hitler und die Höllenmaschine" beschlagnahmt und der Redakteur su drei Monaten Gefängnis verurteilt, was eine ausführliche Polemik in der schwedischen Tagespresae Uber die eingeschränkte „Pressefreiheit" zur Folge hatte. Im Jüdischen Jugendklub*4 hielt Prof. M. Ehrenpreis einen ausserordentlich beachtenswerten Vortrag über .Jüdische Substanz", der aktuelle Religions-Philosophie enthielt. Prof E, wurde anlässilch seines 70. Geburtstages letzten Sommer zum Ehrenmitglied des Jugend-Klub« ernannt; im Gemeindesaal wurde sein von Prof Isaac Grunewald gemaltes Porträt feierlich enthüllt. Herr Gelnusr Josephson hielt dl« Festrede. Mit aufrichtigster Freude wurde in allen hiesigen jüdischen Kreisen das Wiedererscheinender „JWR" begrüsst. Aus Australien In Neu-Süd-Wale* (Australien> wurde ein Verbot erlassen, das den aus Deutwchlawl stammenden Arsten das Praktizieren verbiegt Ein Teil der Öffentlichkeit nahm für die Flüchtlinge Partei. Der Premierminister erkläre: „Diese Arzte sind noch Staatsaitgehörige eines Landes, mit dem Australien im Kriege steht. Wenn sie nicht völlig anders geartet sind als wir. dann ist ihr Herz auf Seiten Deutschland*" ■ - Es ist nach allem was geschehen ist. merkwürdig, <tass der Reglerungschef dieses grossen Landen offenbar au »er Stande ist zu begreifen, was in Deutschland vorgegangen ist und welche tiefe Kluft zwischen den ausgewanderten Juden und Hitler-Deutschland notwendiger Weise besteht Diese vertriebenen Juden fühlen in allen Ländern vor allem Dankbarkeit für dun Land, das ihnen Asyl gewährt

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