Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 7 (19.2.1940)
- Date
- 1940-02-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 4 JÜDISCHE WELT RUNDSCHAU 19. Februar 1940 Die Woche in Palästina om EXfiomomeonn Die Ankunft der australischen und neuseeländischen Truppen in Ägypten und Palästina wird allgemein als ein groa»M Er* elgnia empfunden. Es iat ein Symbol für die Solidarität de« britischen Weltreiches, die »Ich nun schon im zweiten Krieg bewährt, entgegen allen pessimistischen Prophezeiungen. Die Truppen wurden herzlich willkommen geheissen. Ihre Unterbringung In Palästina vollzieht steh schnell und reibungslos. (Das Ereignis ruckt vor der ganzen Welt die strategische Bedeutung Palästina* Ins rechte Licht. Die Zusammenziehung einer Militärmacht an dieser Stelle beweist, das« die Alliierten für jede Eventualität bereit sind. In Syrien befindet sich schon seit geraumer Zeit eine grosse französische Garnison unter dem Kommando von General Weygand, der vorige Woche als Gast des englischen Oberkommandanten General Wavell in Kairo war. Bei der Betrachtung der Frage, ob mit einem Angriff auf das Gebiet des „Mittleren Ostens" von irgend einer Seite zu rechnen ist, schreibt die Jerusalemer ,JPalestine Post"; „Man hat den Gerüchten Uber eine bevorstehende Aktion gegen die Alliierten in diesem Gebiet vielleicht überschätzt. Angesichts der letzten militärischen Erfahrungen Russlands scheint es unwahrscheinlich, dass Moskau einen Vormarsch gegen Iran (Persien) versuchen wird. Dies wäre eine Herausforderung, die England und Frankreich gewiss nicht unbeantwortet lassen könnten und die sicher damit enden würde, dass Russland seine Herrschaft Uber .die Ölleitung Baku-Batum und die zugehörige Eisenbahn verliert. "Ebenso kann man sich nicht vorstellen, was Deutschland von einem Angriff auf Rumänien gewinnen könnte. Aber die Haupt-Abschreckung für beide bleibt das Vorhandensein alliierter Truppen, die stark genug sind, um mit jeder Gefahr fertig zu werden." In diesem Zusammenhang verdienen auch die kürzlich in der Londoner „Times" abgedruckten Berichte Erwähnung, wonach die deutschen Truppen in Ostgallsien für Odessa bestimmt sind, von wo sie in den Kaukasus gebracht werden, um die russische Offensive gegen die Türkei vorzubereiten. Deutsche Offiziere und Ingenieure leiten die Befestigung des ölgebletes. In einem solchen Fall würde* zweifellos die alliierten Armeen den Türken zuhilf« kommen, und die Aussichten eines solchen russischen Vorstosses werden wegen des Terrains sehr skeptisch beurteilt. Jedenfalls würde Palästina dann eine wichtige Operationibaais sein, und es mehren sich die Stimmen, die darauf hinweisen, wie wichtig einerseits die rechtzeitige Heranziehung der zum Dienste bereiten jüdischen Bevölkerung Palästinas, anderseits die Schaffung eines industriellen Zentrums in Palästina, wozu die Anfänge schon vorhanden sind, wäre. Der Kommandant der neuseeländischen Truppen ist Gen. Major C. B. Freyberg, der sich schon im vergangenen Krieg ausgezeichnet hat Das australische Expeditionscorps im vorigen Weltkrieg war bekanntlich von General Monash geführt, der Jude war. Der Staatssekretär für die Dominien Anthony Eden traf am IS. d.M. In Palästina sin, um die Expeditionscorps au toegrüssen. Der High Commissioner 81r Harold MacMichae! begab sich Im Flugzeug in das Lager. Mr. Eden kehrte noch am selben Tag im Flugzeug nach Kairo zurück. NUBERMANNI BESUOH Unter dem Vorsitz von Hubermann fand eine Sitzung des Verwaltungsrates und der lokalen Komitees des Palästina Orchesters statt, wobei finanzielle und musikalische Fragen besprochen wurden. Hubermann gibt ausserdem au Gunsten der notleidenden Studenten der Universität Jerusalem ein Sonderkonsert Die jüdische Arbeiterorganisation überreichte Hubermann in Tel-Avlv ein Gemälde des palästinensischen Malers Kulviansky, das ein Konzert des Palästina Orchesters darstellt Hubermann betonte in seiner Ansprache, dass nach seiner Meinung das palästinensische Publikum besondere Ehrung verdiene und forderte dazu auf. in schwierigen Krlegaseiten die Arbelt des Orchesters su würdigen, auch wenn keine Solisten mit grossem Namen mitwirken. LORD SAMUEL M MUSTHM Am letzten Sonntag ist Lord Samuel zu einem kurzen privaten Besuch In Palästina eingetroffen und als Gast von Rutenberg In dessen Hause auf dem Karmel abgestiegen. Lord Samuel ist Präsident' der Palestine Electric Corporation. Er war (als Sir Herbert Samuel) der erste High Oomm Ission er Palästinas von 1920— 1928. Lord Samuel führt In seinem Namen das Prädikat .vorn Berge Karmel' (of Mt. Carmel). Im Hause von Rutenberg fand ein Empfang zu Ehren von Visoount Samuel statt, an dem die Vertreter der Behörden und der englischen, jüdischen und arabischen Bevölkerung teilnahmen. Lord Samuel besuchte von Haifa aus die neue jüdische Siedlung Dafne in Obergaliläa Im Nordgebiet von Hule, ferner das Rutenberg-Wasserwerk am Tiberlassee. In Haifa stattete Lord Samuel der Stadtverwaltung einen Besuch ab. Am 14. Februar ist Lord Samuel In Jerusalem eingetroffen. Im Jerusalemer Rundfunk hielt er einen Vortrag Über die Kriegslage. In einer Sonderveranstaltung der Hebräisüketi Universität Jerusalem, spricht Lord Samuel am 19.2. Uber das Thema „Die englische Regierungsmethode". AUS DEB CHRONIK Der Chief Rabbi des britischen Empire, Dr. Hertz, ist In Haifa angekommen und im Sanatorium Loeb abgestiegen. Die Passaglere des FlUchtlingsschiffes ..Hilde", dessen Ergreifung wir kürzlich meldeten, sind an Land gebracht und im Barackenlager Atlit unter Polizeibewachung untergebracht worden. Der Waad Leumi hat soeben für LP.6.700 das Haus in der King George Ave.. Jerusalem (gegenüber der Jewish Agency) erwerben, wo gegenwärtig das Goldsmith Hotel untergebracht ist .Das Haus wird jedoch erat in einem Jahr von den Büros des Waad Leumi bezogen werden können, da vorläufig noch Mietsverträge laufen. Der Erwerb dieses Hauses ist eine Folge der grossen Erweiterung der Tätigkeit des Waad Leumi unter den neuen Verhältnissen. Über das Arbeits-Statut, das, wie gemeldet, vom Waad Leumi vorbereitet wird, iat nooh keine Einigung erfolgt. Daher musste die bereits einberufene Plenarsitzung immer wieder verschoben werden. Die Hadassah kündigt eine Ausschreibung für den Bau eines neuen Spitals in Haifa an. Das neue Gebäude soll 122 Betten und alle modernen Einrichtungen enthalten. Der Waad Leumi trägt LP. 15.000.— aus den Eingängen des Mass Cherum und die PICA ebenso viel bei. Pläne für den Bau werden bis zum 14. März entgegengenommen. Insgesamt sind Preise von LP. 230.— ausgesetzt. Die Stadtverwaltung Tel - Aviv vergab für rund LP. 10.000.— den Bau einer Quarantäne-Station für Schlachtvieh im Hafen. Ferner wurde ein Kontrakt zur Verbesserung des Strandes über LP. 19.000.— geschlossen. Die Bau-Kooperative, die diese Arbelten übernimmt, wird einen Quai und eine Promenade bauen, sowie Stiegen zum Strand und Bänke längst der Promenade. Das Finanz-Komitee der Stadt Tel-Aviv hat Ersparnisse von LP. 10.000.— bis 15.000.— vorgeschlagen, um das Budget zu balancieren. Demnächst beginnt In Jerusalem der Bau des Archäologischen Instituts der Universität und der Turnhalle für Studenten auf dem Skopus, deren Gesamtkosten LP. 18.000.— betragen werden. Wie jetzt gemeldet wird, hat die Jewish Agency im Verein mit der Anglo Palestine Bank LP. 300.000 für Einfuhr von Lebensmitteln und Rohstoffen als Kredite an Institutionen und GrosskaUfieute während der ersten Kriegsmonate gegeben. Ein Zeichen der verbesserten Sicherheitsver- Kältnisse ist die Beseitigung der wahrend der Unruhen errichteten Stacheldrähte an den Grenzen gemischter Wohnviertel in Haifa. Auch eine Reihe von Sicherheitsbarrieren, die im arabischen Schuk (Markt) errichtet waren, wurden jetzt beseitigt. Ein Araber Hussein Bishr, der am 9. November in der Nähe von Safed mit einer geladenen Pistole und anderen Waffen sowie im Besitz von aufrührerischen Briefschaften getroffen wurde, ist vom Militärgericht Haifa zu lebenslänglichem Kerker verurteilt worden. Drei Araber, die während der Unruhen als „Präsident", „Vizepräsident" und ..Beisitzer" eines sogenannten Aufständischen Gerichtshofes In einem arabischen Dorf fungiert hatten, wurden vom Militärgericht Jerusalem wegen Waffenbesitz im Jahre 1938 su drei Jahren Gefängnis verurteilt. Mehrere jüdische Doktoren haben sich jetzt wieder In Jaffa niedergelassen. Auch In den arabischen Orten Ramleh und Lydda haben jüdische Arzte wieder zu praktizieren begonnen. „Dawar" meldet das Wiedererscheinen von jüdischen Anzeigen in arabischen Zeitungen. Es wird gemeldet, dass in Jerusalem eine arabische Arbeiterorganisation gegründet worden ist, deren Statuten der Regierung eingereicht wurden. Nach einer Verordnung des High Commlssloners dürfen telephonische Auslandsgespräche künftig nur in einer der folgenden 4 Sprachen geführt werden: Englisch, Arabisch, Hebräisch oder Französisch. Die Verwaltungsstelle für feindliches Eigentum (Custodian of Enemy Property) hat das Eigentum von 89 Personen deutscher und zum Teil polnischer Staatsangehörigkeit in Palästina übernommen. Die S9 namentlich angeführten Personen gehören teils zu der christlichen deutschen Templergemeinde, teils sind es Juden. Der Disziplinargerichtshof annulierte die über den Rechtsanwalt Max Sellgman nach seiner Verurteilung wegen Mithilfe bei der Organisierung illegaler Einwanderung für 5 Monate verhängte Suspendierung. Es wurde festgestellt, dass Seligmann „keine unehrenhafte Handlung" begangen hat, und dass daher, nachdem er seine Gefängnisstrafe abgesessen hat, keine Bedenken gegen die weitere Ausübung seiner Praxis bestehen. Die zwei grossen Auto-Kooperativen „Kesher" und „Aviv", die einen grossen Teil des Verkehrs zwischen den Städten Palästinas besorgen, haben sich zu einer einheitlichen Gesellschaft verschmolzen. Vorausgegangen war ein scharfer Konkurrenzkampf, der zu einer beträchtlichen Herabsetzung der Fahrpreise geführt hat. Durch die Veroctanelzung wird eine neue Tarifpolitik ermöglicht, die einen Zusammenbruch des Gewerbes verhindert. In beiden Gesellschaften sind zahlreiche Einwanderer aus Deutschland tätig. Der Budget-Voranschlag für die Verwaltung von Hadar Ha karmel (jüdisches Wohnviertel von Haifa) beträgt LP. 85.000 — Erste Absolventta tkr Liiwlg Tittz-Sckdt Am vergangenen Donnerstag fand in Jagur die feierliche Verteilung der Zeugnisse an 57 Absolventen der Ludwig Tietz-Handwerkerschule statt. Es sind dies die ersten Schüler, die ihre Ausbildung in diesem Institut beendet haben, darunter die grosse Mehrheit Jungen aus Deutschland. Dr. Ruppin hielt eine Ansprache, worin er die Bedeutung dieser Schule würdigte. Die Schule trägt den Namen von Ludwig Uetz, der aus der „Centralverelns"»Jugend In Deutschland hervorgegangen, ein warmer Anhänger des Palästina-Gedankens wurde und auch in die Jewish Agency eintrat. Er war einer von denen, die über Parteidifferenzen hinweg das deutsche Judentum zu gemeinsamen Taten zu vereinigen verstand. Die zu seinem Andenken errichtete Schule Ist das gemeinsame Werk der jüdischen Institutionen aller Richtungen .darunter auch des „Centraisvereins", der gewiss vor 30 Jahren nicht geträumt hatte, dass er sich in Palästina ein derartiges Denkmal schaffen wird, da* segensreich wirkt noch zu einer Zeit, wo vom C.V. selbst keine Spur mehr geblieben ist. Mit der Feier war eine kleine Ausstellung verbunden, die die Entwicklung der Schule und Arbeiten der Jugend betraf. Von den Absolventen werden 43 in den ländlich*.! Siedlungen und Kibbuzim als Schmiede und Tischler ar betten. „Ichud Schiwath Zion", die nationaV-religiAM Vereinigung in Tel-Aviv, die vorwiegend Einwanderer aus Deutschland zu ihren Mitgliedern zählt, berief eine ausserordentliche Generalvarsammlung ein. bei der die zahlreich erschienenan Besucher einstimmig den Bau eines eigenen Bat- und Lehrhause» batchlocaen. Das neue, repräsentativ geplante Gebäude soll in Tel-Aviv «r Erinnerung an die im Deutschland neretörten Synagogen errichtet werden und dementsprechend den Namen „Hechal Hasikaron" führen.