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Jüdische Weltrundschau · 1940-02-19 · 7 (19.2.1940) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
7 (19.2.1940)
Date
1940-02-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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10. Februar 1040 JODISCHE WELT-RUNDSCHAU Settel Jüdische Bereitschaft Von Dr. Mayer Ebner (Cernauti). Die „Jüdische Welt-Rundachau", deren Wiedereracheinen wir besonders herrlich begrüsaen, weil wir deutschlesende Juden Mittel- und Südost-Europas dieses jüdische Weltblatt sehr vermisst haben, hat in ihrer Nummer vom 5. Januar d. J. Im Hinblick auf eine über lang oder kurz einzuberufende Friedenskonferenz eine Zusammenfassung unserer jüdischen Kräfte angeregt, damit wir gerüstet sind, wenn die glückliche Stunde schlägt. Die „Jüdische Welt-Rundschau" wünscht ein Zusammenwirken und eine öffentliche Aussprache. Nicht genug oft kann gesagt werden, dass das schmähliche Schauspiel der jüdischen Zerrissenheit und Planlosigkeit, die bei manchen Gelegenheiten zutage traten, sich nicht wiederholen darf. Man muss daher rechtzeitig für eine Klärung in der jüdischen öffentlichen Meinung sorgen. I. Wir müssen uns vorerst darüber klar werden, dass es ein einheitliches Judentum auf der Welt nicht gibt, und dass uns ein von einer Mehrheit ausgehender staatlicher Zwang fehlt. Alles, Was wir schaffen, beruht auf Freiwilligkeit, und einig sind wir »iür im Negativen, d. i. in der moralischen Abwehr von Verleumdungen und von Angriffen auf Leben und Eigentum unserer in der ganzen Welt zerstreuten Volksgenossen. Wir sind auch eines Sinnes in der Verteidigung der durch die Juden-Emanzipation erkämpften bürgerlichen Gleichberechtigung g. Dies war nach gemachten Erfahrungen die Gemeinsamkeit in unseren gesamtjüdischen Bestrebungen. Nun gilt es für die Lösung der Judenfrage, die heute aktueller ist denn je, einen gemeinsamen Nenner zu finden, und es ist klar, dass die nur auf dem Wege der Verständigung und gegenseitiger Nachgiebigkeit möglich ist. Man wird den Weg des Kompromisses gehen müssen, um zu einer Einheitlichkeit unserer friedensprogrammatischen Forderungen zu gelangen, und auch wir Zionisten werden, obwohl wir die stärkste Partei im Judentume sind, anderen Gruppierungen Rechnung tragen müssen. Die Juden werden alle theoretischen Streitfragen auaschalten müssen. In dieser schwersten aller Zeiten ist es müsaig, darüber zu streiten, ob wir eine Nation oder nur eine Religionsgesellschaft sind. Wir werden uns zu der Herzl'schen Formel von der von einem gemeinsamen Feinde bedrohten Gruppe bequemen müssen. n. Ob Nation, Volk oder Religionsgesellschaft — unseren Feinden ist diese Frage gleichgültig, und in Wahrheit ist Gegenstand ihres Hasses nicht der Glaube, sondern der lebendige jüdische Mensch. Auch ob wir wirklich eine von den sog. „Ariern" verschiedene Rasse darstellen, ist den Antisemiten der Gegenwart ganz gleichgültig. Wer Jude ist oder von jüdischen Eltern abstammt, ist Gegenstand ihres mehr oder weniger aktiven Hasses. Die in manchen Ländern bekundete zweite Komponente des Antisemitismus — die Verachtung — ist nicht aufrichtig. Denn gerade in der Hochschätzung unserer Qualitäten Hegt die schier ewig sprudelnde Quelle des Judenhasses. Missgunst kann man aber lüeht entwaffnen, es sei denn, man tut von sich dies ab, was diese Missgunst hervorruft. Dies kann man nicht und soll man nicht. Es gibt keine Gemeinschaft, die ihre sie auszeichnenden Qualitäten verleugnet oder von ihnen deswegen keinen Gebrauch macht, weil sie nicht den Neid der Götter auslösen will. Der Preis wäre zu hoch und von den beiden Komponenten des Antisemitismus ist Haas erträglicher als Verachtung. In dieser Erkenntnis von der U n v e r - söhnlichkeit unserer Feinde und der Sakularität des Judenhasses, der uns durch unsere Geschichte wie ein Schatten begleitet, müssten alle führenden jüdischen Menschen einig sein. Man müsste sich auch darüber klar sein, dass unsere Gemeinschaft, mag sie wie auch immer genannt werden,! freiwillig nicht untergehen kann, auch wenn sie es wollte. Es gehört zum eisernen Bestände unserer zionistischen Argumentation, dass auch die Massentaufc unsere Existenz nicht auslöscht. Assimilation war eine Halbheit, und dort, wo sie zur Taufe und zur Mischehe geführt hat, hat sie nur individuelle Lösungen gebracht und auch diese nur unvollkommen. Die Zerstreuung über die Welt (Diaspora) hat wohl die Erhaltung des Juden tu mos ermöglicht, hat aber auch die Verbreitung des Antisemitismus gefördert. Unsere Existenz als Minderheit, die sich namentlich in Zentraleuropa sowohl ethnisch, als auch religiös von den Mehrheitsnationen auffallend unterschied, wirkte wie eine Spitze auf den elektrischen Blitz. Wir waren und wir sind Uberall auch der Punkt des geringsten Widerstandes und ein beliebtes Objekt für politi sehe Diversionen. Unsere führenden Menschen müssen sich auch diese durch tausend Erfahrungen bestätigten Tatsachen zu Gemüte führen und allen ohne Unterschied der Partei und?er Weltanschauung müsste die Erkenntnis aufdämmern, dass ein ruhiges, gesichertes und nach menschlichen Masstäben glückliches Leben den Juden in der Diaspora nicht beachieden ist — namentlich nicht dort, wo sie in Massen leben und der Charakter als Minderheit auch äusserlich stärker betont ist. Diese Erkenntnis muss zur Forderung einer wenn auch nur teil weisen freiwilligen und allmählichen Abwanderung führen, aber nicht zu einer solchen, welche jüdische Minderheiten in anderen Ländern der Diaspora naturgemäss beeinträchtigen muss und zur Steigerung einer vorhandenen antisemitischen Disposition führen kann. III. Ich glaube, dass alle diese Prämissen jedem denkenden Juden heute geläufig sind, und dass sie mit zwingender l^ofclk zur Forderung einer t e r r 11 o r i e 11 c n Lösung der Juden frage führen mU.won; <l h ein Teil der Judenschaft Mitteleuropas, den die ökonomischen Verhältnisse zur Auswanderung zwingen, muss in ein Territorium überführt werden.wo er in seiner nationalen und religiösen Eigenart, frei und unabhängig sich ökonomisch, zivilisatorisch und kulturell zu einer politisch souveränem Gemeinschaft entwickeln kann. Ich glaube, dass bis zu diesem Punkte eine Einigung unter den vor der Friedenskonferenz agierenden Repräsentanten der Judenschaft hergestellt werden kann. Meinungsverschiedenheiten wird es wohl geben in der Frage der Wahl des Territoriums oder einer Mehrzahl von solchen. Auch die Frage der Sicherung der in den Ländern der Diaspora verbleibenden jüdischen Minderheiten wird auf Schwierigkeiten atossen, zumal der nach dem vorigen Weltkriege statuierte Minderheitenschutz so ziemlich überall versagt hat. Schwierigkeiten werden auch entstehen in der Frage der Rückwanderung jüdischer Flüchtlinge und deren Entschädigung für in den verschiedensten Formen erfolgte Enteignungen. Alle diese Fragen müssen schon jetzt Gegenstand öffentlicher Diskussion und der Beratung in jüdischen Weltkonferenzen sein. Uns Zionisten wird wohl die führende Rolle zufallen, und ich glaube schon jetzt sagen zu können, dass die zionistische Lösung durch einen wenn auch kleinen Judenstaat in Patikstina unter gleichzeitiger Besiedelung anderer Territorien durch jüdische Massen unter Statuierung einer einheitlichen jüdischen Staat»" bürgßrschaft auf diesen Gebieten die beste Aussicht auf Erfolg haben wird. Diese jüdischen Kolonien werden das kleine Palästina entlasten und dem werdenden Judenstaat eine gesunde, ökonomische und politische Entwicklung ermöglichen. So klein dieses jüdische „Imperium" auch sein wird, es kann und es wird im Sinne der göttlichen Verheissung ein Segen werden für alle Völker. Man kann mit der Vorberatung und Vorbereitung dieser oder einer Lösung des Problems überhaupt nicht früh genug beginnen. DIE ROLLE PALÄSTINAS DiirciuStTKkmroci aad. SHostta? Bei einer Konferenz des Keren Kajemeth für Grossbritannien und Irland sprach in London Prof. Brodetsky über die Lage in Palästina. Er sagte u.a., es sei dem Jischuw hoch anzuschreiben, dass er eine so besondere Hingabe an die Sache der Alliierten gezeigt habe. Er müsse jedoch seiner Bnttämchuntf ~ milde ausgedrückt über die Politik der Regierung in Bezug auf Eimmnäerung Ausdruck geben. Er bejfrüsste den Artikel in der „Times" von ihrem Jeiusnlemcr Korrespondenten, der die Einwanderung von jungen Juden aua den Jcschiwoth in Polen befürwortete, und fragte, welcher Schaden, wirtschaftlich oder politisch, verursacht werden könnte, wenn viel Tausend« von polnischen Juden, für die es Raum gäbe und deren Verwandten bereit seien, sie aufzunehmen, nach Palästina £chen könnten, besonders in Hinsicht auf die Tatsache, daxs Polen, Juden und Nichtjuden, Alliierte seien. Dr. BrodetaUy fuhr fort, es gäbe einen weiteren Grund, warum es ao wichtig »ei, dass Einwanderung weiterginge. Es sei klar, dass angesichts der stagnierten Kriegslage in Europa die entscheidende Möglichkeit eines Durchbruchs des Feindes nach dem Südosten ins Mittelmeer und Kleinasien bestände. Palästina tei, was Bevölkerung. Lage und natürlich« Reichtümer beträfe, ein Faktor, der der Bache der Alliierten von grösstem Wert sein könnte. Es wäre daher wei§e, wenn die Regierung diejenigen Elemente im Lande ermutiget würde, die ein natürliches Bollwerk gegen die dunklen Kräfte darstellen. Lord Tweedsmuir Die Nachrichten vom Ableben des Gouverneurs von Kanada. Lord Tweedsmuir, hat auch in jüdischen und zionistischen Kreisen lebhaftes Bedauern hervorgerufen, war doch Lord Tweedsmuir ein aktiver Freund de« Zionismus. Unter »einem früheren Namen John Buchtn war er als Unterhausmitgüed für die schottischen Universitäten Präsident des parlamentarischen Palästina-Komitees, wo er wiederholt ebenso wie im Parlament mit grosser Entschiedenheit für die zionistische Sache eintrat Der Verstorben« war als Schriftsteller in England sehr bekannt und hat eine bedeutende Karriere gemacht, seitdem er im Burenkrieg Privatsekretär von Lord Milner war. Erst vor einiger Xeit wurde gemeldet, dass Dr. Weizmann anläßlich seines Besuches in Amerika die Absicht hat, seinen alten Freund Ix>rd Tweedsmuir in Kanada einen Besuch abzustatten. Das Ableben dieses Mannes gerade in diesem Moment ist ein grosser Verlust für das britische Weltreich. Wir Juden bedauern das Hinscheiden einer Persönlichkeit, dl« besonder» geeignet war, eine Brücke zwischen dem Weltreich und dem jüdischen Volk herzustellen.

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