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Jüdische Weltrundschau · 1940-02-12 · 6 (12.2.1940) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
6 (12.2.1940)
Date
1940-02-12
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
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12. Februar 1940 JÜDISCHE WELT RUNDSCHAU Mt*7 Wo finden wir Halt? Zur religiösen Frage der Gegenwart Es braucht keiner Einleitung und keine« Beweises für dfc Tatsache, dass wir in einer Zeit leben, in der alle Begriffe und alle anscheinend so frxt.j*'\rurzrltcn Ans*hauungrn ins Wanken geraten. „Wo finde ich Halt?" raunt's uns heute nicht mehr leise In die Ohren, nein, es schreit uns geradezu entgegen aus der ganzen Welt, gleichgültig, wohin wir unseren Blick richten. Der Ruf nach Religion wird wieder vernehmbar. Noch Ist er zaghaft und schüchtern und mancher, der auch in seinem Innern wieder die Sehnsucht nach der heute so selten gewordenen Kunst. Glauben zu haben, verspürt, lässt nichts davon an die Oberflache dringen. Halt er sich doch selbst für schwach und weiss nicht, da«* er auf dem Wege ist, den Halt, den er in der Auasenwelt nicht mehr finden ki;nn, in der Innenwelt tu suchen. Wüsstc er, wie Instlnktsleher er den Weg geht, den die Menschheit von jeher gegangen ist, dann beschritte er diesen Weg klarer und sielbewuaster. Aber noch tnppt er im Dunkeln, wie «oll er, der durch Generationen hindurch gelernt hat, nur «ein äussere* Auge zu betätigen, wissen, dass er auch ein inneres Auge besitzt, welche« ihm Wegweiser sein kann? Ks gibt kein Rezept für alle, dieser Weg nach innen ist so vielfältig wie das Leben selbst, der eine geht ihn ohne «* selbst zu bemerken, gleichsam wie im Traum, er gehört zu jenen, die dann Hitgen: ,.Ich hatte so eine Ahnung", oder „Wie gut, dass ich damals so handelte!" Das heisst nichts anderes, als dass er unbewusst mit Hilfe «eines AhnungsvermöKens oder seines inneren Auges Dinge sah zu einer Zeit, in der er in dem Blickfeld seines äusseren Auges vergeblich darnach gesucht hätte. Ks braucht wohl kaum betont zu werden, dass sowohl das Äussere wie auch das innere Blickfeld jedes Menschen ebenso unabänderlich zu seinen ihm eigenen Gegebenhelten gehört, die er genau so in seine Lebensrechnung miteinbeziehen muss wie etwa »eine körperlichen, intellektuellen und sozialen Bedingungen. Mancher Mensch wird erst in dem Augenblick, in den Ihn da» Schicksal in gewaltigste Äussere Unsicherheit und tiefste Ausweglosigkeit stürzt, des inneren Auges gewahr, das ihm In aller ihn umgebenden Finsternis einen fernen Lichtschein zeigt. Unwichtig '.3t, ob dieses Licht von seinem Bewusstsein wahrgenommen wird oder nicht, wichtig und ausschlaggebend allein Ist die Leuchtkraft dieses Lichtes, ob es fähig ist das Innere des Verzweifelten und Suchenden so zu erhellen, das» er plötzlich weiss, wo er steht, nicht nur wo er auf der Erde, sondern auch wo er In der Welt steht. Dies Wissen wird auch sein äusseres Blickfeld vergrösaern und ihm neue, ihm bislang ungangbar erscheinende Möglichkeiten eröffnen. Er wird die Beschränktheit und Enge seinen bisherigen Standpunkte» erkennen, der lediglich nach seiner althergebrachten Gewohnheit und Lebensweise festgelegt war. Je mehr sich «in Mensch in die Welt, die eben aus Erde und Himmel besteht, verflochten weiss, mit desto mehr Kraft j und «icnerheit wird er ein neu«) Ziel Süthen. Wer nur einziges Mal erlebt h.U, daas ihm Hilfe goworden l*t, da, wo sein Bewusatsein absolut keine Kettung mehr sah.j wird anh dessen im Augenblick neuer Not erinnern. Es hegt;; an ihm. ob er gegen som Schicksal revoltiert und sich umj werfen liuj.it, oder ob er die ücit, in der aussen alle« auf; lange Sicht verhängt zu sein scheint, in eifriger Arbeit be- I 1 nutzt, um innen einen Schleier nach dem anderen zu lüften, |! um endlich iu erlebe n, was in Ihm I s t. j : „Wo die Not am grossten, ist Gott am nächsten!" Da» innere Auge führt uns letzten Endes wieder zum Gottcserlebinis. lind so musste es richtig hetssen; Nicht die Leuchtkraft \ dieses Lichtes ist ausschlaggebend und wichtig .sondern unsere Fähigkeit, alle Schranken und Wände einzustürzen, die uns hindern, es zu sehen oder zu erleben. Aber 'diese Fähigkeit ist eine Kunst, die lange geübt worden muss; | wie mancher mächte heute glauben und erlobt zu seiner Ent- 1 Uiuschung. das'* sein Wille in dieser Richtung versagt. | ..LH« Antwort auf die Frage: „Wo finden wir Halt?" lautet jttehr sehlicht und einfach: In Gott! Ein Feld bleibt uns, dessen Bearbeitung schnelleren Fruchtertrag verspricht: Es sind die Kinder! Sie haben ■ noch den lebendigen Glauben und das lebendige Gottsuchen in »ich. i Am meisten nutzen wir dem Kinde dadurch, dass wir | ihm helfen, seinen Ihm eigenen Weg aufzufinden. Das Ist oft | eine harte Arbeit, welche die Geduld und die Liebe von Filtern und Lehrern auf keine geringe Probe stellt. Oft sind los ja die wertvollsten Menschen, welche als Kinder dfo | grössten Schwierigkelten machen. Diese Kinder stellen die | Erwachsenen zuweilen vor anscheinend unlösbare Probleme, j Nur demjenigen, der fähig ist, sich selbst möglichst auszui schalten und alle vorgefassten Meinungen und Theorien bel- Ueite zu schieben, gelingt es manchmal, in solchen für Kind; und Erwachsene gleich unerfreulichen und aufreibenden ] Situationen die Spannung, die Im Kinde ist, zu ei.'ühlcn. iWer aufmerksam Kinder beobachtet, wird mit Ergriffenheit; staunen, mit welch tiefen Fragen selbst Vier- und Fünfjährige i sich schon quälen, auf die ihnen entsprechende Weine, ohne jdass es Ihnen bewusst wird. Nur der Erwachsene, der die < Fragen nach Sinn und Herkunft alles Seins noch lebendig j in sich erhalten hat —■, ist fähig, die Spannung und den \ Ernst in dem Kinde wahrzunehmen. Und diese» wiederum besitzt Instinktsicherheit genug, dass e« seine Seele nur dem | öffnet, bei dem es Resonanz findet.! Die Zukunft unserer Kinder können wir heute nicht mehr sichern, umsomehr ist es unserer ganzen Hingabe wert, dass wir sie nicht hindern, alle ihre Funktionen und Kräfte zu entfalten. Wir können sie weniger denn Je vor Leid verschonen, versuchen wir, sie von früh an so zu lenken, das» sie einst als erwachte Menschen fähig sind, die Frucht zum Reifen zu bringen, deren Same in aller heutigen Wirrnis entsteht. Dr. Marg. Rachel Brab a n d (Haifa). Das Wachstum tob Hadar Hakarme! Nach der letzten vom Waad Hakehiüah durchgeführten Zahlung hatte Gross-Haifa im April 193» eine jüdische Einwohnerschaft von 54.743, von denen nach Abzug der Vororte wie Bath-Galim, Neveh-Sha'anan, Har Hakarmei und vor allem der im Emek Zebuion, 32.052, d. n über «0% auf dem Hadar Hakarmei lebten. Bis zum Herbst 193S erhöhte sich diese Zahl — gemessen an der Zunahme der Wusserver braucher um rund 2000 und dürfte heute bei mindestens 38.000 stehen. Für diesem Zuwachs der Bevölkerung des Hadar, der u.a. auch durch den Zuzug aus den gefährdeteren Bezirken der unteren Stadt verursacht wurde, sind im Jahre 193Ä R4 neue Häuser gebaut und?A Erweiterungsbauten durchgeführt worden mit einer Baufläche von 55.000 qm. (Vorjahr «7.000). (Weiter« 19 Häuser in der Periode Okt. Mai 1839). Der Magen David Adom erhielt ein neues Heim, und für die jüdischen Polizisten wurde ein „Beth Hashotrim" errichtet Immer hc'. ir ziehen »ich Häuser und Strassen den Karmelhang hoch, und der Zeitpunkt ist nicht mehr fem, an dem sie den Kamm erreichen und sich mit dem Wohnbezirk des Karme! selbst vereinigen werden. Dies ist dem Jahresbericht des „Waad Hadar Hakarmei" zu entnehmen, jener Institution, die sich aus einem Wasserverteiiungsamt zu einer Art „Iriah" (Stadtverwaltung) des Hadar Hakarmei entwlckel hat. Ihr untersteht .wie gesagt, Anlage und Organisation des Wasserverteilungsneues. «30.000 cm Wasser wurden im letzten Berichtsjahr verbraucht, fünfzehn mal soviel wie vor sehn Jahren, und die erwartete Verbrauchszunahme macht bereit* den Anschluas neuer Quellen nötig. Der Waad führt heute ferner den Strassen bau im Gebiete des Hadar teils auf eigene Rechnung, teils für die Irtaih Haifa aus (dieses Jahr für rund 10.000 LP. gegen 20.000 im Vorjahr); er legte IM? Meter neuer KanoJisationaleitungen vor allem in dem neuen Viertel Lew Hadar Hakarmei im Werte von LP 3000: er baut« für die Iriah eine öffentlich« Bedürfnisanstalt am Gan Benjamin; er hat seit September!9.'i7 Strassenreinigung und Müllabfuhr auf dem Hadar aia Unternehmer für die Iriah in den Händen (Kosten LP. 3.M00 bei Zahlung von LP. 3000 von der Stadtverwaltung»; er hat jetzt, nach langen Vorarbeiten, Wettbewerb und Finanzierungsverhandlungen den grossen Bau des neuen „Schuk" <Gros»markthalle > für 65 70.000 LP. in der Slrkinstrasse errichtet, und er verhandelt auch mit den vermiedenen Interessenten, um endlich das lange geplante Projekt der Brücke nach Neveh-Shaanari über das Wadi Rushmie durchzuführen. — Die Wasserpreispolitik des Waad Hadar Ha karmei ermöglicht es ihm, Überschüsse zu erzielen, mit denen ei andere wichtige öffentliche Institutionen unterstützen kann. So steuerte er 2000 Pfund zum Erziehungsbudgci des Waad Hekehillah bei, 2000 LP. zum Betrieb des Hadaasah- Krankenhauses, mehrere hundert Pfund für soziale Hilfe und zahlreiche kleinere Beträge für andere soziale und kulturelle Zwecke. Mit allen durchlaufenden Posten belaufen sich Ein* nahmen und Ausgaben auf rund hunderttausend Pfund für i-HH letzte Haushaltsjahr, nicht viel weniger also als bei d |'Haifaer Munizipalität selbst, wodurch «eine Bedeutung f Idie jüdische Bevölkerung hinreichend gekennzeichnet ist.! Alfrrd Markte tHaifa) j Vor einiger Zeit erschien in Amerika ein Roman von Jose/ j Du*nner „If I forget Thee" (Wenn ich Dein vergase*). Es i handelt sich um eine Erzählung au» dem lieben der Gegenj wart, die das Jüdische Schicksal der deutschen Juden mit dem | neuen Palästina verbindet. Helden des Buches sind eine t Zionlstin und ihr Freund, der Anüzloniat Im, aber beim Be- | treten Palästinas (gerade am Tage der Beerdigung Bialiks)! lum Zlonimen wird. Die amerikani*ch-zk:mi*tisch* Zeitschrift ■ „The New Paiestine" schrieb seinerzeit, daas das Buch gerade | für Zionisten in angelsächsischen Ländern ein gute« MitteJ | zionistischer Krsiehung sei. Der Autor ist vor b Jahren aus Deutschland nach Amerika ausgewandert ttlMlISCft Dieser Tage feierte In Amerika Behalom Am* «»einen «O. Geburtstag. Unter andern Umständen wäre dieser Tag von der ganzen Judenhelt festlich begangen worden. Insbesondere in Polen Ist doch Asch der berühmteste lebende polnische Jude. Er wurde Anfang IfWO in Kutno In Polen geboren, und seine erste literarische Tätigkeit galt ganz der Darstellung de* jüdischen Milieus der polnischen Kleinstadt. Hein Buch ..Da» Städtel" war In der Vorkriegszeit (vor 1914) eines der Bücher, das In Westeuropa die Bekanntschaft mit den hesonde r n L«be n sve rhl! * - nissen des (*»t Judentums vermittelte. Aach* Bücher erschienen damals in deutscher Übersetzung Im angesehenen Verlag 8. Fischer In Berlin. Auch »ein Drama .Der Gott der Rache" wurde seinerzeit von Reinhardt In Berlin aufgeführt, wurde auch In vielen andorn europäischen Städten gegeben. Das „Städte!", dessen gemütvolle Romantik, aber auch dessen Konflikte Asch für Europa Jlteraturfähig gemacht hat. ist nun endgültig verschwunden. Nachdem die Revolution es in Russland beseitigt hat, wurde jetzt in Polen das Landjudentum vernichtet. Asoh veröffentlichte eine grosse Zahl von Romanen, aber er blieb nicht bei der Milieuschilderung stehen. Hervorzuheben ist sein Drei- »tädte-Romanzykltis „Petersburg Warschau -- Paris". In seinen letzten Werken treten politische und soziale Probleme neben die menschlichen, und immer stärker wird das Relifftös* tum Zentrum seiner Dichtung, Dies ist besonder« in seinem Meisterwerk „Der Trost das Volkes" der Fall, der Schilderung eines innig gottergebenen Psalmenjuden. In der Linie dt>r Auselnandersetsung mit dem Religiösen liegt auch sein neuestes Werk, der Christusroman, eine mit der Gegenwart verbundene Rahmenerzählung mit einer Biographie Jesus'. Aach ist auch im öffentlichen Leben hervorgetreten, -trr-- hat sich keiner Jüdischen Sache versagt. Für da* jüdische Palästina-Werk Ig «r Im Rahmen der Jewish Agency eingetreten. Der Untergang des polnischen Judentums kann gerade in Aach den Dicht«; r des Schmerxes und der Ankkige finden. Asoh bleibt aber nie b*l der Anklage nach aussen stehen, sondern am meisten erregt ihn das Problem einer Verschmelzung von Judentum und Humanität; mdge er ein Führer zu diesem Ziel werden!

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