Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 6 (12.2.1940)
- Date
- 1940-02-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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12. Februar 1R40 JÜDISCHE WELT-RUNDßCHAU Sehe 3 Festhalten amWeissbuch Macdonalds Erklärungen Der KolonialminiVcr Malcolm M a < D o n » 1 il erklärte in einem Interview mit einem ägyptischen Journalisten, das? die Politik. die in dem letzten englischen W pissb u € h in B<rzug auf Palästina verkündet wurde, jetzt zur D u r e h > führung gelangt Das beziehe »ich sowohl auf' die Frage der Immigration als auch auf andere! Fragen. Der Redakteur sagte noch, es werde einen * guten Eindruck machen, wenn die arabischen '■ Führer jetzt nach Palästina zurückkehren dürften, worauf MacDonttid erwiderte, die verbannten Araber seien bereit* auf der Heimkehr begriffen, und; die Frage der Rückkehr der arabischen Führer i' werde jetzt genau geprüft- Oh diese letale Xusne-j, rung .fleh auf den Mufti bezieht, ist nicht zu er-f kennen, aber es ist schwerlich anzunehmen, nach; all dem, was über den Mufti auch im Unterj haus gesagt worden ist. Es hat. überall lebhaftes Aufsehen erregt, dass, der Kolonialminiwter in dieser Form ein neues Be-( kenntnis zu dem letzten Weiasbuch abgelegt hat. | Tatsache ist, dass die am 1. Oktober 1937 n-ich den Seychellen verbannten arabischen Führer; jetzt nach Palästina zurückkehren. Diejenigen Juden, die meinten, man könne die Zeit ihrer Ab-i Wesenheit zur Erreichung eines Kompromisses be-j nützen, dürften jetzt enttäuscht sein, da Schritte, dieser Art nicht geschehen sind; auf der andern Seite meinen auch manche, dass ein Kompromias. \ das nicht mit den uHrklu fir-n Führern der Araber geschlossen wird, ohnedies wertlos wäre. Vielleicht haben die politischen Weltereignisse de» i letzten Jahres auch auf die Araber ihren Eindruck; nicht verfehlt und dann könnte man hoffen, das* \ sie eine Zusammenarbeit mit den Juden als einj »igen Ausweg zu einer endlichen Pazifizierungj Palästina« erkennen. Wm der Krieg noch bringen wird, auch für Palästina, weis» kein Mensch. Aber es ist interessant, dass nicht alle englischen Politiker so. denken wie du» Kokmialamt. Als ein Gegenbeispiel könnte die Rede erwähnt werden, die Duf f. Cooper, ehemaliger britischer Marineminister, 1 bei der ■Palästinakonferenz in Wushington ge-; halten hat, Cooper erklärte, angesichts der heu-, tlgen Lage der Juden habe England die Pflicht.; eher mehr für die Juden zu tun als es versprochen hat — ein Standpunkt, der bei den 1500 Delegierten enthusiastischen Wiederhai! fand. Es gab einen | Ausbruch minutenlangen Applauses. Die Sym-\ pathie, die Duff Cooper hier für die Juden gezeigt \ hat, wird von uns allen dankbar quittiert werden, i aber etwas anderes ist die Frage, ob in der Tat* die von ihrn als Privatmann empfohlene Politik \ jemals von einem aktiven englischen Minister \ akzeptiert werden wird. Wir fürchten, wie so oft '< Hess sich hier ein jüdisches Auditorium leicht hin- . reisnen von dem, was es gern hören möchte, aber \ die» fördert nicht die Erkenntnis der Wirklichkeit; und .daher, auch nicht die Erreichung? des Zieles.? Diese Wirklichkeit ist, dass heute noch mehr als i je die jüdische Politik darauf ausgehen mus#, eine! Plattform mit den Arabern zu finden Darum ist es zu begrüssen. dass die Jewish Agency in Jerusalem jetzt eine Kommission eingesetzt hat,; die sich mit dieser Frage beschäftigen soll. Es; gehören ihr fast lauter Leute an, die jahrelang für eine Verständigung mit den Arabern eintreten, Männer wie Magnes. Kalvarisky, Kaplansky. Ja-; cob Thon Die Kommission hat freilich nur zu < „studieren" und nicht selbst Politik zu machen.! Aber jeder, der die Sache überlegt, dürfte -au dem ■ Ergebnis kommen, das« die Araber als Bewohner; des Landes gewisse (auch von England sner- \ kannte) natürliche Rechte haben und die Juden, i gerade auf Grund der Erfahrungen der letzten! Jahre, eine Verständigung umtto nwhr anstreben; müssen. Die Vorbereitungen müssen aber auf etwas Neues abgestellt »ein und dürfen sich' nicht in Ziele verbeissen, die unfruchtbar sein ] müssen, wie etwa wenn als einziges politisches j Zhn die ..Beseitigung des Wetssbuches" auf gestellt wird, Dic.-<e F'tnnuh'runff des Zieles unserer Politik kann zu nichts führen. Dagegen Itüt es. positive Vorschläge zur jüdisch-ara-; bischen Zusammenarbeit, zu machen. Wenn es; geiingt, zu einer Zusammenarbeit zu kommen und! ,'*;ch allmählich auch in der Vorstellung bezüglich; der künftigen Gestaltung diesen entwicklungsfähig gen Welt-Tolles anzunähern, dann wird das; „Weissbuch" tihncdtr* immer mehr in den Hinterj grund rücken Es Ist ein Verlegenheitsprodukt, das von selbst verschwindet, wenn etwas Bes-'; r« e r e s und Pro d u k t i v e r c s an seine Stelle 's treten kann. Es wird aber bleiben, wenn die Lage j so ist, das» ein Verlegenheitsprodukt als einziger; Ausweg erschein'. j Anlässlich einer Artikelserie von Frey« Stark, der bekannten Arabienforschcrin in der Londoner j „Times" Über die britische Politik gegenüber den j Arabern, komm: die.. Redaktion der „Time«." in 1 einem Leitartikel auch auf die .Palästina.-! frage zu sprechen Die Zeitung erklärt, der Konflikt in Palästina sei von den deutschen Propagandisten als „gottgesendet" begrüast worden, dorm er gab den Nazis Gelegenheit, sich als die besten Freunde der arabischen Nationallston aufzuspielen Aber auch hier habe sich die unverschämte Skrufellosigkei? der «leu lachen Politik | gezeigt. Beim Ausbruch der Unruhen In Palit i xtin.a verdoppelten dKe Nazi-Behörden ihre IVmühungen. das Leben in Deutschland für die Juden unerträgljch zu machen, das* <Iie Flucht nach Palästina mi* all ihren Gefahren vorzuziehen schien dem Leben unter iUt deutschon Geissei. Man mti«He auch wissen, das* viele Versuche verzweifelter jüdischer Flüchtlinge aus Österreich lind de?« Hud«»tentnml nach Palästina Zu entkommen (gerneint <lie illegale Immigration. A.d R ) von der NaKi-Parf ei und von der Gestapo offen unterstütz! worden sind Dil': IIJ.FGW r IMMIGRATION Auf eine Anfrage im Parlament erklärte am 7. d.M. Kolonialminister MarDonald, er könne die an der Donaumündung gestrandeten 2000 jüdis c Ii «n FI ü c h t 1 i n g e n t c h t n a c h I» a - last! na lassen, d*> die gegen illegale Immigration bestehenden Bedenken in Kriegszeit noch vergrössert werden, denn es bestehe die Gefahr, dass Agenten des Feindes auf diese Welse nach Palästina kommen. Mac Donald sagte, die legale Einwanderungsquotc des ersten Halbjahres 'April Oktober 193tt> habe 10.000 botragen, und dies wäre auch im zweiten Halbjahr bewilligt worden, wenn nicht die legale Einwanderung wegen des Überhandnehmen* der Illegalen vollständig hätte verboten werden müssen. Er gab zu, das»» an die englische Regierung Berichte über die furchtbare Lage dieser in Rumänien stecken gebliebenen Flüchtlinge gelangt sind, deren Weiterbeförderung die Schiffsbesitzer aus Angst vor Beschlagnahme ihrer Schiffe verweigern. Tet-Aviv wird 30 Jahre Die Stadt Tei-Aviv feierte dieser Tage ihren 30. Geburtstag. Vor 30 Jahren hat eine Gruppe; jüdischer Einwohner von Jaffa (der damals wichtigsten Stadt Palästinas) den Plan gefosat, eine' jüdische Gartenvorstadt, eine Art Villenviertel, in den Dünen nördlich von Jaffa zu gründen. Auf; einer Fläche von 109 Dunum wurden die ersten \ 60 Häuser errichtet Es handelte sich durchwegs; um kleine Einfamilienhäuser von dem Typ., der; auch heute noch hie, und da in Tel-Aviv als ein, Kurloerum au» langst vergangener Zeit zu sehen ist Der Jüdische NaUbnalfonda Gieren Kajemeth); hat durch ein Darlehen die Gründung dieses Stadtj viertel« möglich gemacht, eine Tatsache, die nie; vergessen werden sollte, wenn wie es manch-; mal geschieht den nationalen Institutionen vor-! geworfen wird, sie hätten nichts zur Förderung! der städtischen Siedlung getan. Es lag im Wesen i der Sache, dass die zionistischen Institute sich vor! allem der Lundansiedlung widmen und die Stadt; der privaten Initiative überlassen mussten. Dass' dies kein falscher Sehluss war, erhellt am besten j aus der Entwicklung von Tel-Aviv während dieser; 30 Jahre. Man sehätzt das hier investierte Geld; auf 100 Millionen Pfund, weit mehr als je durch' öffentliche Mittel hätte bereitgestellt werden kön-j nen. Die geradezu phantastische Entwicklung; der Stadt geht aus den Ziffern hervor, die bei der! bescheidenen Feier, die im engen Kreise der ältei sten Einwohner anlüssllch des 30-Jährigen Be- \ stehen» der Ä?»d! veritnstüitst wurde, ••.T»it»«ts5lt wurden: Heute hat Ti-l-Avlv 7.300 Häuser, meistmehrstöckige Miethäu?er, bedeckt eine Fläche! von 20.000 Dunam, und seine Einwohnerzahl na-j her» sich 200.000. Auch ihr Gesicht hat die Stadt j oft gewechselt... Vor dem Kriege war die alte l Herzl-Stra.?se mit dem sie abschliessenden Gymj njLsium Herzisa das Zentrum. Nach dem Welt- 1 krieg setzte die rapide Entwicklung ein. Sie ist; immer mit Katastrophen verbunden gewesen. Das : erste, grosse Wachsturn kam 1921, als nach den; Mai-Unruhen die jüdische Bevölkerung aus Jaffa) nach Tel-Aviv flüchtete. In den folgenden Jah- | ren brachte besonders die ,,Vierte Alijah" 1921 '25 j einen Aufacrrwung', dann kam die Stagnation, bis ■ durch die "Unruhen von 1929 neuerlich ein gros-j ser Zuzug aus den arabischen Vierteln zu ver-f zeichnen war. Den grössten Anstoas und auch die tiefgehendste Veränderung den architektonischen Stadtbildes erhielt Tel-Aviv mit dem Einsetzenj der Hitler-Einwanderung aua DeutJwrhlair.d im;. Jahre 1933. Die deutschen Juden können es sich zum Verdienst anrechnen, diese von russischen] Juden 1909 gegründete;von polnischen Juden j 1923 -26 entwickelte Stadt zu ihrer heutigen! Grösse und ihrem heutigen Aussehen gebracht zu haben Diese Bedeutung der Alijah aus Deutschland, die sich auch rein materiell gewia» In gewaltigen Summen ausdrücken Hesse, wird nicht immer genügend gewürdigt- Gewiss Ist es eine Kehrseite der Medaille, wenn heute ganze Stadtteile von der deutschen Sprache beherrscht werden ''wie früher von russisch oder jiddisch), aber das ist eine vorühergehende Erarheinang, die mit der Stabilisierung der Einwanderung und dem Aufwachsen der jungen Generation immer mehr verschwinden wird. Bei einem Rückblick auf die Entwicklung von Tel-Aviv muss schliesslich noch hervorgehoben werden, dass die traurigen Ereignisse von 193€ einen neuen Impuls zum Ausbau der Stadt gaben Damals wurde z. B, der Hafen geschaffen, der heute nicht mehr .wegzudenken ist. Man kann gegen Tel-Aviv viel sagen und es hat viele Kritiker. Sein schärfster und geliebtester Kritiker war ««sin bisher grosster Bürger. Ghaim Nach man Biallk. Aber niemand wird sich dem Rhythmus dieser Stadt der Jugend und der Arbeit entziehen können. Geschäftsleben und Verkehr haben sich in den letzten Jahren europäisiert, die Wohnhäuser erreichen an modernem Komfort die besten Vorbilder, und gerade gemessen an diesen Errungenschaften bildet der Austausch von Reminiszenzen an die längst zurückliegende Vergangenheit vor 15 oder gar 20 und 30 Jahren ein unerschöpfliches Gesprächsthema voll Humor und berechtigtem Stolz. Nehmt alles nur in aJlem, Tel-Aviv ist eine groeae, einzigartige I^eistung der Juden. Heute gibt es In der St&dt viel Not und Sorge, aber wer am Abend z. B. am Schahba*-Aufgang den unendlichen Menschenstrom betrachtet, der süch durch die erJeuchteten HaupUtrassen wälzt, alle Kino« und Kaffees füllt, in dem alle Sprachen zu hören sind und doch da» Hebräisch;- mit Selbst- Verständlichkeit dominiert, der bekommt den Eindruck einer Kraft-Konzentration,die sich auswirken wird. Hier ist das jüdische Volk frei. Der 100^ge jüdische Charakter Tel-Aviv» zwingt zu verdoppelter Selbstkontrolle, denn das jüdische Volk soll gerade dort, wo es „unter sich" ist, steh nicht gehen lassen, nicht Meine Schwächen walten lassen, sondern seine Tugenden «ntwick^ln. Das ist. nicht leicht. Aber gerade diese Stadt hat einen repräsentativen Charakter, der ihr Verpflichtungen auferlegt. Wir wünschen Tel-Aviv zu »einem 30. Geburtstag, dass es dieser Verpflichtung immer eingedenk sei, das« es wachse, blühe und gedeihe und dem Jüdischen Volk Ehre mach«.