Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 5 (5.2.1940)
- Date
- 1940-02-05
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2424658-2424686-2424691--416-2425170- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
feite 6 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 5. Februar 1M0 Charires und Jerusalem •NUSSUCH EINER «USSTELUINO OER NEBRIISONEN UNIVERSITÄT Chart, res int FrankreicliH KroflKartigHter I>om lind da* ' herrlichste Kunstwerk, das kollektiv«/ Geist in diesem Lande je Keu'hnfTcn. will man da* französische Mittebiltcr in .«minor stärksten AuspräKting kennenlernen, so jribf cm. um mit Ftodin zu roden, ..nichts, das schöner anzuschauen und nützlicher zu studieren wäre". Es ist daher »ehr begrüssenswert, w«nn in der Reibe der Kilderausteliungen, die wechselnd die Wände de« Klubhauses der Hebräischen Universität sc.hmllkken, In schönen Reproduktionen nunrn"hr auch dieser „Turm der Arbeit und der Kraft, dieser Palast den Frieden» und der Stille" den hebräischen Studenten nahegebracht wird Ein besonderes Moment, da« den ganzen Chsrtres-Komplex gerade in Jerusalem fro ver-: ständlich macht, ist da« rcliniäsr. Man weis», welche starken religiösen Tmpul.se selbst für ,,Un-; gläubige" von diesem Dom ausgehen. Charles Ptfjuji, einer der verhelssungsvollsten Wegbereiter des neuen Frankreich, der in der Mnrneschlächt den Tod fand, erlebte hier seine Bekehrung: „Alle meine Unreinheiten sind von mir ab-! 'gefallen. Tch war ein and«tiw Mensen." Nun [ steht zwar in Jerusalem »ranz gewiss kein Bau- [ werk, das mit der Kathedrale von Charfres auch! nur annähernd verglichen werden konnte, aber' wer mochte daran zweifeln, da-«;- auch von der Atmosphäre und dem Bilde des erinnerungwgc-• segneten Heiligen lindes die schwersten seell-; sehen Erschütterungen ausgehen können? Der französisch-jüdische Schriftsteller Jean Richard Bloch hat in seinem vor rieht Jahren erschienenen Buch „Destin du Miede" die Frage' untersucht, ob auch In unserer Zeit solch grosse anonyme Gemeinschaftsleistungen wie die von Clmrtres zu verzeichnen seien, wo nach dem j Brande der Kathedrale im Juni 1104 der Opfer-! will« eines ganzen Volkes Arbeitskraft und Vermögen wie im Rausche einer Rettungstat dar-; brachte, um an der Stelle des alten Doms einen neuen unendlich viel prächtigeren zu errichten.; In Bezug auf die Gegenwart fiel Blochs Antwort recht pessimistisch aus. Er gab mehrere Beii spiele grosser Kollektivlelstungen. Hess aber eines fort, das nicht nur uns Palästinensern nahe, sondern auch der übrigen Welt bekannt ist: Gemeint \ Ist die allmähliche Kolonisation des ehemals malariaverseuchten Palästina, sein Neuaufbau durch eine mutige, entsnguhgshereite Jugend. — ein mit viel Hingabe geschaffenes Werk, eine von hoher Begeisterung getragene Gemeinschaftstat. j Wer von Ihr weiss, wer gar an dieser Renaissance \ In irgendeiner Form mitbeteiligt war, der ahnt auch, welcher Geist es war, der Chartres schuf. Auch an der Hebräischen Universität seibat werden einer grösseren Gruppe von Studenten mit der Kenntnis des französischen Mittelalters diejenigen Strömungen lebendig, die diese Epoche beseelten. So werden gerade gegenwärtig in j einem Kurse des Romanischen Seminars jene grossen Epen behandelt, in denen derselbe Geist der Gotik, dasselbe leidenschaftliche Streben nach I Überwindung des irdischen Alltags sich form- schaffend geäussert hat, wie sie in den Skulpturen! von Chartrcs lebendig sind. Was auf der ande-j ren Seite den grftssten Reiz dieser Skulpturen; ausmacht, nämlich ihre Feinheit, Zartheit und > hohe Kultur, wird vor dk* Studenten gestellt In! den höfischen Visionen des Ohretien de Troyes, i dem grössten Romanschriftstellers des europäl-j sehen Mittelalters. j Die Blüte aller Kulturzweige im zwölften Jahr-; hundert in Frankreich lässt mit vollem Recht von j einer „ersten Renaissance" sprechen. In gewisj aen künstlerischen Äusserungen aus jener Seit,! insbesondere aber in der Lyrik der Troubadoure, j ist der Einfluss arabischer Kunstformen erkenn-: bar. Dr. Pflaum, der iA'iter de.s Romanischen! Seminars an der Hebräischen Universität, glaubt j auf Grund seiner Studien annehmen zu können,; dass diese arabischen Motive durch jüdisch« Spielleute aus Spanien mitgebracht worden sind. Darüber hinaus entwickelte «ich In Frankreich im Mittelalter eine spezifische jüdisch-französische und jüdisch-provencalisehe Dich'ung. Bei ihrer Erforschung war ein aus dem 18. Jahrhundert stammendes Gebetbuch Dr. Pflaum' und seinen Helfern besonders aufschlussreich; der Text dieses Gebetbuches ist in altfranzosischcr Sprache gehalten, aber mit hebräischen Lettern geschrieben. Dr. Pflaum* weiteren wissenschaftlichen Arbeiten, an denen er gleichfalls seinen Studenten Gelegenheit zum Mitschaffen gab, bezogen sich In den letzten Jahren auf „die religiöse Disputation in der europäischen Dichtung des Mittelalters" ein Thema, zu dem vor allem eine grosse Zahl bisher unbekannter altfranzösischer Dichtungen das Material abgab. Ausserdem werden diejenigen Studenten der Hebräischen Universität, deren Arbeit der französischen Geistnewert zugewandt ist, mit der neueren französischen Literatur beksnntgemaeht. So hält ihnen Dr. Duff, dem eine von der französischen Regierung geschaffene und unterhaltene Dozentur über französische Kultur obliegt, Vorlesungen über die Literatur der Renaissance, Uber Moliere und über Rousseau. Die grossen moralischer! und Intellektuellen Kräfte, die nicht nur als die beste Repräsentanz des französischen Gci.stes gelten können, sondern die auch für die Grundlagen der modernen europäischen Philosophie, Gesittung und Zivilisation ausserordentlich wesentliche Beiträge haben, werden im Werke dieser Persönlichkeiten einprägsam zur Darstellung gebracht. Die Hebräische Universität fand auch sonst bei der französischen Regierung für ihre Bemühungen tiefstes Verständnis und wertvolle Hilfe. So erhielt die Universitätsbibliothek von der französischen Regierung Bücher in französischer [Sprache im Werte von 120000 Francs. Für alle I Zweige der Hebräischen Universität konnten auf diese Weise wichtige wissenscfmftHche Wcl'.e an-! geschafft werden, die bl'her fehlten. Besonders! reich wurde bei dieser Gelegenheit auch das fran-; zdsische Departement bedacht, das .so In den Besitz fast «Her Hauptwerke der klassischen und modernen Literatur Frankreichs gekommen ist. Schon vorher hatte die französische Regierung der Hebräischen Universität eine Bibliothek von mehreren Tausend Bänden zugeleitet. Aus all diesen Tatsachen wird ersichtlich, das* der Pflege des französischen Geistes auf dem Scol»us eine würdige Stätte bereitet ist. Dies empfand auch Edouard Herriot. der Präsident der französischen Knmwr. als er vor etwa zwei Jahren der Hebräischen Universität einen Besuch ahstattete und sich gleichzeitig über ihre französische Arbeit informieren lieas. Seit damals ist das Interesse für die französischen Dinge und die Neigung zu Ihnen an Jerusalems aima mater eher noch gewachsen. Im Sturm, der jetzt über Europa braust, wurde es klarer denn je, das* die Erhaltung der grossen Demokratien die Voraussetzung für den Bestand der Zivilisation ist Diese Zivilisation aber kommt im Wesen Frankreichs klar zum Ausdruck, und der Dom von Chartres Ist einer Ihrer Spiegel. Diese Dinge dürfen nicht verloren gehen, schreibt Jean Richard Bloch in Bezug auf die Welt von Chartres. Sie müssen gerettet werden. Sie bergen eine unvergleichliche Kunst, ein« Macht, eine Tiefe, eine Abgeklärtheit, deren eine Kultur sich unmöglich berauben kann, ohne früher oder später dafür zu büssen. Erich Oottffctreu (Jerusalem) JUDEN IM ARBEITSDIENST Die „Neue Zürcher Zeitung" meldet aus Berlin: Die Wiederbeschäftigung der Juden, die, durch den Arbeitermangel erzwungen, schon vor mehr als oinem Jahr begann, hat durch die Notstandsarbc-iten der letzten Zeit einen neuen Aufschwung genommen. Eine grosse Zahl von Jüdin, darunter ehemalige Arzte, Rechtsanwälte "und Direktoren, sind gegenwärtig zum Schneeschaufeln, zur Eisbeseitigung und zum Wegebau eingesetzt. In Berlin ist ein besonderes jüdisches Arbeitsamt zur Vermittlung dieser bittigen Arbeitskräfte eingerichtet worden. Man schätzt, dass einzig in der Reichshauptstadt auf diese Weise zwanzigtausend Juden zur Arbeit aufgeboten sind. Von den annähernd hunderttausend Juden, die noch in Berlin leben, sind damit so gut wie alle arbeitsfähigen Männer erfasst. AUS ALLER WELT Erhebliche« Aufsehen wurde in USA durch die Mitteilung erregt, dass der Mann, der Ä77 deutsche Matrosen bei der Versenkung der „Columbus" rettete, ein Jude ist. Ks ist der Kommandant des Schiffe* .Tuskalusa", Harry Bad t. geb. in Texas 1884. Die deutsche Botschaft in Washington hat der amerikanischen Regierung den Dank Deutschlands für das Verhalten des Kapitäns ausgesprochen; ob der deutschen Regierung bekannt Ist, dass es sich um einen Juden handelt und ob vor allem diese Tatsache von der deutschen Presse und dem deutschen Rundfunk auch der weiteren Öffentlichkeit in Deutschland mitgeteilt wurde, wissen wir nicht, aber wir wmpen daran zu zweifeln. Bei der Abstimmung über die Verteilung der .Velgen Zusatzsteuer der Stadtverwaltung Tel-Aviv wurde mit Stimmengleichheit dun-h das Votum des Bürgermeisters entschieden, dass die Hausbesitzer 1% und die Mieter 2',' zu tragen haben. Die Arbeiterpartei hatte die Teilung beantragt, dass jede Seite die Hälfte, d.h. 14'f, tragen soll. Obwohl auch die Lage der Hausbesitzer, so schreibt das Arbeiterorgan „Davar" unter der! Krise gelitten hat, ist doch nicht zu bezweifeln, j dass die breiten Schichten der Mieter weit schwe-j rer getroffen werden.— Mit dieser Abstimmung 5 ist die Budgetberatung in Tel-Aviv abgeschlos-j s e n. In früheren Jahren hat diese Beratung viele! Wochen in Anspruch genommen. Diesmal wurde j sie abgekürzt und beschleunigt^ da nur nach Ver-; nhsdiiedung des Budgets die Stadtverwaltung die; Verfügung über die von der Regierung in Aussteht j gestellte Anleihe von LP. 250 000, erlangt j Der Direktor des Keren Hajessod Leib J a f f e j mit den Delegierten Dr. Alex Goldstein und Jo-! sef Baraz haben sich von Palästina nach Lon-1 don begeben, um die GslOsaramlungen zu organl-i Briete an die Redaktion DIE ZERSTÖRTEN SYNAGOGEN Sehr geehrte Redaktion, Sie veröffentlichen in Nr. 2 der „Weit-Rundschsu" eine Statistik der zerstörten Synagogen. Ich war damals Landesrabbiner in Kassel; In Hessen-Nassau fingen c'le Zerstörungen schon in der Nacht vom 6. zum 7. Nov. an. Aus den mir nahestehenden Synagogenprovlnzen Kassel, Marburg. Fulda. Hanau, Waldeck sind mir ausser den Zerstörungen der grossen Synagogen: 2 Kassel, 1 Eschwege, 1 Marburg, 1 Fulda, 1 Hanau weiterhin bekannt: Alsfeld, Bebra. Cuxhaven, Friedendorf, Fritzlar, Geisa, Gersfeld, Grebenau, Grebenstein, Gudensberg. Hersfeld, Hof. Homberg,, Hofgeismar, Helmershausen. Kirchhain. Melsungen, Naumburg. Rothenburg/Fulda. Schlüchtern, Sontra. Snangenberg. Treysa, Voikmars&u, Vorburg, Wildungen. Witzenhausen, Wolfhagen, Ziegenhain. Zierenberg; also weitere 30 Synagogen Ich bin aber sicher, noch einige Synagogen vergessen zu haben, da unsere Papiere damals verloren gegangen sind. Ich möchte aber annehmen, dass auch In anderen Synagogenprovinzen Ihre Ani?aben nicht an die wirklichen Zahlen herankommen und halt« die Ziffer von „rund 480" auch bei vorsichtiger Berechnung für viel zu gering. Hochachtungsvoll Dr. Robert R. Geis. Persönliche«. Dr Ludwig Pinn er, der Leiter der Mtttelstands-Köioniaation bei der Jewish Agency feierte am 2. Februar seinen 00. Geburtstag. Pinner entstammt den assimiliertesten Kreisen des Berliner Westens und ist schon in seiner Jugend Zionist geworden. Er hat damals, in der Vorkriegszeit, als, dies noch etwas ganz besonderes war, die Konsequenz gezogen, nach Palästina zu geiien. und aus diesem Grunde Landwirtschaft studiert Pinner hat »ich nioht nur durch sein« wissenschaftlichen Arbeiten, sondern auch durch die Beratung landwirtschaftlicher Siedlung und vor allem auch unzähliger Einwanderer aus Deutschland verdient gemacht. In den letzten Jahren vertrat er unermüdlich den Gedanken der Uberführung von neuen Einwanderern aufs Land und «einer Tätigkeit ist es mit zu verdanken, dass «ine Reihe blühender Dörfer entstanden ist die den Eier* und den Gemüse bedarf des Landes versorgen. Auf der Höhe seines Lebens wenden sich dem Jubilar herzliche Glückwünsche zu, mit der Überzeugung, dass er auch in der Zukunft noch Gelegenheit zu grossen für Palästina wichtigen Leistungen haben