Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 5 (5.2.1940)
- Date
- 1940-02-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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S. febnur 1M0 JÜDiaCRB WELT-RUNDSCHAU B*4t«0 Die Frühzeit der jüdischen Sozialarbeit in Deutschland DEM ANDENKEN AN ALFRED BERGER / VON DR. FRANZ METER (Tri Aviv) Di-? moflerne jüdiüche Sofcisipolitik in Deutschland entwickelte »ich am Ende de» vorigen Weltkriegen. Bis dahin war die Wohrfahrtaarbeit der jüdischen Gemeinden und Privat vereine im wesentlichen durch eine primitive charitative Hilfstätigkeit charakterisiert. Unter den eingeseasenen deutschen Juden gab es bin cum Weltkrieg kein soziales Problem ernsteren Umfang» Die Wanderfürsorge, die die Keimzelle de» späteren Sozialapparates bildete, betreute im wesentlichen aus Of» Juden stammende „ambulant« O werbetreibende" oder „Schnorrer ", die in jeder Gemeinde ein kleine« Geldgeschenk und eine EhienbahnfahrkArtc zur nächsten Gemeinde zu erhalten pflegten Der grosse Strom der o#t jüdischen Auswanderung nach Amerika, der seit den 80-er Jahren dM 19. Jahrhundert» Deutschland passierte, durfte keinen Zwischenaufenthalt nehmen und erzeugte als weiteren Ansatzpunkt für spätere Auagestaltangen lediglich den Bahnhofsdienst des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" am Sch lesischen Bahnhof, in Berlin Daneben gab es beziehungslos einzelne von Philanthropen gestiftete Gesellschaften, oder subventionierte Einrichtungen für Berufeausbildung und Umschichtung, von denen vor allem die Gärtnereischule in Ahlem Erwähnung finden muis. Der Umschwung zu einer radikalen Änderung auf dem Gebiet der jüdischen Sozialirbelt wurde durch das Kinströmen einer grösseren aus Polen stammenden Kinwinderungswellc ausgelöst SäftiHi d\-s Weltkrieges waren teti» durch Zwangsdeportationen, teils durch freiwillige Werbung Zehntausend« von ostjüdischen Arbeitern in die Kohlengruben des Ruhrgebietes und in die oetelbische Landwirtschaft gebracht worden Die durch das Kriegsende bedingt« Wirtschaftskrise, die sich insbesondere durch Arbeitslosigkeit und Wohnungknapphek auswirkte, entwickelte da» Vorhandensein dieser Gruppe, dl« im HöchMfal! von HD.000 Menschen nach einer gewissen Perlode der Weiterwanderung etwa SO—«0.000 Menschen umfasste — zu einem schweren und für die deutschen Juden auch politisch gefahrdrohenden sozialen Problem. Entgegen der Haltung mancher jüdischer Kreise, die zu ihrem vermeintlichen Schutz in die Hetze gegen die „lästigen Aualänder" und die „unerwünschten Ostjuden" glaubten einstimmen zu müssen, setzte sich als erste Gem«lnsehafJt#- lehrtung der verschiedenen, sonst so heftig verfeindeten Richtungen im deutschen Judentum das „Arbeiterlümorgsamt Jüdischen Organ** Stationen Deutschland*" durch. Bs besorgte die Legitimation der ostjüdischen Flüchtlinge gegenüber den polizeilichen Behörden Im Zusammenhang mit dem gleichzeitig geschaffenen ersten „Judtsc/iea Arbeitsamt' wurde die Arbeitsvermittlung dieser Kräfte für bestimmte Berufskategjorien durchgeführt, und die entsprechenden Genehmigungen bei den staatlichen Arbeitsämtern und bei den Gewerkschaften besorgt. Zur Linderung des Wohnunga-Problema wurde i das grosse Asyl in der Wiesenstrass« in Berlin geschaffen. Ausscder Zentrale in Berlin arbeiteten am Beginn der 20-er Jahre Zweigst« Uen im Ruhr gebiet und in Breslau. Der Kreis der damaligen Mitarbeiter hat sich zu einer „Schul«'" oder „Richtung" entwickelt, deren Wirksamkeit in der Sozialarbeit der letzten 20 Jahre immer wieder erkennbar ist Die zentrale Figur des Arbeiter-Fürsorgeamtes war Alfred Berg« r. Er war nicht der erat*; Generalsekretär aber er hatte die Ideen und Anregungen seines frühverstorbenen Vorgängers Fritz Mordechai Kl. jfmann übernommen und auf der Eben« der konkreten politischen und organisatorischen Arbeit zur Verwirklichung gebracht. All: dem ArbeitcFfürsofgeami und dem jüdischen Arbeitsamt entwickelte gleichseitig das Jüdwche Volk»hetm in der Drasvmerstrass« den Typ des in Westeuropa bis dahin unbekannten socialen Settlements, d. h der Lebens- und Wohngemeinschaft von Sozial-Artoeitero, die meist aus Studenten- und Jugendführerkreisen stammten mit der zu betreuenden ostjüdischen Klientel Aus diesen Instituttonen und der in den gleichen Jahren gegründeten Ze*<raJu*«M/aArts*eife entwickelt« sich aümahlieh dar Organ isauoasaufbau der Zentralstell« für Arbeitsvernütthnzf, für Darlehnskamen. Wanderfürsorge u a. der im Jahre 19» die sofortige Bildung des .ZffnfroJa**- *c*u*tms für Hilf« und Aufbau" als des Dachverbandea dieser socialen Organisationen ermöglichte Auf diese Weise hat das deutsche Judentum nach II Jahrzehnten die segensreiche Tätigkeit eines Sozialappanatew für sich selbst In Anspruch nehmen können, der ursprunglich für jenes Refugeeproblem am Ende des ersten Weltkrieges gachaffen worden war. In dem gleichen Zeltraum hatte sich die Jüdi- < sehe Jugendbewegung In Deutschland von ihren j romantischen Anfängen im „Blau-Weiss" Immer | stärker zum Gedanken der Chaluziuth hin! entwickelt Die Anfänge einer Hach*chamh waren damals, »ehr bescheiden. Zw*r war unter anderem in den *N>f Jahren «fta* §to»»s Gut Neuendorf für Beruf»-Umschiehtifng srsmrbcn worden, diente aber in erster Zelt lediglich zur Ausbildung von Arbeitslosen o>W sozial Gefährdeten Die jüdische Jugend ging nach Halbe. Mesalngwe<"k und Künielsau Noch im November 19M lehnt« der Preuaslscha Landesverband «ine Subvention an den Hechelut wegen Verneinung der Bsdürfnlafrage ab . Inzwischen »ind Millionen von Reichsmark für Berufsausbildung und Umschichtung ausgegeben und Taiisend-e von Mer**chen ausgeWklf! und umgeschichtet worden Ihre Einordnung in Palistina wird hier, in London und bis in die letzte Zeit in Deutschland von dem gleichen Kreis betreut, der seine ersten Erfahrungen damals in der „Auguststrasse 17" sammeln konnte, find der heute mit besonderer KrgriflfenheK, aber auch mit nie erlöschender Dankbarkeit des Tode» von Alfred B e r g e r gedenkt. POLITISCHE PENGUIN-BOCHER Das offizielle englische Blau buch, das | in Form einer Dokumentensammlung eine ge- I drängte Darstellung der zu Kriegsausbruch im j September 193« führenden Ereignisse gibt. Ist! jetzt such in der Form eine» „Penguin Special" | erschienen. Selten wird es ein Buch geben, das j von einer so intensiven dramatischon Spannung erfüllt Ist. gewiss aber keines, das für das lernen der Menschheit und für die Geschichte eines ZeitaHers von schwereren Folgen begleitet Ist als dieses. Nur «In Dichter von der Grosse Shakespeare« konnte eine Verwicklung solcher Art gestalten, in der die tragische Schuld eine» Individuums so erregend hervortritt. Das Blaubuch enthält die Darstellung der Entwicklung de» deutsch-pomischen Verhältnisse» seit dem ersten Hitler-Vertrag vom Januar 1934, alle die trügerischen offiziellen deutschen Äusserungen, dann die plötzliche Wendung in der Verschlimmerung der Beziehungen, den Streit um Danzig und da» aufreibende Ringen um die Erhaltung des Friedens Im August 1939, alles dargestellt an der Hand offizieller Äusserungen sowte der Korrespondenz zwischen dem britischen Aussenamt und den Botschaftern in Barün und Warschau und anderen britischen Vertretern. Die englischen Staatsmänner äussern sich mit grosser Zurückhaltung und es wird in dirsetn Buche nicht immer kiar, das» man »ich über das Wesen des Hitler-Regimes keinen Täuschungen hingab, das »ich ja am deutlichsten schon seit »einem Beginn in der Behandlung der wehrlosen fiidinchcn Minorität gezeigt und damit bewiesen hat, da«« es seine Brutalität nur dort zurückdämmt, wo — und solange es mit einer Macht zu rechnen hat. Di« Kulturhöhe eines Volkes, hat einmal Professor Masaryk gesagt, als «r noch nicht Staatspräsident war, zeigt sich am deutlichsten in der Behandlung seiner Juden Dieses Wort ist von grosser Wahrheit, nicht etwa well die Juden auf eine besondere Behandlung Anspruch machen könnten, sondern weil sie der Typ der machtloten und loearJosoa Minorität sind, an der man sich vergreifen kann, ohne Vergeltung fürchten zu müssen. Lange nach 1933 hat die Entwicklung der Dinge dazu geführt, das» die Völker erkannt haben, das» die Juden nur da» cr»<« r»b«r keineswegs einzige Opfer Hitler» waren. Diese» Buch bietet einen Beitrag zur Entstehung dieser Erkenntnis. Aus der R*dhe der jüngsten „Penguin Special»", die für d<»n phantastisch billigen Pres« eine» halben Shilling» wichtige Bücher verbreiten und eine verdiente Popularität erlangt haben. i»t auch die Darstellung eine» Palästina besonders angehenden politischen Themas zu erwähnen. In einer kleinen Monographie über den Suez- Kcinal gibt Hugh J. Ffrhonfirld eine Darstellung »einer Entstehung, seiner Bedeutung für Wirtschaft und Verkehr und der damit zusammenhängenden politischen Interc».*«n. Es Ist eines der seitsamsten Kapitel der englischen Geschieht« des viktorianischen Zettalter»: England betrachtete den Bau des Kanals zuerst mit Skepsis und Ablehnung, später ober erkannte es freimütig »einen Irrtum und versuchte, einen führenden Anteil an der Verwaltung des Kanals zu bekommen. Die» gelang Im Jahre 1Ä75 durch dos bßkannte Eingreifen Disraelin. der mit Hilfe dos Hause» Rothschild dem geldbedfirftigen Khediven »eine Aktien abkaufte und der Königin eine der wichtigsten Positionen de» britischen Imperiums darbrachte. Diese .Stellung England» wurde bald darauf!m Jahre 1882 zu einer endgültigen dadurch, das» England die Verteidigung Ägyptens Übernahm. Das Buch gibt ein« Übersicht über die Entwicklung de» engHsch-iUrypUachen Verhältnisse» bis zum Jahre t9.Hl, wo durch den Bündnisvertrag England die Verteidigung de» Kanals Ubertragen wurde Die Position Palästinas, das ein Nachbarland de» Suez-Kanal» ist und dadurch seit dem letzten Weltkrieg eine besonders (reographi»ch-strategl«r:he Bedeutung hat, wird seltsamer Weise von Schonfleid nicht erwähnt. Im übrigen i»t da» Rikhleln, das zum Teil zu politisch-polemischen Zwecken geschrieben ist. voll von Interessanten Einzelheiten, Der Autor scheint ein Jude zu »ein: er hat «ich. wie mitgeteilt wird, längere Zeit in Ägypten und Palästina aufgehalten. HiM NACHRICHTEN Das offiziell« Nazi-Organ .Warmhauer Zeitung" | veröffentlicht eine Kundmachung, wonach Juden \ in Pol«n vom 14. bis 60. Lebensjahr eine zweiljährig« Arbeitspflicht zu erfüllen haben.; Sollt« ihre Arbeit nicht zufriedenstellend sein, so i haben die Behörden das Rächt, die Dienstzeit zu j verlängern. Die mobilisierten Juden haben Essen i für zwei Tage sowie alle in ihrem Besitz befindi liehen Werkzeuge mitzubringen. Wie aus Paris gemeidet wird, wurde Dr. Alfred Nonig von den deutschen Okkupationsbehörden in Polen zum Leiter des Amte» für die Organisierung der jüdischen Auswanderung in Polen ernannt. Dr. Alfred Nossig war zu Beginn der zionistischen Bewegung in den 90er Jahren des i vorigen Jahrhunderts im Zionismus sehr tätig und j gründete später eine „Allgemein« jüdisch« Ko | kmlaationsgesellschaft". die jedoch nie in Aktion 1 trat. Nach dem vorigen Weltkrieg hat Nossig sich < eine Zeitlang um die jüdisch-polnische Vervtandi- I gurur bemüht! Die deutsehe Press« führt «ine Propaganda ge- I gen die Juden in der runaiatrhen Arme«. Es wird i der SowjstregWrung rsshegsktgt, die jüdischen j Offizier« aus der roten Arms« tu entfernen, die, I wie es in den deutschen Betrachtungen heisst, an den russischen Niederlagen In Finnland schuld seien. Die kanadische Regierung hat die Erlaubnis erteilt, 100 Flüchtlingskinder nach Kanada zu bringen, die in Prlv8.thäu»ern untergebracht werden »ollen. Auf dem Weg« üb#r Schweden wurden Tausend« von Nazi-Flugblättern nach England gesandt, die »ich mit angeblichen genchäftiiehen Tätigkeiten Hort BelUhn» befassen und in dem bekannten auf das einfache Volk berechneten SU! abgefasst sind. In Budapest starb im Alter von 70 Jahren ein noch au» d«r Kals<;rzeit bekannter judischer Bildhauer, Josef Rorui, der vor einigen Jahren von Adrniral Horihy ausgezeichnet worden ist. Wie aus Sofia gemeldet wird, haben die jüdischen FlüchtUng«, die nicht unt«r dem Schutz •Ines Staate» stehen (also sämtliche Juden aus dem Hitler-Bereich) d*n Befohl erhalten, Bulgarien Innerhalb 16 Tagen su verlassen Der neue Innenminister in HUdrhod«si«n eriiess <in« Verordnung, durch die j«d« weiter« Einwanderung verboten wird. Als Grund wird die unter der weissen Bevölkerung herrschenden Arbeitslosigkeit angegeben.