Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 5 (5.2.1940)
- Date
- 1940-02-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Settel JÜDISCHE WBLT-RUlfDSCRAU 5. Februar 1940 Die Woche in Palästina Jerusalem, 4. Februar. KAMPF UM HFMIISCH EIN« „DKimwilK" TACiKNZKJTl Mi — HEBRÄISCHE WOCHE Am 2t>. Januar erschien in Tel-Aviv die erste Nummer einer Tageszeitung in deutscher Spruche „.Jedioth chadaachoth" unter der Ch<cfredaktion von Dr. Alfrod Kupfcrhoru, mit einem hebräischen Teil, der die wichtigsten Teile de» deutschen Teile» (auch Nachrichten) in Übersetzung wiedergibt. Die Zeitung hat H Seiten Quartformat und es dürfte auf die gewaltigen Schwierigkeiten der monatelangen Vorbereitungen und Verhandlungen zurückzuführen sein, wenn der Inhalt nicht gerade reichhaltig Ist. Ausserlich gibt »ich die Zeitung als Fortsetzung der bisher hcktographlert erschienenen „Blumen «hals Neueste Nachrichten", e« ist aber bekannt, dass der Verleger Herr Iam Lessman ist. ehemals In Deut»chtand Verleger den ..Israelitischen Familienblatts". Die Verhandlungen mit dem sogenannten „Wand zibburt", einem Ausschuaa von Vertretern verschiedener Institutionen und Zeltungen zum Zweck der Wahrung der «hebräischen Sprache, scheinen im letzten Moment fehlgeschlagen zu »ein. Die Opposition gegen das neue Unternehmen äusserte sich in der Presse nicht so heftig wie dies bei früheren Anlässen der Fall war, wahrscheinlich well die besonderen Verhältnisse der Kriegszeit eine schrankenlose Polemik dieser Art nicht gestatten. Am Tage des Erscheinens der Zeitung brachten Jedoch sämtliche hebräischen *e!t»m»en '.folgende - Erk'ftrung: „Die Verlage der hebräischen Zeitungen wenden »ich hiermit an alle Insrrnntm, die den Kampf gegen die deutschen Bulletins im Lande unterstützt haben, mit der Aufforderung, die Veröffentlichung von Inseraten auch in dem zweisprachigen Blatt Jedioth Chadaschoth, das von jetzt ab gedruckt erscheint, abzulehnen. Gemäss den Weisungen des Waad Zlbburi zur Verteidigung des Hebräischen werden die hebräischen Zeitungen die Veröffentlichung von Inseraten aller derer, die In der erwähnten Zeitung inserieren, ablehnen." Unterzeichnet ist die Erklärung von den Verlagen der Zeitungen Davar: Haarez. Haboker. Hazofch, Hamaschklf, Chadaachoth. Am 31. Januar erschien in der Stadtverwaltung von Tcl- Avlv eine Delegation unter Führung der Dichter Tschernlchowsky und Jakob Kahan; mit RUcksieh auf die „besondere Wichtigkeit der Angelegeheit" erklärte der Bürgermeister trotz der Budget-Sorgen der Stadt sich bereit, gegen den Brauch die Delegation in die Sitzung des Stadtrates zuführen, und nach elrver längeren Aussprache faaste der Stadtrat einstimmig eine Resolution, in der das Erscheinen dieser Zeltung verurteilt wird. Eine plausible Erklärung dieser Haltung gibt der Schluamts der Resolulion, der besagt, die Sache könnte „als eine gefährlicher Präzedenzfall für andere fremdsprachige Zeitungen dienen". Ea ist bekannt, das* damit vor allem Jiddisch (das auch als „Fremdsprache" gilt) gemeint ist, aber in der letzten Zeit hörte man auch von Plänen einer Woehenzeltung in polnischer Sprache, entsprechend der Einwanderung von Flüchtlingen und jüdischen Funktionären aus Polen. Dagegen ist die Behauptung der Resolution, das* eine solche Zeitung den Willen zur Aneignung der hebräischen Sprache seitens der Einwanderer schwächt, unverständlich, denn diese Einwanderer werden zweifellos durch eine teilwebe In leichtem Hebräisch geschriebene Zeitung eher in die Sprache eingeführt als durch die nur-hebräische Presse, die sie niemals in die Hand nehmen. Anfechtbar scheint uns auch der Satz, dass die Zeitung „den hebräischen Charakter der Stadt Tel-Aviv» verletze". Man sollte sich vor solchen Formulierungen hüten; sie erinnern an Äusserungen aus einer anderen Welt, die gegen die Verletzung des „nationalen Charakters" der Stadt So^und-so durch diese oder jene Minderheit protestieren, oft in Fällen, wo die „Verletzung" nicht nur die Sprache, sondern auch andere wichtige Dinge betrifft, und wo trotzdem die jüdische Gesamtheit (einschliesslich Tel-Aviv) sicherlich eine solche Haltung beilauert erstens aus der traditionellen jüdischen Ethik der Toleranz und zweitens aus eigenstem Interesse. Im ganzen Lande wurde die vorige Woche als „Woche der hebräischen Sprache" proklamiert. Sie brachte vkle eindrucksvolle Veranstaltungen Versammlungen, Veröffentlichung»n. Es Ist sicherlieh nützlich, weite Kreise aufzurütteln und an Ihre Verpflichtung gegenüber der Sprache zu erinnern. Dass die Dinge auch eine problematische Seite haben, geht aus einer sehr interessanten Randbemerkung hervor, die „Tass", der Feuilletonchef des „Davar", zu dieser hebräischen Woche macht. Er wirft die Frage auf, warum der Verband, von dem die Propaganda ausgeht, sich „Iggud Jehnnchlathath ha-lvrlth", „Vereinigung zur Herrtchendmachung de» Hebräischen" nennt. Man sollte überlegen, so schreibt Tass, ob nicht diejenigen, die schon Im Besitz des Reichtums der Sprache sind, verpflichtet wären, die Menschen durch Liebe zur Pflicht und nicht durch die Pflicht zur Liebe zu führen. Daher ist der Name schlecht. Statt „Herrschendmachen", d. h aufzwingen, sollte es helseen: In die Herzen pflanzen; oder pflegen, aufziehen. Durch Dichtung und Mahnung, nicht durch Drohung lernt ein Volk seine Sprache lieben. Und dann, so fährt Tass fort, wer sind die Leute, die zu Ehren des Hebräischen die Wände vollschmieren mit Schlag" Worten wie diese: „Die deutsche Sprache Ist die Sprache unserer Feinde" Ja. wenn es die Sprache unserer Freunde wäre—wäre dann unsere Verpflichtung gegenüber dem Hebräischen geringer? Und zweitens, fragt Tass, ist deutsch wirklich die „Sprache unserer Feinde"? Ist es nicht auch die Sprache Hunderter von Dichter und Denker. Freiheitssucher und Menschenfreunde, die Sprache Kants und Hegels, Schillers und Goethes. Leasings und Thomas Manns, Börnes und Heines, Lassallesund Moses Hess'. 2uiü" und Gräetz'. Herzb und Nordaus, Freuds und Einsteins. Sogar heute Ist »ie nicht nur die Sprache Hitlers, sondern auch der Tausende, die in den Konzentrationslagern schmachten. Wozu also solche Schlagworte! Jede fremde Sprache, so schMesst Tass, ist eine fremde Sprache, und damit eine Gefahr für unsere einheitliche Sprache. Im „Haarez" polemisiert M. (Medzini) gegen eine Bemerkung der Zeitung „Haboker" über die Schädlichkeit der Zweisprachigkeit für die Kinder der Einwanderer, in deren Familie nicht hebräisch gesprochen wird. M. hält diese Kritik für unberechtigt, der.r erstens ist dies in allen Einwanderungsländern so und zweitens Ist es besser, die Eltern sprechen mit dem Kind in einem richtigen Deutsch als in einem verdorbenen Hebräisch. Man könnte noch hinzufügen, dass auch das Hebräisch vieler ..einspruchiger" Kinder nicht immer zufriedenstellt. Alle alten Zionisten, die meist schon im G&luth j&hrcM&rig hebräisch gelernt haben, aber auch viele andere Einwanderer verstellen die Bedeutung der Sprachenfrage. Leider wird diese ernste Sache oft zum Schlagwort und zu Zündstoff. Es geht Ja nteht um Auaserlichkeiten, sondern darum, die Herzen zu erschliessen. Und wer von uns sich besinnt, wie wir — gerade Westjuden, die nicht als selbstverständlich in der Kindheit hebräische Sprache und Literatur in sich aufgenommen haben, sondern weit davon entfernt In anderen Kulturen aufwuchsen — als Zwanzigjährige die hebräische Sprache „entdeckten", welches Glück und welcher Reichtum das war und welche Liebe uns da erfasste. wie wir von da aus einen ganz neuen Weg zum Judentum und zu den Quellen des Volkstums fanden, wie wir seitdem die Sprache als dan Lebensnerv unserer naUoimlen Existenz empfinden, wer das alles noch gegenwärtig hat, der weiss, dass man diese Sprache nicht mit der Peitsche durchsetzen kann, sondern die Menschen dafür (jeuAnnQn, sie innerlich packen imiss. Hier liegt eine grosse Aufgabe noch vor uns. Die Stadtverwaltung von Ramat Gan, Vorort von Tel-Aviv; hat nach Kriegsaiwrbruch ansteile von Unterstützungen für Arbeitslose eine Fläche von 100 Dunam mit verschiedenen Lebensmitteln, wie Kartoffeln und Gemüse, bepflanzen lassen, wobei Arbeitslose beschäftigt wurden. Die Regierung und der Waad Leuml haben diese ausgezeichnete Einrichtung subventioniert. Dieser Tage wurde dte rrsfe Etrnte eingebracht, die z. T. an die Arbeitslosen selbst verteilt, s. T. öffentlichen Küchen zugeführt wurde. Die Ernte war Anlas» iu einer kleinen Feier, an der u.a. der Dirigent Georg Singer »leb durch Klavisrapiel beteiUgte. OER WIMM BEGINNT Der Winter ist in Palastina In dieser Woche mit aller Macht eingebrochen, nachdem bisher besonders schönes Wetter geherrscht hatte. Der palästinensische Winter ist charakteristisch durch Sturm und Regenma*sen. die in kurzer Zelt Städte und Strassen überfluten Die niedrig gelegenen Stadtteile von Tel-Aviv sind auch diesmal von der Überschwemmung stark betroffen worden. Die freiwillige Feuerwehr musste mehrmals eingreifen, um Menschen und ihre Habe aus den Wohnungen zu retten. Das „Hatlkwa"-Viertel musste um Mitternacht evakuiert werden. Die tTberquerung überschwemmter Strassen Ist zeitweise für Fussgänger ausserordentlich schwierig. Ein findiger Jude hat den Gedanken gehabt, in Tel-Aviv an wichtigen Strassenkreuzungen eine Art Fähre mit einem Wägelchen einzurichten; viele Hunderte von Passanten machen von dieser Möglichkeit, trockene FÜsse zu behalten, gegen Bezahlung eines halben Piasters Gebrauch. In Haifa und Jerusalem war kurze Zeit die elektrische Leitung durch den Sturm beschädigt, sodass unfreiwillige Verfinsterung entstand. Für die Landwirtschaft erwies sich der starke Regen als ein Segen. So z.B. wird aus verschiedenen Gegenden des Landes berichtet, dass die Feldmäuse, die zu einer schweren Bedrohung des Getreides geworden wären, von den Fluten ertränkt wurden. An manchen Stellen auf dem Lande ist äusserste Vorsicht geboten, da mich Mensehen bzw Kinder leicht vom Strom des Regens weggeschwemmt werden können. Tatächlich sind in arabischen Dörfern einige Personen getötet worden. Auch der Verkehr auf der Chausee Haifa-Tel-Avlv war an einigen Stellen unterbrochen und die Dörfer im Emek Chefer waren eine zeltlang von der Strasse abgeschnitten. TOD DES HAIFAER BtttGI»sttH8TERS In Haifa starb im Alter von 66 Jahren der Bürgermeister der Stadt, Hassan Bey SchultrI, der bei affrn Kreisen der Bevölkerung grosses Ansehen genoss. Hassan Bey bekleidete das Amt seit 1927 und hat grossen Anteil an dem ausserordentlichen Aufschwung der Stadt in den letzten 10 Jahren. Er gehörte der gemässigten Richtung an und war zweimal Ziel terroristischer Attentate, die fehlschlugen. Das Begräbnis gestaltete sich zu einer imposanten Kundgebung, bei der Juden und Araber gemeinsam trauerten. Viele jüdischen Institutionen waren vertreten, u. a. nahm der Präsident des Waad Leumi Ruthenberg an dem Begräbnis teil. Auch die hebräische Presse widmet dem Verstorbenen warme Nachrufe. Bis zur Ernennung eines neuen Bürgermeisters führt der jüdische Vizebürgermeister Schabbatai Levy. der Hassan auch während seiner Krankheit vertreten hat, die Geschäfte der Stadt AUS DES CHRONIK Der High Commlssioner empfing die Delegation von jüdischen und arabischen Orangenpflanzern, die bei der Konferenz in Petach Tikwah gewählt worden waren. Die Delegation überreichte dem High Commlssioner die gemeinsamen Forderungen der ZitrusWirtschaft. Die Verhandlungen wurden im Einzelnen dann mit dem Finanzsekretär der Palästina-Regierung, Johnson, fortgesetzt, wobei alle Details eingehend erörtert wurden. In der Frage des Arbeitsstatuts ist man auch in dieser Woche noch nicht zu einem Absen lusa gekommen. Die Arbeitgeber und Arbeitnehmerverbände beraten gegenwärtig die Vorschläge des Waad Leumi. Ein Datum für eine neue Vollsitzung des Waad Leumi ist bisher nicht angeraumt worden. Die palästinensische Handeismission, die Syrien und den Libanon besucht hat, ist nach Palästina zurückgekehrt und berichtet, dass sowohl die Regierungskreise als auch die Handelswelt in Syrien einer Herstellung engerer wirtschaftlicher Beziehungen zwischen den zwei Ländern sehr geneigt sind. Insbesondere wurde auf syrischer Seite die Bedeutung der palästinensischen Industrie, die verschiedene Artikel liefern kann, gewürdigt. Der Dampfer „Hilde" (früher „Aghios Nicolore«") mit 738 Ffochttmgen (darunter 215 Frauen und 2 an Bord geborene Säuglinge) wurde bei Haifa von der Polizei abgefangen. Eine Landung wurde nicht gestattet. Ahmed Hilmi Pascha, einer der im Oktober 1937 auf die Seychellen verbannten Araber, erhielt die Erlaubnis, nach Palästina zurückzukehren.