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Jüdische Weltrundschau · 1940-02-05 · 5 (5.2.1940) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
5 (5.2.1940)
Date
1940-02-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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5. Februar 1940 JÜDISCHE WBLT*RUNDSCHAU Der Neuordnung entgegen WO IST UNSERE VERTRETUNG 1 Mit dienen Au-ifUhrunocn rryreift ein Vertreter der jüngeren Genrration, Mitglied den Merkaz tlechnluz, rhemnl* in Th*a,**chUmd, 4Vm Wort;m der jüdisch™ Hituatinn unterer Trij/r. Red. t>it!st>r Krieg wird von den Weltmächten nicht um Her Gewinnung neuer Gebiete und materieller Vorteile geführt. Die Demokratien England und Frankreich hohen Mio Waffen aufgenommen, um in Europn der Rechtlosigkeit und brutalen Gewalt, der Unterdrückung von Nationen und Minderheiten, der Knebelung der Freiheit de» Menschen ein Ende zu setzen. Um mit den Worten dos britischen Premierminister» Chnmbcrlain zu sprechen (Rede vom 5.9.1 »39, nach der Kriegserklärung Englands und Frankreichs an Deutschland), wird dieser Kampf geführt gegen: „brüte force. bad faith. persecution, inju.sticc and oppression". Während die Weltmächte einen Krieg gegen die Herrschaft der brutalen Gewalt in Europa führen, kämpfen nie gleichfalls fiir die Zukunft ihrer eigenen nationalen Freiheit und ihre» Rechtes. Sie Winsen, das« die Eroberungspolitik Hitlers in der Zukunft auch an ihren Grenzen nicht vorübergegangen wäre. Niemand von unrs zweifelt, dass der Krieg von den Alliierten gewonnen werden wird. Es ist damit zu rechnen .dass sich die Gebiete, die unter der Herrschaft de« Naziregimes gestanden haben, bei Kriegsende in einem geistigen und materiellen C h a o s befinden werden. Dieses Chaos muss planmässig gelöst werden, um zukünf- , tlge Fehler, soweit wie nur irgend möglich, zu vermeiden. I Vorbereitung der Neuordnung; Es ist deshalb eine der wichtigsten Aufgaben der prasumptiven Siegerstaaten, schon heute d ie notwendigen Vorbereitungen zu treffen, um die auftauchenden Fragen zu meistern. Dabei werden sich ethische und juristische Leitgedanken harmonisch zusammenzufinden haben. Bei der Wiederherstellung eines geordneten Rechtszustandes werden staatsrechtliche und privatrechtliche Fragen nebeneinander hergehen, Die staatsrechtlichen Fragen sind vorwiegend; ideeller, die privatrechtlichen dagegen materieller '. Art. Auf dem Gebiet des Staatsrechtes wird es »ich um die Neuschaffung oder Wiederherstellung von Staaten handein; privatrechtlich zu regeln ist der Komplex der Wieder gutmai:hun<j materieller Schäden yegenülter öffentlich-rechtlichen und privaten Partnern. Einige vom Nationalsozialismus unterdrückte Völker, wie Polen und Tschechoslowakei haben heute bereits anerkannte Regierungen Oder NaUonaiKomitces in den westlichen Demokratien gebildet. Andere, wie die Österreicher, sind zwar nicht vertreten, es Ist ihnen aber von Frankreich und England versichert worden, dass sie nach Beendigung des Krieget* und Vernichtung des Nationalsozialismus das Recht haben werden, sich ihre künftige Staatsform in freier Abstimmung zu wählen. Nur über das Schicksal der jüdischen Minderheit nach dem Kriege ist bisher noch nichts verlautbart worden. Die Juden tragen ein zwiefach tragisches Schicksal; Sie >Jnd als Teil der unterdrückten Nationen und darüber hinaus als Juden, denen der zügelloie Hass des Nationalsozialismus gilt, betroffen. Folgt man in logischer Konsequenz den von Daladier und Chamberlain bekanntgegebenen Kriegszielen, dann mua« man erwarten, das» auch die Juden, die so wie die Tschechen und andere unterdrückte Völker ein Opfer des Naziregimes sind, auch wie diese von den Westmächten anerkannt und in die Wiedergutmachung einbezogen werden sollten. Die Veröffentlichung des Weissbuches „Treatment of German Nationais in Germany" war vielleicht ein Anfang, aber eine offizielle Erklärung, dass auch für die Juden nach diesem Krieg eine Wendung eintreten werde, iat nicht erfolgt. Warum? Die Juden leiden wie jene anderen Unterdrückten, sie sind überall bereit, sich als Freiwillige den Demokratien in dienern Kampf zur Verfügung zu stellen (Brief von Dr. Ch. Weizmann vom ». 8. 1939 an den britischen Premierminister). Allein in Palästina bei einer jüdischen Bevölkerung von ea. 500.000 Seele» haben .sich 136.000 Menschen im Alter von 1» 50 Jahren (80% dieser Jahrgänge) freiwillig gemeldet In den Reihen der polnischen und tschechoslowakischen Armee werden die Juden ein sehr erhebliches, weit (Iber ihren bevölkc | rungsmässigen Anteil hinausragendes Kontingent; an Kombattanten in diesem Kriege «tollen. Wim Jede« Volk fühlt Mr. Cham berlain sagte im Parlament nm 12.10.IM» „Was auch immer der Ausgang des gegenwärtigen Kampfes sein möge und in welcher Form er zu einem Abschluss gebracht werden wird, die Welt wird nicht die gleiche Welt sein, wie wir sie vorher kannten. Wenn wir in die Zukunft .schauen, so können wir sehen, dass tiefgehende Änderungen unvermeidlich Ihre /eichen auf jedem Gebiete menschlichen Denken.«! und Handelns zurücklassen werden .und wenn diese neuen Kräfte zum Vorteil der Mensch, heit verwandt werden sollen, dann werden alle Nationen Ihren Teil daran zu tragen haben". Der Premierminister sagt weiter: „Ich bin fest davon überzeugt, dass alle Völker Europas, einschliesslich des deutschen Volkes, sich nach einem Frieden sehnen, einem Frieden, der Ihnen gestatten wird, ihr lieben ohne Furcht zu fuhren und ihre Energien und ihre Begabungen der Entwicklung ihrer Kultur zu widmen, ihre Ideale zu verfolgen und Ihren materiellen Wohlstand zu verbessern." Treffen diese Worte auch für die Juden zu? Es gibt wohl kaum ein zweites Volk in der Welt, das schon solange wie das Jüdische Volk dar. empfindet, was Mr. Chamberlain in seiner P.ede zum Ausdruck brachte. Eine jttdlNche Vertretung Andere Völker, die sich jetzt in einer der unseren ähnlichen Lage befinden, haben Ihre Vertretungen erhalten, die wenn auch im Exil die Verantwortung für die einmal wieder freiwerdende Nation tragen, Wo ist unsere Vertretung? Wer träet die Verantwortung für jene Millionen Juden, die heute um Wiedergutmachung kämpfen? Mit dem „jüdischen Volk" kann niemand verhandeln. Die Juden In Amerika, England, Frankreich. Palästina und in den anderen Ländern können wohl ihre Stimme erheben, aber sie wird nie so gehört und verstanden werden wie die einer von allen Juden der Welt geschaffenen Vertretung. Sie soll in sich vereinigen alle Kreise und Institutionen, die sei» Jahren für die Juden in Deutschland und Osteuropa tätig waren. Einen wesentlichen Anteil wird die J e w i s h A g e n c y zu nehmen haben. Palästina hat Ja schon bisher trotz allen Beschränkungen den wesentlichsten Anteil bei der Aufnahme von Juden aus Mittel- und Osteuropa nehmen können. Die Jewlsh Agency for Paleatine ist 'las einzige Jüdische Gremium, das über den Bereich jüdischer Landsmannschaften hinaus, berechtigt ist, Jüdische Interessen zu vertreten. Mehr als alle anderen Jüdischen Kreise ist die Jewish Agency dafür prädestiniert, ein Vorkämpfer für die Schaffung einer das gesamte jüdische Volk vertretenden Instanz zu werden Tn den lindern Europas befinden sich unter den Minoritäten die Juden, und zwar melet in einer hoffnungslosen Position. Ihre Minderheltenrechte wurden In einigen Fällen nicht nur nicht geachtet, sondern im Gegenteil, sie wurden althergebrachter, verbriefter Rechte beraubt. Tm Osten blieb die Judenfrage ungelöst. In anderen Ländern, wo man bisher keine aktuelle Judenfrage kannte, entstand sie Uber Nacht War schon in manchen Ländern kein ernster Wille da, das Judenproblem so zu lösen wie es von einem Rechtsstaat erwartet werden sollte, so trat ein völliger Umbruch ein, als die Nazis in Deutschland die Judenfrage nach eigenem Rezept zu .lösen" begannen, indem der Staat diese durch einfache RechtebrÜehe „negativ" liquidierte. Leider machte diese Art der Liquidation in manchen Ländern Schule. Jüdin« he Poattilat« Es liegt auf der Linie einer ordentlichen Losung der aufgezeigten Problem«, das Wohl und Wehe der Juden nicht dein Wohlwollen oder Gutdünken der einzelnen Nationen zu überuwunn. Eine solche zersplitternde Lösung kann niemals eine dauerhafte sein Es ist deshalb eine generelle. «Ine kollektive, einheitliche Lns u n g erforderten, jrülfig für ätle beteiligten Lander. Um nicht im.), dem Kriege in denselben Fehler zu verfallen. .1 h. die Lnsmig der Tudenfrage irgendwelcher» Anfüllen oder Gewalttaten preiszugeben, wird es bei <!"n zu erwartenden Friedensverhandlungen unumgänglich sein, dass die Judenheit durch eine legitimierte Instanz Anerkennung und Beteiligung findet. Die Demokratien, die heute einen Krieg für die Wieder nufrlrhlung de« Rechte?) führen, dürfen utw nicht rechtlos abseits stehen lassen. Die Forderung der Judenheit nach einer verantwortlichen, rechtlich gesicherten Vertretung ist eine unerlässllehe. Diese Vertretung hat. für die Juden zu erstreben: T Staatsbürgerliche Rechte 2. Materielle Wiedergutmachung im Rohmen der vorhandenen Möglichkelten, 3. Regelung der jüdischen Siedlung und Wanderung. Die Stauten, an die wir uns zu wenden haben, werdsm uns nicht aus eigenem Antrieb auffordern, diese Vertretung zu schaffen Wie vielen in der Geschichte oft nur das Ergebnis eines Kampfes ist, so müssen auch die Juden um die Anerkennung dieses öffentlich-rechtlichen Instrumentes h/impfen. Es wird die Aufgabe dieser Körperschaft sein, fiir die kommende Friedenskonferenz. P! n n e zur B c Ii »■ b u n g der J ü d 1 h c h e n Not vorzubereiten und diese zu vertreten. Es Int notwendig, sehn n h e u t « an die Bearbeitung de« gewaltigen Komplexes aller dieser Fragen heranzugehen. Wenn wir auch wissen, dass die meisten der fortschrittlichen Nationen die gegenwärtige Lag« der Juden in der Welt, verstehen, die Uhuno dieser Probleme werden nur w i r die Juden selbst finden: die Durchtühruna Jedoch wird nur mit Hilfe aller beteiligten Nationen möglich sein. Es gibt Kreise, die glauben, das« nach der Vernichtung des heutigen Regimes in Deutschland über Nacht die Judenfrage nicht mehr existieren wird. Aber die Juden haben in den letztet» yechs Jahren zu viel in Deutschland gelitten, als dass jemals diese Epoche von uns vergessen werden kann. Es ist möglich, dass manche zurückkehren werden, dass manche bleiben werden, aber der grösste Tel! der Jungen Jüdischen Generation wird diesen Weg nicht wählen, Die Vertreibung der Juden au« Spanien hat zur Folge gehabt, daaa jahrhundertelang bis zur Gegenwart kaum eine jüdische Bevölkerung sich wieder in Snanien ansiedelte. Hoffen wir, wie so viele Völker in der Welt, dass die Friedenskonferenz nach diesem Kriege, die sicher weit üher den Rahmen der kriegsführenden Mächte hinausragen wird, die Grundlage für einen dauernden Frieden in der Welt legen wird, so muss es uns klar .'»ein, dass die Grundlagen für Föderationen von Staaten, Nationen, Minderheiten, eine eherne Form und Prägung erlangen werden. Oh wir wollen oder nicht, diese Regelung wird auch unsere Zukunft bestimmen. Wir, die junge Jüdische Generation, «chmien aus. aus welcher Richtung der Jüdischen Welt der Ansatz für die VerHnir/una der Juden, die eine Vorbedingung für die Schaffung unserer Vertretung Ist, kommen mag. Jeder Tag, der verloren geht, bedeutet eine Schwächung. Xiel Federmann. London. Februar 1940. DIE REFUNEES IN ENGLAND Die Nachprüfung der feindlichen Ausländer In England durch die sogenannten Ausländergerichte hat folgendes Resultat ergeben: Von der Gesamtzahl ß2 3Hö Refugees wurden eingereiht: In die Kategorie A (Interniert) iM Deutsche. 50 Österreicher........ 488 In die Kategorie B ''Nichtinterniert, aber Beschränkungen der Bewegungsfreiheit unterstellt) 7.190 Deutsche, 822 Österreicher 8021 In die Kategorie C (Befreit von jeder Art von Beschränkungen' 47.28.1 Deutsche, «.5*7 Österreicher ... 53.f*82 Die Gesamtzahl, der Flüchtlinge in England beträgt nach polizeilichen Angaben 74.233. Bei Ab- •chlum de* vorliegenden Bericht«» war die Untersuchung also noch nicht abgeachkumn.

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