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Jüdische Weltrundschau · 1940-01-29 · 4 (29.1.1940) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
4 (29.1.1940)
Date
1940-01-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 29. Januar 1940 WANN HAT ABRAHAM GELEBT? Nrw Dokumrnt* zur Datierung «Irr jUdtwrhen Stamfn***ge«»dMrlitr / Von M, Y. n <? n ■ (i a v r i r I (Jerusalem> Man wird H)th erinnern, das« vor etwa drei Jahren, «I» der inzwischen ermordete englische Ar« -haeologe Starkey bei den Grabungsnrbeifen in Lachisch '('Dl ed-Duweir> die aufsehenerregenden Briefe aus der Königszeil fand, besonders einer dieser Tonseherben auch vom allgemeinen kulturhistorischen Standpunkt bedeutendes Interesse erregte. Ks handelte «Ich dort um die Bedeutung de* Worten rutn 'mas^uMh >. das Prof. H N. Turfzytu r von der Hebräis* hen Universität in Jerusalem, der die Briefe entzifferte, mit „FeuerHignale" vom Worfslnmm wvr übersetzte, wobei er auch zwei Stellen au» der Bibel anführte, wo eine ältere Form demselben Wortes in der Kleiehen Bedeutung vorkommt Nun erschien in der letzten Zeit in der französischen Zeitschrift „Revue d'A#syrologie", Paris, ein Aufsatz des franzö- «isrhen Gelehrten Georges Dossiri. der «ich mit dem Licht- «ignalwesen im antiken Orient befasst und der nachweist, das« die Benutzung von Feuersignalen zur Übertragung von Botschaften und Befehlen w*>it iUteren Datums ist. als die Berichte von Lachlseh, die aus dem Jahr r>8? vdgZ. stammen. DosKln befasst «Ich mit den neuen Ausgrabungen des Franzosen Andre Parrot im Königspalast von Mari, einem .Stadtstaat im mittleren Mesopotamien, die unter anderem auch eine Anzahl von Keilschriftberichten aus dem Jahr 2000 vdgZ. umfassen. Einige dieser Tafeln sind für uns von besonderem Interesse, denn sie berichten von Aufstanden rtnrtt fJUtmmrv HtrnyHmin gegen den König von Mari ein Aufstand, der schliesslich, wie eine der aufgefundenen Tafeln erkennen Maxi, von den königlichen Truppen niedergeworfen wurde In dessen Bericht der Stamm um diese. Zelt anscheinend gantete. Einer dieser Berichte (nach der französischen Obopaetzung des akkadlschen Urtextes) lautet: ..An meinen Herrn / wage dieses: / So spricht Dein Sklave Hanum. / Gedern aus Mari / bin ich ausgezogen / und gegen Zuruban / habe ich meine Ruhe der Nacht getragen. / Alle die Hcnynmimti n / haben die Feuerzeichen gehoben. / Von (der Stadt) Samarium / bis (zur Stadt) Uum-Muhik / <und> bis Mislän / alle Städte der Benyaminiten / im Distrikt von Tcrqa, / haben die Fackeln als Antwort gehoben. / Bis nun könnt« ich nicht feststellen, / die Bedeutung dieser Feuersignal«. / Diese Bedeutung / will ich nun feststellen / und | ob so oder nicht so ist / mein Herr, will ich schreiben. / Die Wache der Stadt Mari / möge verstärkt sein / und mein Herr möge zum Tor nicht hinausgehen." Noch dramatischer ist ein anderer leider beschädigter •..... Brief, der gleichfalls, wie der erste, nicht an den König direkt, der verrnutnieh nicht lesen konnte, sondern ansehe) nend an seinen Geheimsrhrciber gerichtet war. .An meinen Herrn / sage dieses: / So spricht... / Dein Sklave... (hier fehlen einige Zeilen... / ... die Benyaminiten revoltieren. sodass ich. so eilig wie möglich Feuerzeichen erhoben habe, für Hilfstruppen. / Infolge die.«er Feuer / mag das Herz meines Herrn erzittert haben. Möge das Herz meines Herrn sich nicht beunruhigen / Dies meinem Herrn zu wissen." Kin dritter Lrief schliesslich, den ein Beamter rmmens Sa-am-me-e-tar an den Konig von Mari, imrilin, richtet, rnel- | det bereits, dass der Feind (die Benyaminiten» sich zum An j griff bereit macht, viele Kämpfer zusammenzieht, wahrend i die Soldaten des Königs Mich gleichfalls im Gebiet von Terqa \ konzentrieren. „Ks ist sicher", heisst es dort, ..das» der Feind überaus zahlreich Ist". Von grossem Interesse ist nun die Gegenüberstellung jener beiden Bibelstellen, wo gleichfalls von militärischen Feuerzeichen gesprochen wird. Torezyner weist in einem Bericht | über die eben bekannten Marl-Briefe mit Recht auf die | auffallende Tatsache hin. dasian beiden Stellen gerade; i Benyaminiten in Verbindung mit den Feuerzeichen gesprochen | wird. Diese Stellen sind: Richter 20, 36--38 und Jeremias 6.1 I iO flüchtet, ihr Bcnyamins-Söhne / Aus Jeruschalaims Mitte! /; In Toqc'a tutet Horn, ' Auf Beth hakkerem richtet Rieht*; brand auf!) Interessant, ist, möchte ich bei dieser Gelegenheit betonen, die auffallende Ähnlichkeit der Stadtnamen Tcrqa im; Mari-Bericht und Toqe'a bei Jeremias. i Uns, die wir uns hier weniger für das militärische Signnli wesen jener Zeit interessieren, als für die Erwähnung des Stammesnamens Beyamin, ergibt sich aus den Briefen von Mari - noben der Tatsache, das» die Benyaminiten «chon in jenen Zeiten ein dem Kampf überaus zugeneigter Stamm waren, die überraschende Feststellung, dass es im Zweiströmeland, in der Gegend der Heimat von Abraham, einen Jakobsstamm mit dem Namen Benyamln gab, 2U einer Zeit, die rund 200 Jahre vor der bis nun üblichen Datierung der Geburt der Jakobasöhnc liegt. Ks Ist anzunehmen, das» dieser, in den Mari-Briefen erwähnte Stamm ein Fremdstamm, ein ka'ananitisches, dem Namen nach zu schllessen -•- (Bin-ia-mi-na-a> — allenfalls kein babylonisches Volk war. sodass dies« von Parrot ans Tages licfct gebrachten Dokumente für gewisse Datierungen de» biblischen Berichtes, wie überhaupt aJs Beleg« für die Urvätergeschichte von überragender Wichtigkeit «Ind. Von ebensolcher Wichtigkeit für die Urgeschichte de« Volkes Israel wie die Lachisch-Briefe für die Geschichte »einer Königszeit. Familienforschung Von Dr. Siegfried A sc h e r, Jerusalem Jüdische Familienforschung treiben heisst jüdische Geschichte lernen, die ja so vielen Juden unbekannt geblieben iM. Jüdische Geschichte aber ist WY/fgeschichte. Die Assimilation von drei bis vier Generationen hat das neue Geschlecht vergessen lassen, wie kurze Zeit es erst her ist, dass in vielen Teilen Deutschlands, ja Europas, überhaupt kein Jude geduldet wurde, dass weiter allein Polen die vertriebenen Juden aus Mitteleuropa auf genommen hat, wie es früher Holland mit den spanischen Juden getan hatte. In vielen Teilen Mitteleuropas wochselten mit den Herrschern auch die Geschicke der Juden dauernd. Vergegenwärtigt man sich z. B. weiter, dafs es durch lange Zeit in Preussen, ja in Deutschland, keine Jeschiwa gab und das« fast alle Rabbiner bis in die 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts auf den Schulen Polens und Litauens ausgebildet waren, so wird die enge Verbundenheit der deutschen und der polnischen Judcnhcit klar. Der Familienforscher muss seine Arbeit« n über Deutschland, Polen, Litauen, Ost erreich und Ungarn, nach Süden über Italien, nach Westen über Frankreich und Holland nach Spanien usw ausdehnen. Da* erschwert die Forscherarbeit ungemein, macht sie aber interessant und belehrend. Die Quollen, aus denen der Sippenforscher schöpft, waren die (uns jetzt verschlossenen) Staatsarchive in Deutschland, die Amtsblätter für die Namensgebung, die Akten der jüdischen Gemeinden, Memorbücher, Mohellisten, Friedhofsverzeichnisse usw, Dann aber gibt es auch viel Material in alten Familienpupieren (Stammbäumen * und luletzt das grosse Schrifttum über einzelne Gemeinden, Familien und bekannter Einzelpersonen. Dieses ist viel grösser als man glaubte; besonders in den letzten dreissig Jahren ist ein grosses judisches Schrifttum herausgekommen. Die jüdischen Archive sind leider zum grössten Teil in Deutschland geblieben, nicht zuletzt durch die Gleichgültigkeit gewisser Kreise, die die Wichtigkeit dieser Archive für die Geschichte der Judenschaft nicht erkannt haben. Aber noch ist manches zu retten, was sich in Privathand befindet. Vor allem dürfte es jetzt noch möglich »ein, alle jüdischen [Archive aus Polen, ..Ungarn, Litauen und manchen anderen Staaten hierher zu holen. Seit mehr als 25 Jahren hat die <«<**4'll*4'haft für jüdische FamllienforMchiing geführt von ihrem Gründer, Dr. A. Czellitzer. alle Kräfte gesammelt, die auf diesem Gebiete arbeiten. Da ein grosser Teil ihrer Mitglieder sich jetzt in Palästina befindet, hat sieh vor kurzem eine IjamlettKruppe Palästina gebildet, die im alten Geiste weiter arbeiten will. Vor allem hat. sie sich zur Aufgabe gemacht, für die Schaffung eines '/♦MitraIurehlve* der -ludenftchmft in Jcrusale m zu wirken. Die Gesellschaft wird selbst das Familienkundliche in diesen Akten erforsch«^, das rein Historische an andere Forscher gelangen lassen. Hierzu ist aber erforderlich, das« jeder, der irgend welches Archivmaterial in Besitz hat, es uns im Original, in Abschrift oder im Lichtbild zur Verfügung stellt, und zwar alles, was Mich auf die Geschichte jüdischer Gemeinden, Familien und Einzelpersonen bezieht. Gerade dos Kleinmaterial ist der Baustein für das Gesamtbild; es darf nicht verachtet, sondern muss gerettet werden. Sehr schwierig für den Forscher ist der Mangel an hier vorhandenen Fachbüchern. Das Material der grossen Bibliotheken des Landes reicht bei weitem nicht aus; dagegen haben viele einzelne Bücher, die ihnen am Mensen liegen, mitgebracht. Hier müssen sich die Forscher gegenseitig ergänzen und helfen; wir wollen daher zuerst ein Verzeichaller Fachbücher aufstellen, die sich im Lande befinden. Die „Gesellschaft für jüdische Famllienforschung" hat »ich gern bereit erklärt, als Sammelstelle für all dieses Material zu dienen, es zu ordnen und zu verwalten, bis eine öffentlich« Stelle hierfür geschaffen wird. Wenn alle mithelfen, die ein Interesse an der Geschichte der Juden und der jüdischen Familien während der letzten 1000 Jahre haben, wird es möglich sein, erfolgreich weiter zu arbeiten, WERBT NEUE LESER DER JWR"! Zwischen zwei Kriegen Menschen zwischen 40 und 6<i. die in Deutschland aufgewachsen sind, werden mit atemloser Spannung die „Selhstdarstellung eines Arztes" lesen, die .Ifnrfttt Kümper f unter dem Tiel „/totlr t»i Pnradir*" (im Verlag Berrnann-Fiseher Stockholm» herausgegeben hat. Ks ist ungewöhnlich, dass ein Mann in den Vierzigern schon eine Selbstbiographie schreibt, aber sie ist charakteristisch für unsere Zeit, da das I,eben vieler Menschen in der Mitte einen völligen Umbruch erfährt, Ks liest sich wie ein aufregender Abenteuerer-Roman, gerade weil es abgesehen von den privaten und persönlichen Dingen des Verfassers den l,eser eine Zeit durchleben lässt, die seine eigene war. Der Verfasser stammt aus juter judisch-bürgerlicher Familie in Berlin, erlebte die Jugendbewegung der Vorkriegszeit, machte erste literarische Versuche, dann kam der Weltkrieg, der den Studenten nach dem Orient führte, bei Kriegsende ist er 20 Jahre alt. Ks folgt eine meisterhafte Schilderung der Stimmung von November 1918 und der deutschen ..Revolution". Den Hauptdes Buches füllt die Darstellung des J-*ebeh« n Nachkriegsdeutschland, wo da* Kommen des Hltlerlsmus sich vorbereitet. Gumpen, der selbst links stehe, ist ein aufmerksamer Beobachter, er ist nicht blind für die Schwäche und Versumpfung des „Zwüfcihenreiches", vergräbt sich in wissenschaftliche und soziale Arbeit Dann erleben wir in seiner Schilderung nochmals den Einbruch des Hitier- Wahns, erste Emigration nach Paris, Rückkehr, Emigration nach Amerika. Im Lichte des Jahres 1938/38 erscheint die erste Hitler-Zeit wie eine Idylle, auch der kleine Pogrom am Kurfürstendamm im Sommer 1935, der damals soviel Staub aufwirbelte. Gumpen sagt treffendes zur Psychologie der Emigration, aber für die Judenfrage ist er blind, er sieht nur ihre äußerlichsten Auswirkungen und zieht natürlich auch keine jüdischen Konsequenzen. Nur ein Exkurs Uber das Buch Esra und Nehemia deutet auf die ablehnende Haltung des Verfassers. Von seiner Schwester und deren Mann, dem Maier Steinhardt, sagt er bündig, dass die beiden im April 1933 „verstört mit ihrem Kind nach Jerusalem fuhren, wo sie seither leben und arbeiten, soweit

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