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Jüdische Weltrundschau · 1940-01-29 · 4 (29.1.1940) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
4 (29.1.1940)
Date
1940-01-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seit« 2 JODISCHE WELT-RUNDSCHAU 29. Januar 1940 friedigen zu können, wird gegen niemand mit ho viel Raffinement und leider auch manchmal mit. Erfolg »/»gewandt wie gegen die Juden. Dem haben wir mit. aller Macht entgegenzuarbeiten, damit diese Pläne ebenno wie die andern Pläne der Nazis zuHchandcn werden. Die Stalten jtidirtrrhcn (ici.stujcn Leben* müsHen in den Ländern, wo «ie noch bestehen, gerade nach den Verlusten der letzten Zeit besonders sorgsam gehüU't werden. Und über alles hat. das jüdische Volk als Gesamt heit eine e i n z i g a r t i g e P o - s i t. i o n i n P a 1 ii s t i n a, dem einzigen Lande, wo das Judentum als solches ein staalsbildender Faktor ist und seine Kolfrklivfechtc unerkannt sind. Ks wäre falsch zu verkennen, dass die jüdischen Positionen in Palästina infolge der Isolierung, in die sie durch den Krieg geraten sind, besonder« gefährdet sind. Denn diese junge Gemeinschaft mit einer erst gerade in den Anfangsstadien befindlichen Wirtschaft, kann sich nicht aus eigener Kraft erhalten und braucht die m o - r a I i s c h e u n d finanziell e H il f e d e r g e s a rn f e n J u ri e n hei t. Iiier mehr iiIm irgendwo gilt tlas oImt*I«p <»r- «et/,, keine Position iiniergehen /ti l»**en. Palästina hat in den letzten Jahren Zehntausende von verfolgten Juden aufgenommen, die sonst nirgends einen Hafen gefunden hätten. Ks hiesse Unmögliches erwarten, wenn man annimmt, dass in diesem kleinen I>an<i mit seiner unentwickelten Wirtschaft diese alle sofort in den Krwerbsprozess eingegliedert werden können. Noch dazu sind jetzt die Export- und Importwege teilweise verstopft, der wichtigste Wirtschaftszweig des Landes (Orangen) leidet schwer und kann seine Arbeiter nicht ernähren. Soll in Palästina etwas von dem mit so viel Mühe und Kosten Aufgebauten zusammenbrechen? Ist das eine Politik für diese Zeit? Dabei spielt die Frage, was die Zukunft bringt, nur eine .•untergeordnet»- Rulle, denn diese kann man heute überall stellen und überall gibt es erhebliche Unsichei heitsfaktoren. Vorläufig jedenfalls ist Palästina vom Krieg verschont und die Wahrscheinlichkeit, dass das Land -■Kriegsschauplatz wird, ist geringer als bei manchen anderen Ländern. Wir haben die H o f f n u n g, was hier durch jüdische Arbeit geschaffen wurde, h i n Ü b er zuretten. - wenn das jüdische Volk in seiner Gesamtheit weitsichtig genug ist, diesen Wert voll zu ermessen und für seine Erhaltung zu sorgen. Die jüdische Siedlung Palästinas wird in jedem denkbaren Fall ein Aktivum der Gesamt judenheit sein Welchen prozentuellen Anteil Palästina bei der. Lösung oder Neuordnung der Judenfrage haben wird, ist dabei weniger wichtig als die Tatsache einer kollektiven jüdischen Gemeinschaft, die sich, wie wir hoffen., gerade während des Krieges und unter dem Druck der Not immer mehr innerlich konsolidieren wird. So sehr auch die Juden zerstreut sind und im Zuge der Zeit immer mehr zerstreut werden, die Einheitlichkeit der Judenfrage wird sich schon infolge des Flüchtlingsproblems deutlich zeigen. Innerhalb dieses Ganzen ist Palästina ein besonders wichtiger Teil. Nirgends , der Welt gibt es so sichtbare jüdisehe Werte und Errungenschaften, und wie immer wir heute oder übermorgen unsere ,,Friedeimziele" formulieren mögen, heute steht über allem das Gebot, nicht durch eigene Schuld etwas von dem positiven Besitz des jüdischen Volkes aufs Spiel zu setzen. In diesem Bestreben, a!! e A k t i v a z u erhalten, können gewiss aile Schichten des jüdischen Volkes zusammenwirken. Wir tasten noch im Dunkel, aber wir wollen unser inneres Licht nicht verlieren. Aus dem Leben der Refugees UQEkVEtlTLASSiJNQEN IN FRANKREICH ' sehen ha hon natürlich Verständnis für dir ausserordentlichen Verhältnisse eines Krieges und für ' du* .Stimmung des französischen Volke«. Aber die i Juden, besonders die dort ein Asyl vor Unmenschen Verfolgungen gefunden haben, sind Freunde Frankreichs und wollen als solche anerkannt werlen. Wir Klauben, dass nach (Jen ersten stürinichen Wochen eine reifliche Überlegung zu einer I>ie I>age der judischen Refugees in Frankreich hat sich etwas erleichtert, da zu Weihnachten und Neujahr grosse Entlassungen aus; den Internierungslagcrn vorgenommen wurden, j Wie es heisst, wurden » twa 3000 Refugr-cs infolge ihres Eintritts in die Fremdenlegion entlassen, ferner weitere 4000 Refugees auf Grund fÜberprüfung ihrer I»yalität. Man nimm; an. | dass noch lO.OOn Refugees in Frankreich interniert sind. Anfang Januar sind «00 jüdische Flüchtlinge j aus Deutschland ,ind Österreich als Mitglieder der! Fremdenlegion von einem franzosischen Hafen | nach Algier abgegangen. Weitere Transporte sind; im Zuge.; Deutschland in Ricbbor<>ugh (England) Ist seit Wir hoffen, dass das unglückliche Kapitel des j Kriegsbeginn überfüllt. Die Zahl der Einwohner Schicksal* d«r emigrierten Hitler-Opfer bald abgre-' betr agt etwa rwoo. Sechs der zur Überprüfung der schlössen wird. Zur Erklärung des Verhaltens der ] Fremden eingesetzten Tribunale arbeiteten u.r; befriedigenden Losung führen kann. DAS KITCHEMER.CAMP Au* einem Rerleht von Prof. Nnrntm HentMlrh Das Kitchener Camp für die Flüchtlinge aus französischen Behörden wird gesagt, dass unter gefähr den Refugees Spione gewesen «ein sollen, und es; wurden wird auf einen österreichischen Juden Sauiuely hingewiesen, der wegen Spionage zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Eh wäre töricht, vom inen Monat im Lager und als Ergebnis sämtliche Insassen mit Ausnahme von inigen wenigen als „Vor der Nazi-Unterdrückung Jeflüehtete" registriert, die von jeder den feindichen Ausländern auferlegten Beschränkung frei jüdischen Standpunkt als unmöglich hinzustellen, i sind. Im November wurden die Männer des Ladas« ch unter den Juden, onders wenn sie i gers aufgefordert, sich für den Nationalen Dienst um das nackte Brot zu kämpfen haben. Indjvi-1 zur Verfügung zu stellen und sich zu melden für duen von niedriger Gesinnung zu bezahlten Schand-! das militärische Hilfs-Pionier-Oorps. Einige Huntaten hergeben, genau so wie dies in jeder anderen! dert haben sich gemeldet und werden jetzt ge¬ Gemeinschaft der Fall Ist. Es gehört natürlich j schult. Man hofft, dass auch die etwa 100 Ärzte schon eine besondere Portion Verkommenheit da zu, als Jude der Gestapo Spitzcldienst zu leisten, aber leider wissen wir. dass es ja sogar in Deutschland selbst solche Einzelfälle gegeben hat. Das besagt natürlich nichts gegen die Gesamtheit. Das Vorgehen Frankreichs, das alle Menschen, die formell die deutsche oder österreichische Staatsangehörigkeit hatten, unterschiedslos interniert, und Zahnärzte im Lager in nächster Zeit zum Dienst herangezogen werden. Einige Insassen de» Lagers, die spezielle Kenntnisse besitzen, erhielten Arbeit durch das offizielle Arbeitsvermittlungsbüro. Die Auswanderung. die bei Kriegsausbruch zunächst unterbrochen wurde, ist jetzt wieder im Gange. .Schwierig ist dabei die Beschaffung des Felix W eingart mr, der berühmte Dirigent und früherer Wiener Operndirektor, der jetzt Schweizer Bürger ist. hat zugesagt, im März ein Konzert des Palästina Orchesters zu dirigieren. wurde von vielen tausenden Juden als grosse j Geldes für Fahrkarten, well ja die m Deutschland Härte empfunden, besonders von denen, die ge-! gelösten Fahrkarten nicht mehr benutzbar sind, wünscht hätten, für Frankreich zu kämpfen und j Auch die Ausbildungstätigkeit im Lager war «Isich voll und ganz der französischen Sache zur j nige Zeit unterbrochen, wird aber jetzt wieder Verfügung stellten. Die verschiedenen Unzu-: durchgeführt, vor allem der Englisch-Unterkömmlichkelten und Unzulänglichkeiten der Inj rieht. Das Kino gibt täglich* Abendvorstellungen ternlerungslager werden dadurch erklärt«, dass; und das Lager-Orchester hat seine künstlerische man für die Bewältigung der Ma&ien auf gäbe nicht j Tätigkeit wieder aufgenommen.. Ebenso im die. vorbereitet war. Es wurde mehrfach darauf hinj „Ijager-Universität', wo von Lager-Insassen Vor-- gewiesen, dass in England ein viel wirksameres; träge über alle möglichen literarischen, Wissen- Verfahren angewandt wurde, da« nach genauer■ schaftlichen und jüdischen Themen gehalten wur- Oberprüfung der Verhältnisse jedes einzelnen! den, wieder im Betrieb. Die Stimmung im Flüchtlings den einwandfreien Elementen die \ Lager wird wesentlich beeinträchtigt durch die Freiheit gab und in wachsendem Masse auch den j Sorge um die Angehörigen, die sich noch in Dienst für die englische Sache möglich macht«, j Deutschland oder Österreich befinden und denen Zahlreiche bedeutende französische Personlichkei- I man mit allen Mitteln zur Auswanderung in ein ten haben sich für jüdische Flüchtlinge in Frank-j neutrales Land verhelfen möchte. Diese Sorgen reich eingesetzt und es ist zu wünschen und zu j um die Familie und zugleich der Wunsch, in Enghofren, dass das Problem so schnell als möglich ( iand in einer aktiveren Weise!>U?nst su tun, endgültig liquidiert wird. Denkende judische Menj drücken dem Leben im Lager den Stempel auf. I1KR NAZI-SPRENGSTOFF j Im Ansehluss an unseren Leitartikel „Der unj erträgliche Druck" in Nr. 3 der „JWR" ist es! interessant zu verfolgen, das» zu diesem Thema I der Londoner ,/Jewish Chnmicle" folgendes j schreibt:! „•Eine aufmerksame Beobachtung der vor-; schiedenen Nazi-Rundfunksendungen zeigt, dass! in den letzten 4 oder 5 Wochen immer mehr von! der Zeit der Redner ganz und gar dem Anüsei mitismus gewidmet war. In der letzten Woche i ist diese Tendenz zu einem solchen Ausmass angej wachsen, das« jetzt tatsächlich ein grosser Teil; der Zeit für diesen Gegenstand verbraucht wird. \ Man soll diese Tatsache richtig einschätzen. Es j ist unbestritten, dass die Nazis in raffinierter Pro-; paganda alle Rivalen geschlagen haben. Warum j also haben sie beschlossen, gerade jetzt der Juden- \ hetze so einen hervorragenden Platz zu geben? j Die Antwort ist klar. Sie ist in blutigen Lettern j in da» Buch des polnischen Zusammenbruchs einj geschrieben. Die Nazis haben aus diesem leichten j Sieg gelernt, das» der Antisemitismus der sicherste] und direkteste Weg zur Achillesferse ihrer Gegner j »st. Die Frage ist, ob England und andere Länder) bereits dieselbe Schlussfolgerung gezogen habtm, oder ob sie leichtsinnig die Gefahr unterschätzen, der arie jetzt ausgesetzt sind. Neue Armeen, Flugzeuge und Kriegsschiffe sind sehr wichtige Verieidigungswarren, aber Schutz gegen die Untergrabung der nationalen Einheit ist nicht weniger iehtig. Das mus» der vierte Zweig der nationalen Verteidigung sein — die Verteidigung der Heimatsfront gegen die Invasion der Kräfte der Sprengung. Erfolgreiche antisemitische Propaganda würde für Hitler und Genossen in ihrem Feldzug zur Vernichtung Grossbritanniens viele viele Armeekorps wert sein. Diese Gesellschaft weiss das. Weiss es auch die britische Regierung?" NKUK GftiLDSAMMLUNG IX KNGLAXD Die Aufrechterhaltung der Flüchtlingsf ürsorge in E n g 1 a u d kostet da» englische Judentum wöchentlich ea, 11.000 Pfund. Es wurde jetzt eine neue Kampagne der englischen Juden zur Aufbringung von 400.000 Pfund pro~ klamiert; die englische Regierung hat zugesagt, für jcd(;,-i von den Juden aufgebrachte Pfund sich selbst mit einem Pfund an der Flüchtlingshilfe zu beteiligen. Der „Couticil for German Jeuiry" in England, der als Gväamtorganisatlon der englischen Juden sich in hervorragender Weise an der Flüehtlingshilfe und vor allem auch an der Einordnung deutsch-jüdischer Flüchtlinge in Palästina beteiligt hm, verfügt infolge der ausserordentlichen Allforderungen der letzten Zeit Uber kein« Miliel mehr. Es ist jedoch mit Bestimmtheit zu hoffen, dass der Council auch das von ihm begonnene Rettungswerk in Palästina nicht i m Stich lassen wird, da eine plötzliche Unterbrechung auch den Wert der mit so grossen Kosten begonnenen Einordnung fraglich machen und dadurch das ohnedies schon gigantische FlüebUingsproblem neuerdings vergrosse rn würde.

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