Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 4 (29.1.1940)
- Date
- 1940-01-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JUDISC R#d*ktiori, V«r!«R und An««Sgfn- V*r»altnri|i P. O. B. 080; l»rn .IfJnid» Sir . T.>l, pho Je-\-i Kln.«. .. od it Anfrage l»t 'In (rtt«rnatlonaler Antirort»rh«ln r»H*>ifiig-pn Zinrhriftro für dif KodAlütion werden nirht »n Klru*>!pr-rii«rion. «orel-rn th dir K<M.I»ktlon. Jf>r»»iilrui I' O H fi«u rrfectm. .IKItrSALKM lUIRl.ANG II Nr. 29. JA NU AK 1940 DSCHAU Er*ch|fi>* /tnm»l wftch«ntHch A!iwjg«n»iui»hm« fflr »II« I.»n<t*f: *.i*<.-h!i.-nli.-h J«ni»*l«m P.OB «H« —- ArntHiC.-nt.-\lt> j.»r I. iftp.iit »'rb.-l.-n Oi- \n i-u"n H*Hn »rrfatlt in « Hj.mUVn. ji 'i .»> l.rit Ocn-Ipo!« 1 Iftrh •„■» <iii «h r! Je Hj'»!t.- MttilmatKrAim Ii luch t,! 7'. fm) RoanKayrei«« v-r*! »m S^hlM»* d HUttr«. ERHALTUNG UNSERER WERTE Jerusalem. 26. Januar. Es ist ein oft zitiertes Wort in diesen Tagen, das» man bei einem Vorgang wie diesem Krieg zwar den Anfang kennt, aber nicht das Ende. In steigendem Masse ist man sich der noch möglichen Komplikationen bewusst, und gerade in England sind von massgebender Seite in letzter Zeit Worte der Mahnung an die allzu leichtfertigen Optimisten gefallen, die die .Schwere der Aufgabe unterall seinen Zerstörungen und unwiederhring-j glauben offenbar wenige. Ks geht also dar-' liehen Verlusten zu einer wirklich befriedi-j uro. welcher der beiden in einem bestimmten genden neuen Ordnung zu gelangen und da-I Moment von dem andern a'-'t»«//»/; ist. Anise» Störenfriede auszuschalten, eine neue j fangs war sicherlich Hitler von Stalin ub- Kriegsursache sein kann. j hangig und musste daher die Besetzung des j halben Polen und die Unterwerfung der bali:iw jiidfewhr« Programm. | tischen Länder (einschliesslich der Aussied- Was können wir Juden in dieser Situation i'hing der Deutschen) zulassen; jetzt ab*-r ist abgesehen davon, dann natürlich mehr als Kussland in das finnische Abenteuer ver- " " i wickelt und muss daher Deutschland Konzesje jeder einzelne seinem Staate dient und fn [ schätzen. Auch in jüdischen Kreisen findet! dessen Kampf unlösbar solidarisch verknüpft j »ionen machen, wie die Übergabe man diese Optimisten, die oft so tun, als ob ist für ein jüdisches Programm auf-'" der Zusammenbruch Hitler-Deutschlands unmittelbar bevorstünde, statt zu verstehen, dass diese Niederzwingung wahrscheinlich noch ein langer mit grossen Opfern und Entbehrungen verbundener Prozess sein wird. l>ei stellen? Was sollen wir in unseren jüdi- •tchec Angelegenheiten tun? Wir glauben, dass sich fürs erste nur eine einzige Maxime aufstellen lässt: K rhaltu n g a 11er p os i t i v e n i ü d i s c her) Werte u n d dem man mit allen mögliehen Konstellationen P o s i t i o n e n. Soweit und solange es in unserer Macht steht, soll deren Vernichtung verhindert werden. Vieles haben wir in die- und auch Wechseffällen rechnen muss (wobei natürlich auch von uns nicht verkannt wird, dass bei einem diktatorischen System'sem Krieg, der für uns schon 7 Jahre (in die ein schneller Kollaps leichter möglich ist als sen Tagen feiert Hitler sein 7-jähriges Re bei einem demokratisch regierten, nicht durch i gierungsjubiläum! ) dauert, bereits verloren. Einzel- Personen sondern durch den Volksj Jahrhunderte alte judische Gemeinden sind willen getragenen Staaten). Niemand kann S zerstört. Gotteshäuser verbrannt, Menschen heute reale Grundlagen für eine Konzeption! getötet und gepeinigt, Hunderttausende graudes Zustande» „Nach dem Kriege'" haben, | sam ins Nichts vertrieben. Und seit Kriegs¬ und es gibt, im Moment kein anderes Ziel, als j beginn haben wir das polnische J u d e n den Krieg zu gewinnen, die Welt vor der t'n-! t u m verloren, das nicht nur biologisch, sonterwerfung unter die Hitler-Barbarei zu be-j dem auch geistig eine Kraftquelle unseres wahren. Im Kriege ist alles in der Schwebe \ Volkes war. Die polnischen Juden haben und alles neu zu gewinnen. Es geht um nicht I Furchtbares durchgemacht und sind heute mehr und nicht weniger als die Existenz \ den Gewalthabern völlig schutzlos preisgesenkt. Alie Fragen sind dieser - Grund-Situaj geben. Unübersehbare jüdische Kulturschätze isind in Polen untergegangen. Andere jüdijsehe Grupptn sind in Gefahr, fühlen Mich be- I droht. Der militante Antisemitismus ist stän- - , dig bereit, andere Länder mit Krieg zu überziehen, oder wenigstens deren „Freundschaft", tion anzupassen. Wie wird die Zukunft? Was uns Juden betrifft, so geht es gewiss bei diesem Krieg um unsere E x i Stenz, in weit höherern Mass als bei jedem die mit einer radikalen J udenausmerzung ver-j anderen Volk. Wenn wir überhaupt von der bunden sein muss, zu erpressen. In dem von Zukunft sprechen, so geschieht es nur unter uns bereits zitierten französischen Gelbbuch ■ der Annahme, dass die Mächte der Freiheit; wird deutlich der Beweis erbracht, wie das siegen. Aber wie diese Zukunft aussehen T nationalsozialistische Deutsehland andere, wird, welche Gestalt die Welt dann anne.h-: meist schwächere Lander zur Durchführung men und von welchen Ideen sie beherrscht eines dem deutsehen ähnlichen antijüdischen sein wird, auch was für einschneidende Ver-; Programms zwingen will. Im Lichte der eränderungen und vielleicht Zerstörungen inwähnten Erklärungen von Hitler und Rib gnlizisehen Petroleumgebietes nebst Zulassung deutschen Militärs in Ostgalizien beweist eine Massnahme, die natürlich auch noch an- , dere Bedeutung im Zusammenhang mit der! Balkanpolitik hal*n kann. Aber es ist nicht | unverstandlich, wenn in dieser Zeit der unbe- | grenzten Möglichkeiten der Gedanke auf- | taucht, dass auch Kussland als Preis für die deutsche Freundschaft und für eventuelle weitreichende Wellaufteilungspläne (wie früher andere Länder, von denen man es auch nicht erwartet hatte) eine Ausschaltung der Juden zugestehen könnte. Wir. .nehmen, trotzdem an, dass es sich hier um eine Fehldeutunrj handelt, denn alle Voraussetzungen sprechen zunächst gegen sie. Aberallein das Aufkommen solcher Gerüchte zeigt schon, wie die Lage für die Juden geworden ist. Erhaltet dl* Positionen! Gegen Katastrophen wie die in Pnlc-n sind wir machtlos, aber diejenigen jüdischen Gruppen, die noch Lebensatern haben, müssen das, u(Ui wir besitzen, mit. äusserster Entschlossenheit verteidigen. Da sind vor allem die geistigen und m oral i»r h e n W e rt e d e s J u d e n t u rn s, das sowie schon vor Jahrtausenden sieh dem Versinken der Welt in den Zustand des Dschungels entgegenstemmt und eine Fundierung des menschlichen Lebens auf einer geistigen Ordnung und einer Anerkennung übermenschlicher ethischer Werte fordert, in Gemeinschaft mit all den Kulturvölkern, di«- da;™«.:! he grundsätzliche Ziel haben. Wir hüten die alte, uns von unseren Vätern überkommene Weisheit, dass die Welt, nur bestehen kann, zwischen noch geschehen sein werden das bent rop ist es beinahe verständlich, wenn ] wenn Recht und Ethik unabhiknaitf von der alles sind dunkle Unbekannte. Was wir Juein amerikanischer Journalist (Villard in der' Hontierart des Einzelnen für alle in gleicher len an individueller und kollektiver Sieheri „Nation") auf die Idee kommt, dass auch j Weise gelten. Dies stets im Bewusstein zu heit und an Freiheit, Menschenrecht und Ent-: Russland sich zur Einführung einer Art j haben, ist gewiss für kein menschliches Wewicklungsmöglichkeit für uns erwarten kön-• „Nürnberger Gesetze" verpflichtet habe. Die-< sen und für kein Volk sehr leicht. nen, wird sich erst zeigen, wenn der Krieg se Behauptung klingt zwar sehr unglaubhaft, zu Ende geht und wenn man wissen wird, besonders angesichts der Tatsache, dass drei welche Lander und Gebiete in die Kata-j Juden Mitglieder der russischen Handelsstrophe einbezogen worden sind und w i e j mission in Deutschland waren und dort solange die Zerstörung der Güter und der! gar mit allen Ehren empfangen wurden. Aber Seelen gewährt hat . Viele sind ja auch der: da die Na'.ur dieses mysteriösen deutsch- Ansicht, das* wir in ein Ii Halter von Krie-; russischen Bündnisses nicht klar ist. kann gen eingetreten sind, die mit wechselnden \ man alles vermuten. Wird doch immer wieder Mächte-Kombinationen sieh durch Jahrzehnte die Frage aufgeworfen, welcher der beiden erstrecken werden. Wir möchten so grau-: Diktatoren eigentlich den änderen an der sige Prophezeiungen rieht wahr haben, zu-f Nase herumführt (oder jeder den andern;; gleich aber erkennen wir alle, dass schon die | an das Bestehen einer wirklichen Interessen- Schwierigkeit, nach einem langen Krieg mit j gemeinschaft und dauernden Freundschaft Aber wir haben auch die noch besteh e n d e n j u d i s c h e n P o s i t i o - nen zu wa Irren und zu verteidigen. Dies gilt selbstverständlich für die Diaspora, wo die feindlichen Mächte mit allen Mitteln unsere Stellung zu unterwühlen versuchen und wo wir heute mehr ais je auf der Wacht sein müssen Denn nicht nur wo der Feind selbst hinkommt, führt er seinen Kampf gegen uns, auch durch Femwirkung aller Art sucht er uns zu verleumden und zu verderben. Die Nazi-Politik, einen Keil zwischen Verbündete zu treiben, um jeden einzeln umso sicherer