Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 3 (22.1.1940)
- Date
- 1940-01-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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22. Januar 1940 JTWT8CH15 WET.T RUNDSCHAU Seif« 9 Was geht in Amerika vor? Drt* in Jrru^nb m rrnt hrinrndr ..M)t!rthit\<j*- btaft der flitn^hduth Olrj H< . r,,n »mm" ttu**r-rt *v>h zur PnUiAtina.-Konfrrr*n? in Wa.ihittytnn «w/>c .J.W.R." Xr. S im. trir fntrjt ■ Die Konferenz in Amerika stand insofern unter einem ungünstigen Stern, als die zentrale Fi pur. die zu diesem Bemieh angekündigt war. nämlich Dr. VV eizm a n n, erst zwei Tage nnrh Srhluss der Konferenz in Amerika eintraf. Dr. Weizmann konnte aus Gründen, die nicht bekannt sind, seine Absicht, mit dem Clipper nach Amerika zu fliegen, nicht ausführen und benutzte ein italienisches Schiff, das?u spät (d. h nach der Konferenz) eintraf. Man kann sich vorstellen, dass für die in Washington versammelten Delegierten die Abwesenheit Dr. Weizmanns eine Enttäuschung bedeutete. Die Konferenz muaste im Wesentlichen von einheimischen Kräften bestritten werden. Ks ist unserem Freunde Dr. Georg Landauer besonders hoch anzurechnen, dass er in dieser Situation ein Referat, über die Bedürfnisse Palästinas übernahm. Landauer ist, als Leiter der ,,Deutschen Abteilung" der Agency in Jerusalem, wie nur wenige, mit den Problemen der palästinensischen Siedlungsarbeit vertraut, insbesondere mit den Fragen der aus Deutschland und den übrigen Hitler-Ländern gekommenen Juden in Palästina, und wir sind überzeugt, dass er der Konferenz ein getreues und eindrucksvolles Bild der Lage und zugleich ein konstruktives Programm gab. Wenn in der Meldung hervorgehoben wird, da«s Landauer die Bedürfnisse Palästinas auf 20 Millionen Dollar berechnete, so ist dies allerdings eine Riescn.summe. die nicht in kurzer Zeit beschafft werden kann. Aber ein erheblicher Teil dieser Summe könnte, wenn die amerikanischen Juden wirklich in ihrem Innersten erschüttert sind und die Lage verstehen, aufgebracht werden, und auch dies schon würde eine gewaltige Erleichterung bringen. Die Stimmung unter den Juden in Amerika ist nicht so einheitlich, wie man es wünschen müsate. Es ist kein Zweifel, dass in Amerika heute in weiten Kreisen eine starke antiz i o n i U » s e h e und zum Teil auch antipalastin» jisische Stimm mg herrscht. Die Verhältnisse in Amerika selbst haben sich! ia in den letzten Jahren rapide geändert, die | antisemitische Wühlarbeit der Nazis ist un-; ermüdlich am Werke, und es gibt in dieser ifreiesten und grössten Demokratie heute! schon einflussreiche Juden, die es vorziehen 'würden, möglichst wenig in der Öffentlichkeit als Juden hervorzutreten, also auch keine irrossen öffentlichen Aktionen zu betreiben, i Dies alles ist gewiss besonders kurzsichtig, j wenn man bedenkt, um wie viel mehr durch : das untjt liistr Judcnproblem. das sich die Welt in den Flitchtlingsströmen darstellt, die; Aufmerksamkeit auf diese Dinge gezogen : wird. Es ist ja nicht zu bestritten, das« es : Hitler gelungen ist. nicht nur in Deutsehland I die Juden zu treffen, sondern durch das i internationale Flüchtlingsproblem auch : | in fast allen nnrfrrcn Ländern den Keim einer: j Judenfrage zu pflanzen. Dies hat viele Rück-,' i Wirkungen. Eine dieser Wirkungen besteht; I darin, dass viele Juden, rlie wie auch! | andere Menschen aller Völker von d' rn \! Krieg und der Niederwerfung Hitlers eine j | W i e d e r k e h r d e s Liberalismus; i erhoffen, schon ein lilwrales Programm antij j zinieren möchten, d. h. sie möchten sieh in | | eine Welt hineinträumen. aus der (nach dem; i S^urz Hitlers) die Rassenfrage und damit! jauch die Judenfrage verschwunden, iwt. und j ] von dieser Voraussetzung ausgehend, emnj | finden sie den Zionismus als störend. In; j diesem Sinn ist es wohl zu verstehen, wenn j | ein bekannter liberaler Rabbi in USA, und i | zwar Rabbi Morris Lazaron aus Halti- | morc. der früher eingeschriebener Ztonist j I war, in einem Radiovortrag sich gegen den | | Zionismus wandte und sich dabei sogar zu I i der Bemerkung verstieg, die Mehrheit der amerikanischen Juden wünsche damit nicht«! zu tun zu haben und er hoffe, dass der Be-; such Dr, Weizmanns abgesagt werden wird, j Rabhi Lazaron hat in den letzten Jahren j stark in der Anti-Nazi-Bewegung zusammen; mit. verschiedenen liberalen christlichen Per- 1 j sönlichkeiten gearbeitet, und ist offenbar auf 1 diesem Weg zu einer Ideologischen Ablehnung des Zionismus gekommen. Er hat auch nach | dem Erscheinen des letzten Palastina-Weissbuches »m Mai tfKM offen in der Pres.se zu dessen Gunsten Stellung genommen, eine; Äusserung, die damals z. R. vor» der londoner > ,,Times" als Meinung .b*r amerikanischen 'Juden zitiert würfle. In zionistischen Kreisen Amerika« ist man über die neueste Takt-; losigkeif von Rabbi Lazaron .sehr entrüstet. Es ist anzunehmen, dass auch zahlreiche; Nichtzionisten seine Haltung und besonders die Äusserung über Weizmanns Resuch mißbilligen. Aber diese Episode Ist zweifellos ■ •un Symptom für gewisse Strömungen in ' USA. So seltsam es scheint, nach 20 -Jahren angestrengter Aufbauarbeit in Palästina, deren Ergebnisse vor aller Augen sind, gibt es wieder einen aktiven Ant»Zionismus in Amerika, Das ist eine sehr ernste Situation für die zionistische Welt, und man wird ihr nicht beikommen, indem msin n u r auf die o r a k t t s c h e n Möglichkeiten Palästina«; hinweist und dafür Geld fordert, sondern : man wird um die Notwendigkeit nicht heri um kommen, auch i d e o l o g i h c h und g e i - ist ig den Kampf aufzunehmen, d h. vor \ allem eine Neugestaltung zu versuchen, hoi dass das wirkliche Wesen des Zionismus unn seine Ahfjrrnzun't von dem diskreditierten i Nationalismus der Gegenwart deutlich heri vortritt. Strömungen wie die hier erwähnte. | denen man nicht in geeigneter und wirk-;sanier Weise entgegentritt., können leicht das Palä.stiua-rriteresse der amerikanischen Juden beeinträchtigen, was sieh allmählich auch in den materiellen Leistungen zeigen könnte. Wir wollen gewiss die Episode Lazaron nicht überschätzen; der gesunde Instinkt muss den amerikanischen Juden sagen, dass nie in ihrem eigenen Interesse für eine aktive Lösung der Judenfrage eintreten müssen. Hunderttausende amerikanische Juden haben # selbst in Europa Verwandte, für die sie sorgen wollen und die sie gern in Palästina sehen würden. Dennoch ist es für den Zionismus von entscheidender Wichtigkeit, zu verhüten, dasn er in falschem Lieht dargestellt wird, und dafür zu sorgen, dass vor allem die iüdische Jugend Amerikas ein echtes positive;'. Verhältnis zu ihm bekommt. Der englisch-tschechische Krieg bei Beer-Scheva Von M. Y. B e n - G a v r i e l (Jerusalem». Der englisch-tschechische Krieg bei Ber-Sheva war kein blutiger Krieg: tu wurde dabei kein einziger Schuss abgegeben und er endete mit einem beiderseitigen Sieg. Etwa wie ein Kapitel aus . dem „Soldat Schwejk". Unter andern sehr merkwürdigen Dingen im Jahr 1917 existierte auch eine österreichische Infanteriekompagnie in Palästina. Neben dieser Kompagnie jzab es auch ein österreichisches Miiitärspita! im Kloster Rati.sbonne, von wo au» wir an stillen Abenden Schakale schössen und »war in der Gegend, wo sich jetzt Rehavia befindet. In diesem österreichischen Militärspital nun befand sich auch ein L-anteriologe im Rang und Uniform eines Fähnrichs (Unterleutnants). Dieser Fähnrich, er hiess SieohodVi, war ein glühender tschechischer Patriot .also nichts weniger als Österreicher- oder gar deuUehenfreundlieh. Er war ein überaus schweigsamer Mensch, der stundenlang an einer Tischecke sitzen konnte und wortlos ungeheure Mengen von Wein und Whisky trank. Dieser Fähnrich nun wurde «in«1« Tages einem deutschen Stabsarzt an der Frant bei Ber-Sheva zugeteilt und kam von dort nie mehr zurück, denn er beendete den Krieg auf eigene Faust. VVi« ' dies' geschah, meldete dann sein Diener Pavelka, der gleichfalls ein Tscheche war etwa auf folgende Weise: Der Herr Fähnrich bekam von den Deutschen den Befehl, in der Wüste hinter Ber-Sheva eine bakteriologische Station zur Untersuchung der t Choleraverdachtigen einzurichten. Wir waren in der pan7.cn Gegend die einzigen Lebewesen, weil die Türken, die Deutschen und die Araber Angst hatten, uns in die Natuzu kommen und den Herrn Fähnrich nannte man nur den Cholera- EfFendi. Wir hatten «;h uns .sehr schön eingerichtet und besonders schön war da« Feldklosett, .dns einzige an der ganzen Front mit einem Zelt. F.3 war mit Palmblättern und mit dm Bildern des Kaiser« und unserer geliebten Generäle geschmückt, \m Dienstag nun sagte plötzlich der Herr Fähnrich: .Pavelka, ich glaube, es stinkt etwas." Ich sagte darauf: ..Melde gehorsamst, das wird vom Abort sein." „Nein", antwortete der Herr Fähnrich, „Sie sind ein Idiot. An der Front stinkt etwas, als ob heute die Engländer durchbrechen wüidcn." „Möglich," antwortet«» Ich, .Gott beschütze unsern Kaiser und lass uns den Kric^ bald beenden " Und richtig: Als dann der Herr Fähnrich mit zwei Reagenzgläsern vor das Zelt trat, um da.n Präparat zu betrachten, stand plötzlich, wie aus d?.»m Boden gewachsen, eine englische Patrouille vor ihm. Die Engländer setzten ihm die Bajonette auf die Brust und sagten etwas auf Englisch, was ich nicht verstand. Darauf sagte der Herr Fähnrich zu mir: „Pavelka. machen Sie sich fertig, Wir sind jetzt königlich englische Kriegsgefangene und werden die schönen Herbsttage in Awvnten verbringen. Lassen Sic aber die schönen Bilder unserer ge« liebten Generäle und des Kaisers nicht, in die Hände des dräuenden Feinde« fallen, sondern sehmelssen Sie fiie in den Abort." Dann sagte er zu den Engländern, gleichfalls auf Tschechisch: „Bitte schön, meine Herren, nehmen Sie einstweilen Platz, U-h mach«? nur die kleine Untersuchung fertig und dann gehen wir." Ich glaub« nicht, dass sie ihn verstanden hatten, da in der englischen Armee darnalfi nur; «ehr .selten Tschechisch gesprochen wurde, aber : nie .setzten sich in das Zelt. Der Herr Fähnrich! machte die Untersuchung fertig, notierte da» Erj yebnis auf einem Zettel, den er für weinen Nach«! fofger unter das Mikroskop legte, zog seine Bluse | an und wollt«? die zwei Flaschen Whisky mitnehmen, aber die hatte die Patrouille inzwischen ausgetrunken. Ten wollte nicht mitgehen, da ich noch nicht die Löhnung für die letzte Woehe bekommen hatte Ich nahm daher ein Reagenzglas und schüttelte es heftig. Einer der Engländer fragte mich etwas auf Englisch, was ich nicht verstand. Darauf sagte er auf Arabisch etwas, was ich auch nicht verstand, aber ich sagte auf alle Falle: „Gholera!" Als die Engländer das Wort hörten, fielen ihnen die Helme vom Kopf, jde begannen zu schreien, .spukten entsetzt, den letzten Tropfen Whisky aus und rannten wie besesju»n aus dem Zelt. Als der Herr Fähnrich dies sah. wurde er furchtbar zornig und brüllte mich an; ,.Sie Idiot. Sie Kulturhindernis! Wissen Sie nicht, dass dies dem Kriegsrecht widerspricht, Jetzt wird gefangen genommen!" Und nrbnn rannte er den Engländern nach. Die Patrouille verstärkt.*; augenblicklich ihre Schnelligkeit, aber der Herr Fahnn« Ii war schn«'!- W»r als nie: er erreichte «je und zwang «ue, ihn gefangen zu nehmen. Auf diese Wut«« wurde der englisch-tschcchl- -che Krieg bei Ber-Scheva beendet und die Zontralrnäcbte verloren einen ihrer alkoholreie.hstwn Offiziere. Spater nach Jahren horte ich. dass Svoboda seine unleugbar bedeutenden Fähigkeiten voll und vnni (jer tschechischen Revolutionsr^gle-ruiig '<4Ur Verfügung gestellt hatte. Ich hoff*}, dass er noch iebt und seine Tätigkeit von damals in der Heimat fortsetzt.