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Jüdische Weltrundschau · 1940-01-05 · 1 (5.1.1940) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
1 (5.1.1940)
Date
1940-01-05
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 .1 (JDfHCHK WELT-RUNDSCHAU 5. Januar 1940 Von Brüssel nach Bolivien Bericht eines Auswanderers Wir entnehmen einem benoiid*:rs lebcndiy yenehriebem tu R( ir<t f»-i U-hl ■ Bolivien {/iny, die fnlf/enden Abschnitte, die ritt Htld jem r eniu n Wir erhalten Einblick in »'>w.n dir plmnlaxtiseh nnitnitendin Emiymntet der füdiuehen U< r/enwnrt ye-ieurden sind. >tes nid inehen AuMUttiuUrer*, tU-r muh vn [jindfr und ihrer l'erhältniJtne geben. ( ht< k*<ile, die ein faxt nlltäf/liehett Beiwerk Red. Am!>. April V.f.V.) kam ich mit einem Lastwagen in einer kleinen Stadt Boliviens an. (.Das Gebiet grenzt *u\ den Clmco, um dcssentwillen vor noch nicht langer Zeit Bolivien mit i Puraguay einen erbitterten Krieg geführt liat, Bolivien hat; . .in,, diesem Krieg .schlecht abgeschnitten, aber die wichtigeren •Pdlroleumquollcn liegen noch innerhalb den Bolivien verbliebenen Teiles des Clmco. I Wahrend ich schreibt' und versuche, die vielen Eindrücke i von der Heise von Europa nach Südamerika in diu Erinne- Vom MiUelmecr zum O/ean Die er.iLrn Tage fuhren wir durch das Mittelmeer an den,.Bahracn vorbei, man .sah von ganz ferne die spanische Kü*le. Obwohl duA Wetter ra«t durchweg schön und sonnig war, schwankte der ehemalige Frachtdampfer beträchtlich, die enden Opfer der Seekrankheit waren zu verzeichnen. Einigen ging es ganz schlimm; sie kamen aus den Sehlatsülcn weder zu den Mah'zeiien noch honst mehr herauf;. In diesen HehJafsiik'n, in deren einen ich .schlief, liefen /.war eirm»R zurück zu rufen, scheint die Sonne durch da« '-Fenster; nige VentilalionM'ohre an den niedrigen Decken entlang, doch Ventilalionsw i r k u n g angesichts der grossen Zahl dort Schlafenden äus.ser.it gering. (Ick Hotels, der Blick geht auf die kleine, mit Banken be .net'/te Parkanlage des Städtchens; sehnig gegenüber hegt das ■•■Postamt, daneben daa Bürgermeisteramt. Eh ist. heia«, aber wir haben jetzt die Regen-Periode, und mir Himmel ziehen schwarze Wolken über das Gebirge. Vor der Alt reine In der Nacht, vom IM. auf den lt.». Februar fuhr ich von Brüssel nach Paris, wo ich mich nach einigem Suchen auf dem Reisebüro einfand, dos mir vom Komitee d'Aide in Brüssel als die Stelle bezeichnet worden war. wo die weiteren Instruktionen erteilt wurden, Dort wurden die Personalien festgestellt und weitere Formalitäten erledigt. Von dort ging es zum Pariser chilenischen Konsulat, denn die Rel.se führt über den chilenischen Hafen Arir a. Mut. .sandte uns zum chilcni.sc.hcn Vertrauensarzt des Konsulat*, um uns die richtige Impfung nochmals bestätigen zu lassen (nur für die Durchfahrt von Chile!). In Brüssel war bereits alles ein mal erledigt worden. Weil wir nicht wussten, wo (übernachten, fragten wir uns zur Pariser Hieem durch. Ein deprimierendes Biid: Bis weit auf die Treppen hinunter die emilosen ketten der Wartenden. Emigranten und Flüchtlinge, Schimpfen der Abfertiger und der Abgefertigt en, Szenen. Die Warteräume verwahrlost. Nach mehrstündigem Warten und langen Diskussionen netzten wir cm durch, diui.s man uns ein Nachtquartier benannte. Da dies aber teurer war und schlechter sein sollte als ein anderes kleines Hotel, das ein paar Kameraden inzwischen direkt am Bahnhof entdeckt hatten, gingen wir dorthin. Am 22. Februar ging es weiter nach Marseille. In Mar- I seille trafen im Lauf der folgenden Tage immer mehr, fast j ausschliesslich jüdische Auswanderer ein. Das dortige Komij tee war anscheinend auf das Kommen einer grösseren Anj zahl von Auswanderern nicht hinreichend vorbereitet. In | dem Hause, in dem sich der Mittagstisch, an den man verj wiesen worden war, befand, standen die Wartenden schon] , . . . „ zwei Stunden vor Beginn der Mahlzeit treppabwärts bis auf Südamerika in La Ouaini, dem Haupthafenort der Re-; die Strasse; an dem Dürrn und dem Geschrei konnte man sich ' JJl,blilt Venezuela. Steil fallen hier die Berge mit ihrem kurj leider schon von weitem orientieren. Da unser Gepäck vorn!'-«" Gestrüpp und iangfunn;feeii Arten von Kakteen in das j Komitee in ein Hotel geschafft worden war, schliefen ich Tagcsaufenlhaltfiräimie gab es für unsere 3. Klasse uber- J..uu.tpl.mehr «...»«i..'denn, das» man einen Kajütenraum ausnimmt, ^ine Art Bar, in der es alkoholische Getränke und Mineralwasser gab. Die Kajüte bot aber bloss maximal für 35 Personen Platz, wahrend die dritte Klawsc 845 Passagiere hatte. Wir musaten uns die ganzen Wochen der Fahrt, wie Heringe zusammen gepfercht, bei Wind und Wetter auf dem Verdeck, teil auf dem Boden hegend, teils stehend, teil« in anderen unwahrscheinlichen Stellungen auf Verschalungen. Ausbuchtungen und Erhöhungen aufhalten. Es gab da immerhin für ca. 50'^ der Deute Liegestuhle, um die stundig ein Kampf tobte. Was waren unsere Reisenden nun für I^eute? Die meisten waren Kleinkaufleutc gewesen oder Handwerker, Schneider, Schuster, Tischler, Metzger, Kleinhändler und Kolporteure, einige Schlosser, Installateure von letzteren nur zwei oder drei Elektrotechniker, 'Techniker, Maschinenbauer. Der •Beruf- de?? - Elektrotechnikers... und Elektroingenieur* ist, um das gleich hier zu erwähnen, in Landern wie Bolivien relativ immer noch einigerma-ssen günstig, gunstiger jedenfalls als die anderen .selbst praktischen Berufe, die hier nicht I sein viel Möglichkeit haben. Bei anderen Leuten, die mit | geringen oder gar keinen Mitteln fuhren nur um j aus Deutschland oder Österreich fortzukommen, — zerbrach ich mir vergebens den Kopf, wie und wovon sie in Übersee leben wollten. Intellektuelle Berufe waren ziemlich wenig vertreten. Fast allei» kleinbürgerliche Existenzen. Nach einigen Tagen passierten wir die Meerenge von! Gibraltar. Man sah schon vorher die schlanken Formen einiger Kriegsschiffe' am. Horizont, dann Nachts zu beiden! Seiten Leutchtürme und Leuchtfeuer. Dann waren wir im Atlantischen Ozean. Einge Tage später tauchte in der Nacht die Küste der Insel Teneriffa aus dem Dunkel. Nach etwa ä-üigiger Fahrt erreichten wir die Küste von deren Angabe ins Land gekommen waren, lH*r Panama-Kanal und einige andere in der Nacht vor der Abfahrt ebenfalls dort. Das Haus war buchstäblich bis unter das Dach mit Auswanderern angefüllt. Es gab keinen Platz, wo man selbst stehend sein Frühstück verzehren konnte; es spielte sich alles in den Korridoren zwischen aufgetürmten Kisten und Gepäckstücken ab. Endlich am 25. morgens ging es aufs Schiff. Dort bekamen fast aiie d. h. diejenigen, die man nicht vergessen hatte - einen Betrag von 100 französischen Francs Bordgeld ausgehändigt. Dies war die einzige (nicht zureichende) Möglichkeit, die Mühsalen der (Hierfahrt durch den Kauf von Getränken etc. etwas zu lindern. Auf dem Schiff sah ich mir die Schlafkabinen an, wahrend auf dem Verdeck und Landungssteg ein unaufhörliches Kommen und Gehen war. Die eisernen Bettstellen standen zu je drei übereinander. Soweit das Auge reichte, solche Bettstellen. Zwischen solchen Dreiergruppen schmale Gänge von ca. 70 HO cm Breite. Das war die „dritte Klasse" des Dampfers. Sie war danach. Aber ich war müde und machte mir keine weiteren Gedanken, legte mich auf meine glücklicherweise zu Oberst befindliche Bettstelle und schlief ein. Als ich aufwachte, hörte ich das gleichmassige Stampfen der Maschinen. Die Tageszeit war nur an der Uhr festzustellen, denn da drunten kam kein Tageslicht herein. Trübe brannten die elektrischen Lämpchen an den niedrigen Decken des Raumes, es war etwa 7 Uhr abends Ich ging auf das Deck, wo zwii das Bild völlig. Die Böschungen werden jetzt von Felsen sehen herumstehenden Koffern und Ballen einige Gruppen j gebildet, durch die das Kanaibett unendlich mühevoll mit unserer Auswanderer standen und ins Weite starrten. In der | Dynamit ausgesprengt werden musste. Die Hänge sind wenig Ferne sah man noch gerade die Hafenlichter. Das war also | bewachsen. Deshalb' liegen Röhrenleitungen an vielen Stel- Kuropa gewesen! Ein frischer Wind setzte ein Die Reise j len, die von irgendwoher Wasser zum Berieseln der Hänge von etwa 1200 Auswanderern nach Pbersee hatte begonnen, j herbeiführen sollen. .Juairti ist -ein kleines Städtchen,, das* sich; lang am Ufer, eng an die felsigen Hänge gedrückt, dahinj zieht. In La Gueira. stiegen einige Juden ein, die aus Venej zueia ausgewiesen waren. Es wurde erzahlt, sie hatten Hanj del gelrieben, anstatt sich den Berufen zuzuwenden, unter j Der scluin-ste Teil der Fahrt begann nun, die Fahrt durch! den P a n a m a - K a n a I. Auf beiden Seiten der Kanalj bösehung ist dichter Urwald, Bananen ■—, Palmen- und Koko«- j bäume. Die Hänge der Böschung ganz dicht mit Buschwerk | besetzt. Nur gelegentlich wird ein kleiner Fusspfad sieht-! bar, dann taucht eine Telegrafenleitung, und auch mal, über | die Baumwipfel weg, eine hohe Radio-Antenne auf. Dann lichtet »ich der Wald: freien Land und kleine Gartchen, mehrere grosse Gebäude und Schuppen, vor denen amerikani- I sehe Marinesoldaten stehen, rauchen, am Wasser sitzen, lesen; und sonst die Zeit vertreiben. Eine Stunde später nähern1 wir uns den Sch!eu:»enanlagen; der Dampfer wird von klei-! nen sehr kräftigen rechts und links fahrenden elektrischen ' Lokomotiven, die zur nächst höherer. Schleuse mit Zahn- '■ radern hinauffahren, in die nächste Schleusenanlage gezogen. ' An Dutzenden und Aberdutzenden von kleinen Inseln fahren \ wir vorbei, alle sind dicht mit Buschwerk und Bäumen be-; setzt. Die Fahrt währt etwa zweieinhalb Stunden; dann veri ngert sich der See wieder zum Kanal, und bald wechselt Der Weg des Juden Von ABEL I HEMBERG. Wir bringen nnchxtehetui einen AuJtiuy aus ki< r Rede, die Dr. Abel J. 'llerr.bery bei (U:r Feier anlä-islich des w~jährii/en Jnlnliium* den NiedtxrUindmc hen Zurrtettrn-SHHden in AinxtenUim hielt. Wuj» die Welt zu erwart'n hat, int heute noch in einen undurchdringlichen Schleier gehüllt. Eine* steht ausser Zweifel: Krieg oder Frieden, Fortsetzung der bestehenden Spannung oder da» Entstehen einer Völkerharpionie, - in dem Europa von morgen werden viele, viele Millionen Juden zu Parias ge^corden sein, und es wird unumgänglich werden, über ihr Los zu beschlieuMn. Unter dieser neuen Form wird die Judenfrage sich Europa stellen. Das jüdische Volk, das als Opfer von Verfolgungen Erfahrungen sammeln konnte, hat durch sein Los während vieler Jahrhunderte den Wert der Freiheit kennen gelernt, Jedoch wohl noch nie besser als in dem gerade abgelaufenen jüdischen Jahrhundert, das üns mit den Versprechungen seiner Jugendjahre furchtbar betrogen hat Es sah damals so aus, als ob dl* Juden giauben könnten, die Sonne werde im We*t«n aufgehen. Während die alte Generation in ihren jahrhundertealten Träumen verharrte, meldeten sich immer lauter und verlockender die neuen Vage der Freiheit. Die Jugend wandte sich von den Alten, von ihrem Volk und ihrer Geschichte ab, ohne zu bemerken, das» sie sich «erbst verüc-sjfC-ri Es waren die Tage, in denen »ich die kapitalistische Wert konsolidierte und unter dem wehenden Banner der bürgerlichen Gleichheit dem jüdischen Volk die endgültige Emanzipation, die Vernichtung aller Überreste des Ghetto versprach und man die stürmisch begehrte Assimilation für die Lösung der Judenfrage hielt. Km gab kein Gestern und kein Heute, nur die Zukunft existierte, der die Jugend entgegenstürmte, Sie konnte das nur tun, wenn sie unbeschwert war von allem was geweisen. K» waren die Tage, in denen das rationalistische und materialistische Denken zum „Vergessen" zwang oder besser gesagt wo man glaubte, die Menschen könnten vergessen. Aber es kamen Tage, wo man es vergass, zu vergessen. An einem solchen Tage wurde in der Stadt, in der der Gedank«

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