Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 1 (5.1.1940)
- Date
- 1940-01-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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5. Januar 1940 JÜDISCHE WELT RUNDSCHAU Seite 5 ^we^odesfäljT] Hugo Herrmann und Alfred Berger Am 1. und 2. Januar sind in Jerusalem, innerhalb von 24 Stunden, zwei Männer geworben, die im mitteleuropäischen jüdischen und zionistischen Kreis »ehr bekannt und geschätzt waren; Hi Htrrmin, früher Leiter des Keren Ha jessod in der Tachechoslovakei und zuletzt Mitarbeiter de» Hauptbüros in Jerusalem, und Alfred Berit er. zuletzt Direktor des Propaganda-Department* der Universität Jerusalem, beide noch in relativ jungem Alter, Herrmann war 53 und Berger 48. Den schwer getroffenen Familien wendet sich die innige Teilnahme aller Freunde in Palästina - und wohl auch anderwärts zu. Hugo Herrmann wohnt seit 1934 in Jerusalem, aber von wenigen Menschen kann man so sagen wie von diesem, dass sein ganzes lieben mit Palästina verknüpft war. Der grösseren Öffentlichkeit von 11*33 ist er bekannt geworden als der Autor des Buches „Palästina, wu; es wirklich ist', das fast unbewusst zur rechten Stunde kommend, eine ausserordentliche Popularität erlangte. Wer die erregten Tage des Frühjahres 1933 in Deutschland miterlebt hat, konnte oft bemerken, das» v&ri den titusenden deutschen Juden, die in ihrem bisherigen Dasein aufs Tiefste erschüttert und entwurzelt - zu den Palästina-Amtern strömten, viele ihre erste Kenntnis von diesem in ihrem Leben heu auftauchenden Lande .wie es wirklich ist' aus dem gerade erschienenen Buche von Hugo Herrmann zu schöpzur praktischen Sozlularbeit führte Was diesen Mann aufzeichnete, war ein leidenschaftliche» Ringen um Gerechtigkeit und um eine höhere Humanität, und die Verletzung dieser Prinzipien. Im allgemeinen und im Einzelfall v%ur für ihn der stärkste Impuls «um Handeln So blieb er nicht bei Politik oder bei theoretischen Programmen stehen, sondern es trieb ihn zum Eingreifen. Wirken. Helfen Im Weltkriege schon wurde er nach Warschau entsandt, wn er im da- Ilerrmann MfortTu77l^ . ,5 .... ......... t„. ... ... Soxialarbetf organisierte. ,i-r„ w-i„<# unn ruoiizistiK zurucKgeaenrt. Eine /»eitiang g»o i . ' " . . jüdischer Zeitgenossen über die Judenverfolgunj gen während der Kreuzzüge Nach dem Krieg! Mährisch-Ostrau eine eigene Zeitung „Jü dischen Volksblatt" heraus. Kr übernahm dann die I^eitung des Keren Hajessod für die Tschechoslowakei. Hugo Herrmann gehörte zu jener Gruppe von (merkwürdiger Weise vorwiegend aus der CSR. stammenden) zionistischen Beamten, die häufig für zentrale Aufgaben berufen wurden, insbesondere für die Leitung des Büros der zionistischen Kongresse und Redaktion der KongreMszeitung. Man wusste, das» Hugo Herrmann solche heiklen Aufgaben mit Pünktlichkeit und absoluter Objektivität erfüllte. Aus seiner Tätigkeit im Kongressbüro ist er den führenden Zionismen aller Länder wohlbekannt und wir zweifeln nicht, das« die Nachricht von seinem Hinscheiden in der ganzen zionistischen Welt tiefes Bedauern hervorrufen wird* Hugo Herrmann ist nach Palästina schon als kranker Mensch gekommen. Vor sieben Jahren hatten er den ersten Anfall, der seine Freunde mit grossen Besorgnissen erfüllte; in den letzten Jahren hatte man den Kindruck, dass das Leben im Lande ihm seelisch z. Teil sogar aber auch körperlich wohltat. Gerade in den letzten Wochen war er wieder mit voller Arbeitskraft im Hauptbüro des Keren Hajessod tätig. Das Andenken an diesen Mann, der so eng rul nach dum Krieg wurde er in Berlin, als Nachfolger v*m Fritz Mordechai Kaufmann, der f weiter und Organisator de* sogenannten „Arbeiterfürsorge-Amtes", das die Aufgabe hatte, die während der deutschen Okku pation Polens nach Deutschland verschleppten osttjüdischen Arbeiter zu betreuen. Aber dieses Amt war unter Berger weit mehr Ks war eine Art Zentrale für alle jüdische Sozialarbeit, und es war auch eine der ersten Institutionen, die von allen grossen Jüdischen Organisationen Deutschlands gemeinsam getragen wurde. Alfred Berger war damals ein führendes Mitglied der Poule Zion In Deutschland und kam immer stärker in die zionistische Bewegung hinein. in den folgenden Jahren nahm er aktiven Anteil an der Leitung der Z.V.f.D. Mehrere Jahre war er der Leiter des Keren Hajessod für Deutschland, er war auch bin j zu seiner Abreise aus Deutschland Mitglied des | Geschäftsführendon Ausschusses der ZVfD. Seit i 1933 ist Berger In Palästina, und seit ■» Jahren | leitet er das Propaganda-Department der Univerj sität. In dieser Eigenschaft hat er in den letzten j Jahren mehrere Reisen ins Aualand unternommen j Reisen, die seine Kenntnis der Judenfrage noch j vertieften. Berger hatte eine intensive Art hV,n~ j drücke zu verarbeiten und wiederzugeben, er cr- I lebte alles m grosser Vehemenz, und litt um so fen versuchten. Hugo Herrmann besas» die Gabe, ---- ------------- .....-------- ---------, _.. . in einer populären und liebenswürdigen Form.; mit der Geschichte des Zionismus in Mitteleuropa | tiefer unter all dem Elend, dessen Ausweglosighinter der »ich eine starke Leidenschaft für die j verbunden ist, wird bei den Zlonisten der Tsehe- {j<«»t jiich »hn1 auftat Unter der scheinbaren Ro- Sache verbarg, für eine Idee und für dieses von j choslowakei und auch bei der älteren Generation " ihm so geliebte Land zu werben. Er begnügte j in Deutschland unvergessen bleiben, sich aber nicht mit literarischer oder propagandistischer Tätigkeit, sondern er hatte aus einer künstlerischen Grundeinstellung heraus eine geradezu ästhetische Freude am Sammeln sachlichen Materials und an dessen sachgemässer Zusammenstellung. Er bearbeitete Statistiken und Tabellen mit einer Freude darüber, wie „eines sich zum anderen fügte" und daraus etwas entstand, was er besonders liebte, nämlich KUirheit. Seine Vielseitigkeit auf diesem Gebiet ging so weit, dass er auch als Amateur Landkarten zeichnete; die bekannte vom Keren Hajessod herausgegebene Landkarte ist sein Werk. Er konnte etwas derartiges tun, weil er die grosse Gewissenhaftigkeit und Liebe zum Detail besasa. Ausser dem schon erwähnten Palästinabuch hat er kurz darauf noch ein zweites Buch unter dem Namen ..Faidsrin« heute" veröffentlicht, ferner eine Paiä@tinakurtde in 6 Heften, die als Hilfsbuch für den Unterricht in der Diaspora gedacht war und als solches auch ihren Zweck erfüllte. Hugo Herrmanns zionistische und literarische Tätigkeit war zu reichhaltig, als das« alles hier aufgezählt werden könnte, Wir können nur die Hauptetappen »eines Lebens erwähnen. Er stammte au» Mähriach-Trübau, einem kleinen Städtchen im sogenannten Sudetenland, wo er schon in der Schule mit der völkischen Bewegung zusammensties». woraus für den stark literarisch Interessierten (er schrieb deutsche Gedichte und deutsche Erzählungen) sich die Problematik de» Juden im deutschen Kulturbereich auftat. Gemeinsam mit seinem Vetter Leo Hermann hat er dann in »einer Studienzeit den Zionismus, als den einzigen Ausweg dieses persönlichen Zwiespalts erkannt und wurde einer der führenden Gestalten im damaligen Verein jüdischer Hochschüler „Bar Kochba in Prag, der einer weiteren Öffentlichkeit durch verschiedene Publikationen, z. B. das Sammelbuch „Vom Judentum" (Leipzig 1913) bekannt geworden i»t. Kurz vor dem Weltkrieg wurde Hugo Herrmann nach Berlin berufen und war dann Redakteur de» Zentralorgans der Z.V.f.D. „Jüdische Rundschau", bis er infolge seiner Einberufung zum Militärdienst im Weltkrieg diese Stellung verj lassen musste Noch steht die jüdische Gemeinschaft Jerusalems unter dem Eindruck des Ablebens von Herrmann, da ereignet sieh genau 24 Stunden später, ein zweites Unglück: Alfred Berger ist plötzlich gestorben. Nur wenige wussten, das» auch dieser lebensprühende und aktive Mensch seit einiger Zeit schwer krank war. Er arbeitete noch Dienstag vormittag in seinem Büro als Leiter der Propaganda-Abteilung der Universität Jerusalem; die Nachricht von dem Tode Hugo Herrmanns regte ihn sehr auf, aber noch um 6 Uhr abend erledigte er von seiner Wohnung aus verschiedene Geschäfte. Um? Uhr bekam er einen Anfall und wenige Minuten später hatte er »einen letzten Atemzug getan. Alfred Berger, der 4ü Jahre alt wurde, war eine der bekanntesten GestaKeh der zionistischen und jüdischen Welt Deutschlands der letzten 20 Jahre. Er kam zur jüdischen Volksarbeit aus seinem brennenden Interesse für soziale Fragen, das ihn nicht nur zur Politik er war eine Zeitlang in der U.S.P.D. tätig sondern vor allem bustheit seines Auftretens verbarg sich eine Feinheit und Zartheit des Empfindens um menschliche Dinge, wie sie nur wenigen eignet. Seit seiner (Übersiedlung nach Palästina nahm Berger regen Anteil an den Arbeiten der Hitachduth Olej Germania. Er gehörte dem Präsidium an und war Mitglied des Vorstandes der Jerusalemer Ortsgruppe. Die Begräbnisse von Hugo Herrmann und Alfred Berger fanden Mittwoch auf dem CHberg unter massenhafter Beteiligung statt. An Berg«™ Bahre sprachen für die Universität Dr. Afdi/s«;» und Rector Fränkel, dann vor der Synagoge Rehavya M. Naustadt für die Poale Zion, und am Grabe Dr. Nussbaum für die Hitachduth Olej Germania. Zugleich mit dem Tod von Herrmann und Berger ereignete sich noch ein dritter Fall dieser Art in Palästina. In Tel-Aviv starb, gleichfalls plötzlich, E 1 i e s e r Weinschal L ein Beamter des Rüfenberg 5El«ktri»!ttJWe?kä» Im Altse von '48 Jahren. Der Verstorben* war eine in Palästina bekannte und beliebte Persönlichkeit, verbunden mit den alten Familien des Jiaehuw als Schwiegersohn de» verstorbenen Bezalel Jaffe. Tuusende nahmen an seiner Beerdigung teil, KLEINE NACHRICHTEN Wie PALCOH aus .Witlafrika meldet, hat der südafrikanische Board of Jewish Deputier (Judische Gemeindeorganisation) »ich gegen einen Antrag ausgesprochen, ein eigenes jüdisches Bataillon in der südafrikanischen Armee aufzustellen. Der Gedanke ist auch von der südafrikanischen Regierung abgelehnt worden, die keinerlei Religions¬ oder Rassen-Unterschiede innerhalb ihres Militärs aufkommen lassen will. In H o n o I u 1 u. der Hauptstadt von Havai. wurde die erste Synagoge feierlich eingeweiht. Es gibt jetzt dort 100 jüdische Familien. Die Regierung von Uruguay verbot die Radio-Verbreitung alier Propaganda, die zu Rassen- oder Religionshass aufreizt. Im belgischen Parlament wandte sich Camil Huysrnan, der bekannte sozialistische Abgeordnete, der jetzt Bürgermeister von Antwerpen i»t, gegen die antisemitische Propaganda. Er wies In seine Berliner Zeit falten auch I darauf hin, daas die vorn Ausland unterstützt« verschiedene literarische Arbeiten, wie z. B. <gej Agitation, die sich zweier gemeiner Wochenblätter meinsam mit S. J Agnen) die Herausgabe des! bedient, eine ernste Gefahr für d»n Staat ist „Buches vom polnischen Juden", das viel dazu bei- , Schon seien einige grosse Diamarttschleifereien mit trug, dem damals vom Ostjudentum noch herj einem Kapital von §00 Millionen Frank nach dem metisch abgeschlossenen deutschen Judentum eine! Ausland verzogen. naher« Kenntnis der ostjudischen Weit zu verj Nach einer Statistik des Arbeitsamtes mittein, ferner das gemeinsam mit Nathan Birnder Stadt Berlin gibt es in der Haupt - herausgegebene Buch „Edom", Berichte; stadt nur noch 20000 Juden mit einem bestimmten Beruf, davon die meisten Bau- und Transportarbeiter. Im Monat Oktober suchten 3011 Juden Arbeit, gegen 1000 in den 3 vorausgegangenen Monaten. Die arbeitslosen Juden erhalten Arbeitsk>senUnterstützung und auch I-*bensmlLt.*;ikarten, dagegen keine Kleiderkarten, da wie der Bericht erklärt man annehmen könne, dass die Juden bei ihrem früheren Standard noch genügend Kleider besitzen. In London wurden vier junge Leute mit Gefängnis von einer Woche bestraft, weil sie Plakate mit antisemitischem Inhalt aufgeklebt haben, worin es hiess ..Fremde rauben die Arbeitsplätze der Engländer". Zwei weitere junge Leute wurden zu einer Geldstrafe von je 40. nh. bestraft, weil sie zwei Juden auf der Strasse angerempelt und dabei antisemitische Lieder gesungen haben. Der eine der Verurteilten gestand, dass er zur faschistischen Union gehört. Nach einer ITA-Meldung aus Koni hat Mussolini persönlich den Ausweisungsbefehl gegen 3000 jüdische Flüchtlinge wieder aufgehoben. Das italienische .Bildungsministerium hat 2*3.000 Lire als Unterstützung für die jüdischen Schulen bewilligt. In Jugoslavien wurde auf Initiative mehrerer christlicher Professuren der Universität Beigrad ein« Gesellschaft zur Bekämpfung der antisemitischen Propaganda gegründ*.».