Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 1 (5.1.1940)
- Date
- 1940-01-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE WELT RUNDSCHAU 5. Januar 1940 Kulturelle Einordnung Dan Mitteilungsblatt der ..Hitachduth Olej Germania we Austria" (Tel Aviv) beschäftigt »loh anlässlich der Ankunft von 3000 neuen Einwanderer uns Deutschland und CSR in Palästina mit den Problemen der Einordnung dieser Menschen. Zuerst. i«t von den wirtttchuftlk:ken Problemen die Rede. Der Artikel (der hebräisch mit deutscher Übersetzung erschienen ist) fährt dann fort: Die? wirtschaftliche Einordnung ist aber nicht da» Einzige. Wir haben der Tatsache in« Auge zu gehen, dam hier Tätigende von Menschen ins Land kommen, die weder die Verhältnisse des Landes und seine Eigentümlichkeit noch die Sprache des jüdischen l^indsektors kennen. Die kulturelle und bildungsmüssige Eigenart der Einwanderer ist nicht so schnell auszulöschen. Es gibt darunter natürlich viele alte Zionisten, die mit Palästina eine Idee verbinden freilich erst sprechen viele ihrer mitgebrachten Vorstellungen nicht der Wirklichkeit des Landes. Es gibt aber Tausende von Nicht zionisten und Menschen, die einfach durch den Strom hierher getrieben wurden, und denen es nicht nur an Kenntnis der Tatsachen, sondern auch an geistiger Orientierung fehlt. Sie wissen, dass sie ins Land des jüdischen Nationalheims kommen und sie erwarten, hier angesprochen und geführt zu werden. Sie wollen die Probleme dieses Lebens hier mitempfinden und sich dafUr einsetzen. Au» anderen Ländern erhält man oft Berichte darüber, wie sehr der Emigrant, der den Boden des Landes betritt, sich isoliert und einsam fühlt, wie sehr er ausserhalb des wirklichen Lebens steht und keinen Zutritt zu dem gesellschaftlichen Leben des Landes findet. Hier in Palästina muss es natürlich anders sein, denn im jüdischen Nationalheim soll jeder eingewanderte Jude ein echtes Heimat sgefühl bekommen. Es kommt nicht darauf an, daas man mit ihm und seinem Schicksal Mitleid hat, sondern en kommt darauf an, daas man ihn als gleichberechtigten Bü rger aufnimmt und ihm dadurch eine seelische Stütze gibt. Leider müssen wir beobachten, dass bei vielen Neueinwanderern aus Deutschland, Tschechoslowakei etc. statt des Gefühls des heimatberechtigten Genossen ein Gefühl der Minderwertigkeit entsteht, das durch manche Verhältnisse noch bestärkt wird. Um diesen Menschen zu helfen und ihnen das Einleben zu erleichtern, haben sich die Vereinigungen der Einwanderer gebildet, wie Hitachduth Olej Germania we Austria oder Hitachduth Olej Tscheehoslowakia, Diese Verbände werden aber ihre wirkliche Funktion nur dann erfüllen können, wenn durch ihre Wirksamkeit der neue Einwanderer mit d#m Land verbunden und in das Leben de« Landes hineingestellt wird, nicht aber wenn er in seiner Isolierung verharrt. Durch die eigentümlichen Verhältnisse im Jischuw ist die Gefahr der Absonderung der neu angekommenen Elemente, wenn sie erst eine bestimmte Zahl erreicht haben, ausserordentlich gross. Diese Tendenzen der Absonderungen werden gefördert durch gewisse im Jischuw herrschende doktrinäre Tendenzen, die die Wirklichkeit von 1940 nicht anerkennen. Es ist eine Tatsache, dass die Alijah, die nach den zaristischen Pogromen nach Palästina gekommen ist, in ihrem Charakter ganz anders war als die nach den Hitler-Pogromen. Das russische Judentum hatte eine grosse Schicht von Jeschiwa-Bachurim und ,.entlaufenen Jeaehiwa-Baehurim", von Maskilim und Chowewe Zion. Fast alle russischen Juden waren im Cheder erzogen. Man konnte in Palästina mit diesen Einwanderern mehr oder weniger in derselben Weise sprechen wie schon in Russland, Ganz anders ist das bei den Einwanderern aus Deutschland und Tschechoslowakei, die westeuropäijsehe Schulen besucht haben und erst allmähi lieh mit grosser Mühe und mit grosser Liebe jzu einem neuen modernen Judentum, dessen j Umgangssprache hebräisch ist, erzogen werden müssen. Man verkennt bis heute das ungeheuere Problem, das duch diese Menschen in Palästina geschaffen wurde und man irrt sich sehr, wenn man meint, diesem Problem durch Terror oder Gewaltmethoden beizukommen. Es ist ein jüdisches Gesamtinteresse zu verhindern, dass diese tausende Einwanderer zu einem unzufriedenen, missvergnügten und »ich zurückgesetzt fühlenden Element werden, das jeder Demagogie erliegt. Diese Gefahr wird umso grösser, je weniger man zu ihnen in einer ihnen verständliehen Weise zu sprechen versucht. Je mehr -Einwanderer aua . .Mitteleuropa. zu uns ins Land kommen und wir wünschen, es sollen noch viele Tausende sein — umsomehr werden sich diese Probleme verschärfen. Die Hitachduth Olej Germania we Olej Austria - und wir können wohl annehmen, auch die Hitachduth Olej Tschechoslowakia -- ist sich dieser Sachlage bewusst und möchte mit ail ihrer Kraft darauf hinarbeiten, die Gegensätze auszugleichen, die Menschen zusammenzubringen, aus den Zersplitterten und Versprengten ein V o i k zu machen. Sie kann dieses Ziel nicht erreichen ohne eine verständnisvolle und liebevolle Unterstützung seitens des Jischuw und seiner j Institutionen, andererseits durch ein organi- ■. siertes Zusammenwirken der Einwanderer! aus Deutschland und Österreich und in gejwissem Masse auch der Tschechoslowakei —, |die um einen gebührenden Platz im Jischuw ringen und an dem lieben dieses | Landes, am Leben des jüdischen National-; heims, ihren .Anteil ..beanspruchen. Die Woche in Palästina Olm Aktion d«s Waad Uumi Der Waad Leumi hielt am 3. Januar «in« Sitzung in Jerusalem ub, worin der Vorsitzende, Pinkas R u t e n b e r g, einen Bericht über die bisherigen Notmaasnahmen des Waad Leumi erstattete. Rutenberg teilt mit, das* bisher LP. 45.000. für Unter s tützungen ausgegeben wurden, wofür der Waad Leumi LP. 10,000. von der Regierung, LP. 15.000.— von der Jewish Agency und LP. 20.000.-— als Durlehen a conto der Einnahmen der Notsteuer (Maas Cherum > genommen hat. Rutenberg machte neuerlich einen starken Appell, die Parteistreitigkeiten beiseite zu stellen. Er nahm bexug auf die vielen Arbeitadiapute der letzten Zeit und erklärte, dass damit «in Ende gemacht werden müsse, wenn der Jischuw die Krise überstehen will. Für das Werk der Notsteuer (Maas Cherum) zeigen sich die Sympathien auch ausserhalb der Kreifw der palästinensischen Juden. So z.B. haben zwei britische Beamte dem Waad Leumi grössere Beträge zukommen lassen, ferner kamen f 10.000 aus Amerika und LP. 15.000.— aus Argentinien. Nach Rutenberg, der in seiner Rede auch den drei Verstorbenen der letzten Tage, Hugo Herrmann, Alfred Berger und Elieser Weinschall Worte des Gedenkens widmete, spruchen von der Leitung des Waad Leumi noch Ben Z w i und Dr. A. Kuzcnelson. Der Letztere gab insbesondere Ziffern aus dem Winterhiifswerk de» Waad Leumi. Der High Commissioner von Palästina, Sir Harold MacMithacl hat am 31.12. abends eine RadiOttiisprache an die Bevölkerung gerichtet. Das Jahr 1939, so sagte er, bedeutet ein Gipfelpunkt des Bösen, < und wenn wir auch vom Jahr 1940 kein goldenes Zeitalter erwarten dürfen, so glauben wir, doch die Konturen einer neuen Weitordnung bereits zu erblicken. Spezielle palästinensische Probleme wurden in der Ansprache nicht erwähnt. Zum Schluss wandte sich der High Commissioner an die Bevölkerung von Palästina, die mit Tapferkeit und Geduld ihre Rolle in dem gegenwärtigen Völkerringen spielt und wünschte allen ein glückliche» Jahr. In Akko begann vor dem Militärgericht der Prozess gegen 10 jüdische junge Leute statt, die beschuldigt werden, am 29. Oktober 1930 auf Araber geschossen zu haben. Es soll sich um einen Racheakt handeln, die diese Leute als provisorische Hilfspolizisten begangen haben nach einem Oberfall auf einen Kameraden. Ein Araber ist in der Schieberei getötet worden. Die Angeklagten leugnen jede Schuld. In einer Versammlung in Tel-Aviv zugunsten von Mass Cherum (der neuen Notsteuer de» Waad Leumi) sprachen Vertreter aller Arbeitsgruppen, und zwar neben den Vertretern der allgemeinen Arbeiterorganisation (Histadruth) auch ein Vertreter der revisionistischen Arbeitsgruppe. Es wird hervorgehoben, dajw zum ersten Mal Vertreter dieser beiden Gruppen auf derselben Plattform erschienen. Kine neue jüdische Siedlung wurde dieser Tage in Nazzara südlich von Daphne gegründet. 20 Familien haben den Platz besetzt und 40 weitere sollen folgen. Es handelt sich um einen fruchtbaren und reichlich mit Wasser gesegneten Boden im Norden des lindes an der syrischen Grenze. Der „Kofer Hajischuw" hat den jüdischen Radiobesitzern eine Steuer von 10 Piastern auferlegt, die jetzt eingesammelt wird. Ferner hat der Kofer Hajischuw eine Steuer von 10 Müs für jedes Fahrrad auferlegt. Neu ist auch die Besteuerung von BankJtch-eckn bei den jüdischen Banken, für die eine Regierungssteuer von 7 Müs erhoben wird, wozu der Kofer Hajischuw 3 Mils hinzufügen wird. Die jüdischen Banken haben sich einverstanden erklärt, diese Beiträge von jüdischen Kunden einzuziehen. Nach einer Mitteilung der Leitung des Kofer Hajischuw benötigt der Fonds monatlich LP. 10.000. , um seinen Aufgaben gerecht zu werden, während er jetzt durch indirekte Steuern LP. 8.500. monatlich einbringt. Gemäss des palästinensischen Amtsblatte» | wurden in dem 31.3.1939 abgeschlossenen Finanzi jähr von der palästinensischen Regierung für Schadenersatz u.a. folgende Summen verausgabt: Schadenersatz für die Zerstörung Häusern in Jaffa LP. 45.200, Schadenersatz;! Verlust von Leben und Eigentum wahrend «ier Unruhen LP- 80.545 und weitere Hilfsmassnahmen LP. 13.50». In Palästina ist ein heftiger Konkurrenzkampf zwischen den Brotfabriken und den kleineren Bäckereien ausgebrochen, der dazu geführt hat, dass der Brotpreis von 16 auf 15 MiU herabgesetzt wurde, wobei es allerdings noch fraglich ist. ob das Gewicht und die Qualität des Brotes dadurch nicht beeinträchtigt werden. Eine Gruppe von Kaffeehausbesitzern hat um eine Konzession eingereicht, um ein Kaffeehaus an Bord des „Tit/er HUI" einzurichten, das am Strande von Tel-Aviv liegt. Dieses Schiff hat im August etwa 1500 jüdische Flüchtlinge an den Strand von Tel-Aviv gebracht und ist dortselbst beschädigt steckengeblieben und von der Regierung beschlagnahmt worden. Die Antragsteller wollen nun dieses Schiff kaufen und in der erwähnten Weise in ein Vergnügungs-Etablissement umwandein. Grosses Interesse wurde in Jerusalem durch eine Ausstellung von „wildem Grass in Keren Hajesäod-Siedlungen" hervorgerufen, die unter den Auspizien der botanischen Gesellschaft „Eig" (genannt nach dem früheren Professor für Botanik an der Hebräischen Universität, der im vergangenen Jahr starb», der landwirtschaftlichen Experimentierstation der Jewish Agency und anderen Organisationen eröffnet wurde. Die Ausstellung zeigte fünfaig verschiedene Arten von wildem Grass und Unkraut, die in Palästina wachsen, jedoch wird geschätzt, da&> insgesamt ungefähr 120 solcher Arten existieren. Da* Pakwtitw Orchester gab ein Konzert im Militärlager von Sarafand und fand grossen Beifall bei den zahlreichen Zuhörern der britischen Soldaten.