Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 26 (8.12.1939)
- Date
- 1939-12-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 8. Dezember 1939 wissenschaftliche Abende statt, bei denen Gc- 1 lehrte über ein Thema Ihre» Forschungsgebietes! Vortrage (mit anschHc-ascndcr Diskussion» halten.; Von «Jen grösseren Veranstaltungen der Universität erwähnen wir hier nur die Gedenkfeier für | Sigmund Freud, bei der, nach einer einleitenden \ Ansprache von Salman Schocken, der neue Profes-1 sor der Psychologie Benaventura (früher Florenz) und der neue Lektor für Pädagogik Ernst Simon sprachen, (Auch andere Gedenkfeiern für Freud fanden in Palästina statt, so z. H. von der Arzte gesellschaft in Tel Aviv.) AI» eine besondere Einrichtung, die .seit dem Tode ihres unermüd liehen Fürsprechers Bialik nicht mehr so gewürdigt wird, sei der Onrg Srhabbath genannt, wo regelmäßig unter Teilnahme grosser Volksmaaaen in Tel Aviv Vortrage und Gesänge stattfinden. Als Sprache des kulturellen I^ebens ist da« — sonst im Alltag nicht immer vorherrschende — Hebräisch unangefochten. Die Bemühungen, die Neu-Elnwandcrer mit der Sprache vertraut zu machen, gehen unaufhörlich weiter, und man kann gar nicht oft genug die Einwanderer zur ernsten Bemühung um das Hebräische ermahnen. In künstlerischer Beziehung steht das Musikleben an erster Stelle. Trotz der Kriegsverhältnisse hat das Palästina-Orchester seine Tätigkeit wieder aufgenommen und bisher drei Konzerte abgehalten, das erste unter der bewährten Leitung des beliebten Direktors des Palästina-Radio MeNair, während das zweite die originelle Form eines „Konzertes ohne Dirigenten" hatte, ein Experiment, das sich ausserordentlich gut bewährt hat. Das Orchester erntete gerade an diesem Abend mit seiner Aufführung von Werken von Bach und Beethoven berechtigten Beifall. Das dritte Konzert unter dem Dirigenten Otto Selberg brachte u. a. das Cello-Konzert von Dvorak, das alternierend von Regina Schein und Theo Saltzmann gespielt wurde. Die Saison wird 16 Konzerte enthalten. U. a. wird auch Uubcrmann als Solist erwartet. Auch die Theater .Jlabimah" und „Ohrt" sowie das sehr beliebte Kabarett „Matatv" sind mit gelungenen Aufführungen hervorgetreten, Die Habimah brachte eine Neueinstudierung von Shakespeare „Was Ihr wollt" und Hirschbeins „Mirele Efros", Ohe! u. a. eine Dramatisierung von Mendeles „Fischie der Krumme" und ein Stück von Scholen» Alechem. Auf dem VVinterprogramm d«r "Habimah", bei der Jetzt Max Brod als Dramaturg wirkt, steht noch „Die Mutter" von Karl Capek, eine Dramatisierung von Broda „Rauben!" (nk-ht die s. Zt. in Deutschland vom Kulturbund gespielte) und zwei hebräische Originalstücke, nämlich „Jerusalem und Rom" (ein Josephus Flavlus-Drama) von N. Bistritzky und „Micha!, die Tochter Sauls" von Aschmann. Auch ein Opernensemble ist gebildet worden, zum Teil mit Sängern, die früher führende Positionen in Ungarn, Tschechoslowakei und Österreich innehatten. Das Experiment der ersten Aufführung des „Troubadour ist ausserordentlich gut gelungen. All diese Arbeit der Neuschöpfung, die vom Enthusiasmus ihres Metiers getragen wird, leidet unter den materiellen Verhältnissen. Wie stark die Finanzfrage in das kulturelle Leben einschneiden kann; bewies in den letzten Wochen die Gefahr einer Sckluutauno der Schulvn wegen Nichtzahlung eines Teiles der Lehrergehälter. Im letzten Moment ist es durch das Eingreifen Rüterbergs gelungen, den schon angekündigten Lehrerstreik wieder rückgängig zu machen. Diese Angelegenheit hat zu lebhaften Kontroversen An- Utas gegeben, wobei auf der einen Seite die Unerläaslichkeit eines ununterbrochenen Schulbetriebs, auf der anderen Seite aber auch die Notlage der Lehrer, denen der Verzicht auf ein Monatsgehalt nicht tugemutet werden kann, geltend gemacht wurde. ORGANlSATIOKSFtAGEN Die Neuorganisation des WaadLeumi unter der Führung von Rutenberg ist ins wischen abgeschlossen worden. Statt der ursprünglich beabsichtigten kleinen Leitung von drei oder vier Personen, Ut nun wieder ein Rat von II Perto- KURT BLUMENFELD IN USA BEQRUSSUNG FÜR OEN V0RS.TZEJ.0EN OER H0B0A KLEINE IERICNTE AUS AMERIKA Das offizielle Organ der amerikanischen Monisten „The New Palestine" widmet der Ankunft von Kurt B 1 u m c n f e 1 d einen zweispaltigen langen Artikel, worin Blumenfclds Werdegang und zionistische Leistung geschildert werden. Blumenfeld wird auch als der Vorsitzende der Vereinigung jüdischer Auswanderer aus Deutschland «Hitachduth Olej Germanin) begrüsst. Die Zeitung hebt hervor, du** die Hitachduth Olej Germania 65,000 Einwanderer aus Deutschland repräsentiert, von denen ein erheblicher Prozentsatz auf dem Lande angespielt sind, über Blumenfelds Persönlichkeit bemerkt das Blatt u.a.: „Obwohl Blumenfeld als der Theoretiker der zionistischen Bewegung in Deutschland angesehen wird, betrachtet er sich selbst in erster Reihe als ein Zionist der praktischen Arbeit, indem er hervorhebt, das« es keine gesunde Theorie gebe, die nicht ihr Gegenstück in der Realität findet." Bei seiner Ankunft in Amerika nahm Blumenfeld Bezug auf die Tragödie der Juden in Polen und betonte, das* man den polnischen Juden helfen müsse, nach Palästina zu gelangen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Als Zweck der Anwesenheit Blumenfelds in Amerika bezeichnet das Blatt Beratungen mit den jüdischen Führern Amerikas über die Probleme, denen der Jlschuw In Palästina gegenübersteht und über die vergrösserten Bedürfnisse der Jewish Agency. Blumenfeld hielt am 8. 11. in New York im Kreise der Theodor Herzl-Society (Vereinigung von Zionlsten aus Deutschland) einen Vortrag „Ende und Neubeginn". Die Theodor „Herzl-Society" hat In ihrer Generalversammlung Dr. Lazar Wallerstein zum Vorsitzenden, Dr. Sheffield und Dr. Tannenbaum zu Vizepräsidenten gewählt Blumenfeld hielt in C I e v e 1 a n d mit grossem Erfolg seinen ersten öffentlichen Vortrag In enf/Hncher Sprache. Er sprach auch noch in anderen Städten wie Chicago, Texas u.s.w. DR. LANDAUER'* MISSION Dr. Georg Landauer, Leiter der Abteilung für die Ansledlung deutscher Juden bei der Jewish Agency befindet sich gegenwärtig in den Vereinigten Staaten von Amerika, um die dortigen Institutionen über die Arbeiten und das Künftige Programm der genannten Abteilung zu informieren. Es handelt sich darum, die notwendige Fluchtlingshilfe in ■ konstruktive und produktive Bahnen zu leiten. Dr. Landauer hat bereits an einer Reihe von Beratungen teilgenommen. JOACHIM PRINZ ALS RABBINER IN USA Aus N e w a r k (USA) wird uns berichtet:; Joachim Prinz hat seine Stelle als Rabbiner; der Gemeinde B'nai Abraham in Newark angetreten. Die Gemeinde, die gegenwärtig 600 Familien als Mitglieder zählt, ist die bedeutendste in Newark, einer Grosstadt im industriellen Hinterland von New York. Die Einführung Dr. Prinz am Freitag Abend vor Bosch Haschana fand in einem sehr würdigen und feierlichen Rahmen statt Viele jüdische und nichtjüdische Persönlichkeiten war«» erschienen. Rabbi Dr. Stepnen S. Wlsc stellte den neuen Rabbiner der Gemeinde als einen „der befähigsten und briiliantesten jungen Menschen innerhalb des Rabbinertums" vor. Dr Prinz zeichnete in seiner Antrittspredigt die Aufgaben des Rabbiners unter dem Gesichtspunkt der Nöte und Sorgen unserer Zeit. Die Roch Haschana-Tage zeigten den neuen Rabbiner mit Keiner auch in englischer Sprache eindrucksvollen Beredsamkeit, als er vor weit über 1500 Menschen in der überfüllten Synagoge seine Predigt hielt. Die Beliebtheit von Dr. Prinz ist hier ähnlich wie vorher in Deutschland. Selbst ein einfacher Freitagabendgottesdienst, in dem er über den „Traum der Emanzipation" sprach, war von fast 1000 Menschen besucht. A. H. REUBEN BRAININ In New York starb der hebräische Schriftsteller Kuben Brainin im 77. Lebensjahre. Brainin war in der Zeit vor dem Weltkrieg eine« der führenden hebräischen Essayisten. Neben anderen Biographien verfasste er auch eine Hcrzl- Biographie. Er ist noch vor dem Weltkrieg nach Amerika übersiedelt und hat dort eine Zeit lang die führende hebräische Monatsschrift „Hatoren" herausgegeben. Vor etwa is Jahren sind innerhalb der zionistischen Bewegung Meinungsverschiedenheiten mit ihm entstanden, weil er sich lebhaft für das Projekt der Judensiedlung in Biro Bidschan einsetzte, und er war Gegenstand heftiger Angriffe, denen er mit dem Mut der Überzeugung entgegentrat. Mit Brainin ist eine markante Figur aus der Frühzeit der modernen hebräischen Bewegung dahingegangen. KULTURAUSSCHUSS DEUTSCHER JUDEN Bei dem German Jewish Club in New York wurde ein Kulturbeirat eingesetzt, der sich zur Aufgabe gestellt hat, die Umschichtung und Berufsausbildung der deutsch-jüdischen Einwanderer in Amerika zu fördern und insbesondere auch die jüdische Erziehung auszubauen, die in den letzten Jahren in Deutschland von den jüdischen Institutionen begonnen wurde. Diese Tätigkeit ist gewiss zu begrüssen, da nach allgemeiner Erfahrung die Gefahr besteht, das» die Einwanderer, von denen viele erst nach 1933 mit jüdischen Dingen in nähere Berührung kamen, in ihren neuen Wohnländern sich schnell wieder vom Judentum loslösen. Es dürfte unsere Leser interessieren, einige Namen zu hören, die auch aus der jüdischen Arbeit aus Deutschland bekannt sind. Das Komitee besteht aus Dr. Friedrich B r o d n i t z. Heinz Kellermann, Otto Strauss, Franz Wolff und Wilfred C. Hülse. Das Unterkomitee für altgemeine Bildung«- und Erziehungsfragen, unter dem Vorsitz von Dr. Manfred Georg, besteht aus Dr. Ernst Cohn-Wiener, Margarete Edelheim und Dr. Bruno Griesmann, während dem Komitee für jüdische Erziehungsfragen, unter dem Vorsitz von Rabbiner Hugo Hahn (früher Essen), die Herren Rabbiner Dr. HofTmann und Prof. Guido Kisch (früher Universitätsprofessor in Halle) angehören. nen gebildet worden, und zwar zum grossen Teil nach dem P&rieisvhiüssei, den man ursprünglich vermeiden wollte. „ Auch die Revisionisten sind in die Organisation der „Knesseth Israel" wieder eingetreten und es ist bekannt geworden, dass zwischen Revisionisten und der Arbeiterpartei Besprechungen über eine künftige Zusammenarbeit abgehalten wurden. Besonders bewegt waren die Verhandlungen, die sich an die Ausschreibung einer Noutandssteuer (Mime Cherum) anschlössen Verschiedene Kreise innerhalb des Waad Leumi machten ihre Teilnahme von Bedingungen abhängig, ein Standpunkt, der vom allgemeinen Gesichtspunkt aus gewiss nicht akzeptiert werden kann; doch muas man bedenken, dass es «ich bei dieser „Steuer" in Wahrheit um einen freiwilligen Beitrag handelt. Auch lokale Körperschaften (wie Stadtrat von Tel-Aviv, Munizipalitäten usw.) haben Bedingungen für die Teilnahme gestellt, die sich in den meisten Fallen auf die Verwendung der in ihrem Bezirk aufgebrachten Gelder beziehen. Es darf nicht vergessen werdan, dass der Waad Leumi neben seinen laufenden Verwaltungsaufgaben eine 8Toa.se Last sozialer Fürsorge zu tragen hat, deren Umfang sich durch die zum Teil mittellose Neueinwanderung noch vergrössert. Als Vertreter der Einwanderer aus Deutschland ist Dr. Georg Landauer in die Leitung des Waad Leumi aufgenommen worden. Es Ist kein Zweifel, dass gerade die Einwanderer aus Deutschland ein grosses Interesse an verschiedenen Zweigen der vom Waad Leumi geführten Tätigkeit haben und auch in der praktischen Arbeit weit mehr mithalfen könnten als bisher, obwohl schon bisher, z. B. im Ressort der sozialen Fürsorge, von den aus Deutschland gekommenen geschulten Kräften vieles geleistet worden ist. Bs wäre zu wünschen, dass sich eine Immer engere Annäherung zwischen den Kreisen der AUjah aus Deutschland und der im Waad Leumi »u*ammengef aasten Führung des Jischuw vollzieht.