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Jüdische Weltrundschau · 1939-12-08 · 26 (8.12.1939) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
1 (1939)
Issue
26 (8.12.1939)
Date
1939-12-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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8. Dezember 1939 JÜDISCHE WELT RUNDSCHAU Seite 3 Die Lage in Palästina KINEO UiD POLITIK - WIRTSCHAFTLICHE PERSPEKTIVEN - KULTURELLES LEIER Jerusalem, Ende November. Em wäre falsch zu sagen, das« die Anteilnahme an den Vorgängen des grossen Krieges abflaut, aber man hat sich allmählich daran gewöhnt, das* grosse draTnatischc Ereignisse zunächst nicht vor «ichgehen. Die Überraschung darüber ist gewiss nicht auf Palästina besc.»rankt. Uberall in der Welt bat man sich den Krieg anders vorgestellt. Unmittelbar nach Kriegsausoruch wurden in Jerusalem zwei neue Radio-Übertragungen von Nachrichten eingerichtet, um 11 Uhr vorm. und 5 Uhr nachm. Bald wurde die Nacnmittagsübertragung wieder annulliert, und kürzlich auch die um 11 Uhr vormittags. Entgegen den Erwartungen gibt es nichts zu melden. Es i«t aber unnötig zu sagen, dass jede neue Phase der Entwicklung auch hier mit der grössten Erregung verfolgt wird, so z. B. die Gerüchte Uber die Bedrohung Hollands und Belgiens und in letzter Zelt wieder die Gerüchte über Gefahren im Balkan. Abgesehen von den allgemeinen Verwicklungen haben ja viele palästinensische Juden in fast allen diesen Ländern Angehörige und Freunde. Allgemeine Fragen fordern heute grösseres Interesse als palästinensische. Man empfindet, dass politische Folgerungen in Bezug auf Palästina gegenwärtig verfrüht sind. Bs ist vielleicht kein Zufall, dass die Zionistische Organisation kein aussenpolitisches ..Programm" veröffentlicht hat, was da und dort Anl&ss zu kritischen Bemerkungen gab. (Damit soll nicht getagt sein, dass nicht auch nach unserer Meinung so manches von der Zionistischen Organisation nach innen und aussen jetzt gesagt werden könnte und sollte.) Palästinensische Exekutivmitglieder, wie S h e r t o k und Ben Gurion, waren in London, ein Vertreter der Londoner Exekutive, Berl Locker, stattete Palästina elmjn Besuch ab und berichtet« vor der Exekutive und den palästinensischen Mitgliedern des Aktions Komitees. Mit grösstem Interesse verfolgt man auch die Nachrichten Uber alle Verhandlungen, bei denen Palästinafragen besprochen sein sollen, z. B. kürzlich Verhandlungen des irakischen Ministerpräsidenten Nuri in Kairo mit dem ägyptischen Ministerpräsidenten Mahir Pascha. Ägyptische Pressemeldungen, wonach Verhandlungen zwischen der britischen Regierung und dem palästinensischen Arabischen Komitee günstig fortschreiten werden — nach „Palcor*" — von informierten Kreisen Palästinas dementiert. Alle Berichte über die Vorgänge in Ii anderen Ländern des Orients finden bei den Juden gleichfalls Aufmerksamkeit, obwohl gegenwärtig in der Weltpolitik Fragen des östlichen Mittslmeercs im Hintergrund stehen. Das einzige Ereignis von überragender Bedeutung für den Orient ist der Abschluss des Vertrages zwischen der Türkei auf der einen Seite und England und Frankreich auf der anderen Seite, ein Ereignis, von dem die Juden Palästinas eine Stabilität der Verhältnisse und eine Sicherung des Friedens erhoffen, was auch die Möglichkeit zu einer grosszügigen und gerechten Lösung der Palästinafrage bieten könnte. Dass bei der Zukunft Palästinas — ebenso bei der Bewältigung der gegenwärtigen Probleme — die jüdischarabische Zusammenarbeit von grösster Bedeutung Ist, wurde in der Runkfunkrede des High Commissloners hervorgehoben, und wird bei allen Erwägungen Im Bewusstsein behalten werden müssen. WWTSCHAJTUCHE PROBLEME Im Vordergrund der praktischen Arbeit aber stehen jetzt wirtschaftliche Angelegenheiten. Der Kriegsausbruch hat, ebenso wie anderswo, in Palästina zunächst einen Schock hervorgerufen, aber allmählich beginnt sich die Lage etwas zu klären. Der befürchtete Mangel an Nahrungsmitteln und anderen Stoffen ist nicht eingetreten, und der Auftrieb der Preise hat aufgehört. Natürlich soll nicht behauptet werden, daas die wirtschaftlichen Verhältnisse rosig sind; es gibt viele Erwerbslose und Arbeitslose und viele haben schwer um ihre Existenz zu ringen, zumal den Juden Palästinas auch eine grosse sozial« Last aufgebürdet ist. Dennoch zeigen sich an manchen Punkten hoffnungsvollere Anzeichen. Manche Industrien verzeichnen jetzt schon einen Aufschwung, und auf manchen Gebieten ist mit Bestimmtheit mit einer Erweiterung der Produktion zu rechnen, d. h. also auch mit Neubeschäftigung von Arbeitskräften, gesteigerter Kaufkruft etc. Die chemischen Werke am Toten Meer vergrössern sich im Eiltempo und beschäftigen nach Angaben des Direktors Nowomeisky jetzt 900 jüdische und 400 arabische Arbeiter. Bisher war Deutschland der Hauptlieferant von Kall in der Welt; unter den heutigen Verhältnissen wird Palästina dank dem Toten Meer eines der wichtigsten Ueferungsländer für das Britische Reich und einige andere Länder. Neben Kall wird auch Brom exportiert, gleichfalls ein wichtiger chemischer Grundstoff, und die Erzeugung anderer Produkte ist in Vorbei eitung. Neben dieser gewaltigen und zukunftsreichen Industrie, die, wie man hört, die Errichtung neuer Bcförderungsmejhoden vom Toten Meer nach Jerusalem planen soll, ist die Ölraffinerie in Haifa zu nennen, die schon in nächster Zeit ihre Tätigkeit teilweise aufnehmen wird, während jetzt der Bau der Riesenanlage noch viele tausende Arbeiter beschäftigt. Die palästinensische Industrie stellt sich auf Produktion bisher vom Aualand bezogener Produkte ein. Einig« Unternehmungen z. B. ruh der Seifen- und Toilettemittcl-Industrie, sowie die palästinensische Arzneimittel-Industrie, auf deren Chancen wir schon mehrmals hinwiesen, haben Aufträge aus einigen orientalischen Ländern erhalten. Sicherlich lassen sich die Märkte dieser Länder auch noch für andere palästinensische Produkte erEchllessen. Palästina hat den Vorzug, eine ganze Anzahl von Fachleuten, geübten Technikern, Chemikern und anderen Sachverständigen zu besitzen. Auch das Militär hat bereits Aufträge vergeben, z. B. für Schuhe u. a. Wie der Schatzmeister der Jewish Agency Elieser Kaplan mitteilt, bestehen bei der jewish Agency Pläne für die Gründung von 125 neuen Industrieunternehmungen, für die ein Kapital von LP. 1,750 000 erforderlich wäre. Man hofft, dass die Frage der Beschaffung von Rohstoffen zur vollen Zufriedenheit gelöst werden kann. Die ausgezeichnete Wirtschaftszeitschrift „Palestine and Middle East" brachte Berichte über die Versuche, die in dem Sieff Institut in Reehovoth gemacht «erden, um neue Produkte in Palästina herzustellen, insbesondere durch Verwertung der Orangen, von denen ein grosser Teil diesmal im Lande bleiben muss. Nach den Mitteilungen von Dr. Ernst Bergmann, dem Leiter des Instituts, heinst es, dass neben Alkohol noch eine ganze Anzahl anderer wertvoller Stoffe gewonnen werden können, insbesondere durch Ausnutzung der Weizmann'schen Erfindung zur Herstellung von Aceton. Dies sind nur einige Beispiele, die hervorgehoben werden, weil das breit« Publikum häufig angesichts der privaten wirtschaftlichen Sorgen die positiven Ausblicke übersieht. Eines der Hauptprobleme des gegenwärtigen Moments ist natürlich der Absatz «1*r Orange n und anderer Citruiffrüehic, df« wegen der Schwierigkeiten und erhöhten Kosten des Transports sowie aus anderen Gründen verringerten Export haben. Man ist sich darüber einig, dass von den 13 Millionen Kisten nur etwa 7 Millionen exportiert werden dürfen, um die Preise zu halten. Wegen der Organisierung der Verschiffung wurden — bisher freilich vergeblich — Verhandlungen zwischen jüdischen und arabischen Pflanzern geführt, und der High Commissioner empfing eine gemeinsame Abordnung der beiden Pflanzergruppen, die ihm ihre bedrohte Lage darstellten. Man musa hoffen, dass die Regierung Mittel finden wird, um diese Hauptindustrie des Lande« mit möglichst geringen Schäden über die Zeit des Krieges hindurchzusteuern. Dass In kritischen Momenten die Gefahren einer auf den Weltmarkt tingewiesenen Monokultur besonders hervortreten, versteht sich von selbst. Zahlreiche Pflanzer gehen daher dazu über, andere landwirtschaftliche Hilfszweige auf ihrem Boden zu entwickeln. DI« Hauptfrage der Pflanzungswirtschaft Ist du Krtditproblem, das unbedingt einer Lösung zugeführt werden muss. wenn nicht bedeutende volkswirtschaftliche Werte verlorengehen sollen. Das* sich auch für die Arbeiternchaft In der Pflanzungswlrtschaft grosse Schwierigkelten ergeben haben, ist nicht zu verwundern. Der jüdische Arbeiter kämpft um sein Existenzminimum, während der Pflanzer auch bei den Löhnen möglichst sparen will. Duraus haben sich Konflikte in Bezug auf die Pflückarbeit und die Packarbeit ergeben, die erst nach langen Verhandlungen und nach persönlichem Eingreifen des allseits angesehenen Präsidenten des Waad Lcumi, Rutenberg, beigelegt werden konnten. Neben der Orungenwirtschaft ist für Palästina als Absorbtion für Arbeitskräfte besonders das Bauwesen von Bedeutung. Hier ist eine Ankurbelung durch öffentliche Arbeiten unerlässlich. Eine Reihe von Bauten, wie z. B. mehrere neue Gebäude der Universität Jerusalem wurden bereits angekündigt. Zur Behandlung der wirtschaftlichen Fragen und Koordinierung der verschiedenen wirtschaftlichen Körperschaften hat die Exekutive eine Kommission eingesetzt, der folgende Personen angehören: Von der Exekutive Dieser Kaplan, Dr. Huppin und Schmomk, vom Waad Lcumi Rutcnbtsrg, ferner der Direktor der Anglo-Paiestlne Bank Uoofien, der Direktor der Palestine Economic Corporation Julius Simon, der Vorsitzende des Industriellen verbanden Schcnkar. der Vorsitzende d«s Pfianzerverbände» Smtlan»ky, der Direktor der Gesellschaft „Nif Hchkolnik und einige andere. KULTURELLES LEBEN Das geistig« Leben im Lande ist durch den Krieg bisher nicht beeinträchtigt worden. Die Universität J e r u a a 1 e rn hat trotz allen Schwierigkeiten ihren Betrieb voll aufgenommen und die Zahl der Studenten hat sich vergrössert. Bei der Eröffnung des Semesters, die wie alljährlich die ...Form einer feierlichen Veranntaltung hatte, nahm der Präsident der Universität. Dr. Magno«, in «einer Ansprache auf die ZeltverhäitfilsMe bezug. Er sprach über den Gewissenskonflikt, der für einen Pazifisten, der das Gebot „Du »ollst nicht töten" ernst nimmt, in der heutigen Situation tntsteht, da man erkennen muss, dass der neu entstandene Menschheltsfeind nicht anders als mit seinen eigenen Mitteln, nämlich den Mitteln dm Krieges, bekämpft werden kann. Durum, so führte Dr. Magnea aus, muss dieser Krieg Großbritanniens gegen Hitler von uns allen gutgeheissen und unterstützt v/erden, denn wenn man ein weiteres Wüten der Hitierruacht culiesse, würden die kostbarsten geistigen und kulturellen Güter der Menschheit vernichtet werden. Dank der Universität hat Jerusalem •!« reges kulturelles Leben, das sich in Vorträgen, Kursen. Lerngemeinschaften usw, abspielt. Männer wie Martin Buber, Raw Asunt, il. Scholen» u. a. versammeln um sich Kreise von lernenden. Leider fehlt es noch an einer zusammenfassenden Organisation der Erwachsenenbildung, die all die vorhandenen Möglichkeiten auwnützt und für die Gesamtheit fruchtbar macht. In d*m schönen Saal der Bibliothek Schocken finden regelmassig

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