Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 26 (8.12.1939)
- Date
- 1939-12-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ff WISCHE WELT RUNDSCHAU 8. Dezember 1939 „WANKENDE IDEOLOGIEN44 EINE VEJMFFENTUCHUN0 OES HE6HALUZ VERSANDES denn dieses Ziel war ja nur zu erreichen, wenn die Nazis in ganz Osteuropa befehlen. Rosenberg sprach sich, wie Übrigens schon in früheren Reden, für eine Aussonderung und territoriale Konzentration der Juden aus, aber ja nicht etwa im Sinne zionistischer Vorstellungen. Eine freie Judensiedlung In Palästina oder gar einen Judenstaat irgendwelcher Art will Herr Rosenberg unter keinen Umständen haben, denn er will ja den Juden weder Freiheit noch Menschenwürde zubilligen, er will sie geknechtet und gedemütigt sehen. Darum erfand er das Wort „Reservat", ein unschönes Wort, das in Kolonialländern für jene Gebiete gewählt wird, die den Eingeborenen vorbehalten bleiben, natürlich ohne alle politischen Rechte. In einem solchen Reservat, in einer überseeischen möglichst tropischen französischen oder englischen Kolonie, sollen — so sagte er damals — die Juden konzentriert werden. Nun scheinen die Nazis ein derartiges Projekt in dem okkupierten Polen verwirklichen zu wollen. Es heisst, dass man die polnischen Bewohner aus dem betreffenden Raum evakuieren und die Juden hineinsetzen will — ein Unternehmen, das auf den ersten Blick als undurchführbar erscheint, wenn man nicht zur äussersten Grausamkeit einer Menschenvertreibung in Not und Elend greifen will. Man denkt unwillkürlich an einen Aufsatz des SS-Organs „Das schwarze Corps", der das Programm aufstellte, die Juden so aller Existenzmittel zu berauben, dass sie notwendiger Weise zu Verbrechern werden müssten, damit der Staat eine Berechtigung des Eingreifens gegen sie habe. Das sogenannte jüdische Reservat bei Lublin — in der palästinensischen Presse ist dafür schnell der Ausdruck „Ghetto-Staat" aufgekommen — scheint nichts anderes zu sein als ein grosses Konzentrationslager. Was darüber hinaus wirklich geplant ist, kann man heute noch nicht erkennen. Es ist ja in diesen Zeiten schwieriger als je, Berichte kritisch zu prüfen. Tatsache scheint zu sein, dass Juden aus Wien, aus dem polnischen Korridor und Teilen der Tschechoslowakei, (besonders aus Mährisch Ostrau) in dieses Gebiet bereits abgeschoben worden sind. Eine Kundmachung des Kultusvorstehers von Mährisch Ostrau (Sato Krämer), die sämtliche männlichen Bewohner von Mählisch Ostrau im Alter von 17 bis 70 Jahren reisefertig für den 17. Oktober aufruft, um sie für ein „Umschichtungslager" auszusondern, ist in ihrem Wortlaut in der „Palestine Post" vom 27.11. abgedruckt worden — ein grauenhaftes Dokument, wenn man denkt, dass der Kultusvorsteher gezwungen wurde, unter ein solches Produkt eines entarteten preussischen Gehirns seine Unterschrift zu setzen. Was in Wahrheit dort werden soll, wissen wahrscheinlich die Nazis selbst noch nicht. In neutralen Zeitungen hat man den Schluss gezogen, dass die Nazis die dauernde Einverleibung Polens nicht beabsichtigen, denn sonst würden sie, die alle Juden los sein wollen, sich nicht eine Judenprovinz in ihrem eigenen Reich schaffen. Vielleicht ist ihnen der Abtransport von Juden aus ihren jetzigen Wohngebieten das Wichtigste. Penn sie wollen in annektierten Gebieten wie Tschechoslowakei, Osterreich und im polnischen Korridor in aller Eile Deutsche ansiedeln, und darum werden andere Einwohner dieser Gebiete evakuiert. Zuerst kommen die Juden dran, später die Tschechen und Polen. In einem Bericht der „Berliner Nachtausgabe" über das Schicksal der polnischen Hafenstadt Gdynia wird geschildert, wie in dieser Stadt, die jetzt den Namen „Gotenhafen" erhielt, die Juden „abströmen". Die Zeitung setzt hinzu: „Während die landfremden Eindringlinge den deutschen Boden verlassen, nehmen ihn kraft alten Rechtes Die Zentrale des Weltverbandes „ H e c h ■ - lux" für Westeuropa wurde vor einiger Zelt In London eingerichtet. Dem Büro unterstchen u. a. die zahlreichen Hachschara-Plätze für die jüdische Jugend aus Deutschland. Österreich und Tschechoslowakei, die jetzt In England und neutralen Landern Ihre Berufsvorbereitung durchmacht. Es ist ein tragischer Gedanke, dass Inzwischen auch die bisherige Zentrale für Osten r o n a, die In Warschau ihren Sitz hatte. Ihre Tätigkeit einstellen musste: sie wurde zunächst nach Litauen überführt. Aber Infolge der Vernichtung Polens hat die Hachsehara In Osteuropa Ihr wichtigstes OJebiet verloren. Die londoner Zentrale versendet ein regelmässige» vervielfältigtes Bulletin In deutscher Sprache. Ttonuth Awoda (Arbeltspressc). Dr»« fetzte Heft.?* Reiten «tark. enthalt einige üb^rset*"*«*™ auM der nn'H<»Mn#»nsi*ch*»n Presse, ein« Reihe von #»r«rtitt»tr>rn'*en Schilderungen von f**»»»iv*>H?*i des Wech«»!»* \r\ Polen, dl.- Ihr*» abenteuerliche Flucht be«»ehrelhcn. An der Pn«*** nV« Heftes wird zu dor Af?"cmc!rtcn S»»"aMon In der Hldi- «rh^n prhnWf.ndcn Jugend Stel'um» genommen. Km hef««t daMn: „Die wenigen Wochen, die vertancen sind, haben ausgereicht, nicht nur Menschenleben und menschliches Gut zu zerstören, sondern haben auch vieles, was bisher grossen Teilen <lcr europäischen Menschheit als unumstößlicher fJlaube galt, ins Wanken gebracht. Ideologien, die bisher für Viele richtunjrKcbend waren, wind zusammengebrochen, Ihres Tnhalts beraubt oder werden nur mühsam durch ein Flickwerk von Sophismen aufrecht erhalten. Für uns, die jüdische Jugend, ist dieser Zusammenbruch von . jeologlen von besonderer destruktiver Kraft, denn wir waren seit leher gewohnt, unsere Handlungen nach ..Prinzipien", nach Ideologien zu richten, auch wenn diese Ideologien mit uns selbst und unserem r»aselnsknmnf nur wenlf verbunden waren. Was uns daran band, war die Möglichkeit, durch sie an dem Leben der Anderen, der uns umgehenden Völker teilzunehmen: was für sie eine Wirklichkeit war, zum Beispiel ihr Leben als Arbeiter, war für weite Kreise jüdischer Jugend etwas Abstraktes, das sie aus Büchern und vom Sehen, aber nicht aus dem eigenen Erleben kannten. So kam es, dass jüdischer Jugend der logische Bau von Gedanken immer wichtiger war als die dahinter stehenden Wirklichkeiten; deutsche Volksgenossen wieder in Besitz" Es handelt sich um die Deutsch-Balten aus Lettland, die in gröaster Eile in dieser polnischen Stadt angesiedelt werden, um ihr einen deutschen Charakter zu geben. Auch die Polen wurden aus der von ihnen geschaffenen Stadt vertrieben. Die Juden im Ausland haben heute keine Möglichkeit, etwas Wirksames zu tun, um das Schicksal der unter deutscher Herrschaft lebenden Juden zu beeinflussen. Zwar scheint es sicher, dass von dem „Ghettostaat" von Lublin nach dem Krieg nichts bleiben wird, aber mit Schmerz und Erbitterung denken wir daran, wie viele menschlichen Tragödien mit diesen Vertreibungen und Zwangsumsiedlungen verbunden sind, Tragödien, die seitist durch die furchtbare Tatsache eines Krieges nicht gerechtfertigt sind. Wie immer das Ergebnis der von den Nazis durchgeführten Zwangsverschleppungen und der neuentstandenen Flttchtlingsbewegung sein mag, eines ist nicht zu bezweifeln: nach dem Krieg wird in so grossen Teilen Europas ein chaotischer Zustand vorhanden sein, der sich besonders gegen die Juden auswirken wird, dass eine reibungslose Wiedereinordnung der Juden in diesen Gebieten nicht zu erwarten ist. Ist ja das Bedürfnis nach Auswanderung der Juden nicht erst durch Hitler entstanden, sondern in dem halben Jahrhundert vor Hitlers Machtantritt sind allein nach Amerika eine Million dass jüdische Jugend meinen konnte, die Welt mit der Annahme oder Ablehnung einer bestimmten Formulierung ändern zu können." Diese Bemerkungen sind charakteristisch für die ideologische Krise, die im Zusammenhang mit den Ereignissen dieses Krieges über einen Teil gerade der sogenannten linksgerichteten jüdischen Jugend gekommen ist. Diese Verhaltnisse finden ihren Niederschlag sowohl in der nichtzionistischen Jugend (vor allem in Amerika, aber auch in anderen Lindern), als auch in einem Teil der zionistischen Jugend, wofür die in der letzten im ,/fn.trfiomer Hasair" in Palästina geführten Diskussion charakteristisch ist. Die jüdische Arbeiterpresse In Palästina beschäftigt sich ausführlich mit den Beziehungen des „Haschomer Hazalr" zur Arbeiterpartei. Verhandlungen über eine Vereinigung, die unmittelbar bei Kriegsbeginn geführt wurden, haben *u keinem Ergebnis geführt, und der in der Arbeiterschaft sehr angesehene Chefredakteur des „D a w a r", Berl Kaznclson, nimmt in einer sehr ausführlichen und heftigen Veröffentlichung zu diesen Fragen Stellung. Kr rechtfcrtlet die ..sozialpatriotischc" Haltung der Arbeiterpartei ir*- eenüber den Anerlffen des „Haschomer Hazair", der die Arbeiterpartei vom sozialistischen Standpunkt scharf kritisierte. Dabei spielt auch die Beurteilung Sovletrusslands eine Rolle, die besonders letzt, wie auch das obige Zitat beweist, umstürzend wirken muss. In London wurde eine Konferenz von Chaluzim aus Deutschland abgehalten. Dreissig Delegierte waren anwesend in Vertretung von 900 deutschen Chaluzim. die jetzt in England Hachsrharnh absolvieren. Mosche Schertok, Leiter des Politischen Departements der Jewish A«*encv-Exekutive in Jerusalem, sprach in der Konferenz über die Lage in Palästina. Das Einkommen des Keren Hajessod in dem Budget-Jahr 56W betrug i 627,000, einschliesslich f 55,500. die für besondere Zweck« gesammelt wurden. Diese Summe »teilt ein R ettord-Einkommen seit der Gründung des Keren Hajessod dar. In dem vorhergehenden Jahr 5609 betrug das Einkommen des Keren Hajessod f 481,300. Juden ausgewandert. Aus Berichten Uber die Washingtoner Besprechungen erfährt man, dass dort die europäischen Vertreter im Grossen und Ganzen der Meinung waren, durch die Niederwerfung Hitlers werde das Aus Wanderungsbedürfnis beseitigt werden. Demgegenüber soll Roosevelt mit aller Entschiedenheit dargelegt haben, dass nach ekm Kriege für mehrere Millionen Menschen neuer Siedlungsraum gefunden werden muss, und zwar vor allem in Amerika und den leeren Räumen der grossen Kolonialreiche. Roosevelt scheint mit grosser Entschiedenheit die Forderung vertreten zu haben, dass solche Umsiedlungsprojekte vorbereitet werden. Wir finden in dieser wie in anderen Fragen b*?i vielen Faktoren eine Neigung, die Tragweite der Dinge nicht zu sehen. Die Zionistische Organisation Amerikas hat in einem Memorandum, das sie der Washingtoner Konferenz überreichte, auf die Rolle aufmerksam gemacht, die Palästina bei jeder Neuordnung der jüdischen Lebensverhätnis&e spielen muss. Die von Roosevelt eingeleiteten Verhandlungen müssen weitergehen, aber eines steht fest: das jüdische Volk kann nicht mehr einfach als Objekt mechanischer Transport- oder Siedlungsaktionen behandelt werden, sondern muss selbst aktiv mitwirken beim Wiederaufbau seines lieben nach einer der grössten Zerstörungen seiner Geschichte. Und dieser Wiederaufbau muss von einer Idee getragen sein, oder er kann nicht gelingen.