Mannheim
Compact Memory

Jüdische Weltrundschau · 1939-12-15 · 27 (15.12.1939) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
1 (1939)
Issue
27 (15.12.1939)
Date
1939-12-15
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2424658-2424659-2424685--352-2425112
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 8 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU 15. Dezember 1939 Soldat war zu sehen. Die : Tanks nahmen in den wichtigsten strategischen Punkten der Stadt St*»llung. Einige Stunden j später begann russische; Infanterie in der Stadt j einzumarschieren. Der j erste Kindruck war, das» sie weder an Kleidern noch «n Nahrung «ehr reich Ist, dagegen aber an Tank«. In den wenigen Stunden den Interegnurn hatten »ich Plünderbandcn zusammengefunden, die in verschiedenen Teilen der Stadt die lüden auszurauben begannen. Sobald die roten Truppen In der Stadt erschienen, war ihre erste Sorge, dem Plündern ein Ende zu machen. Zu gleicher Zeit begann man In der Stadt ein« Bürg« rmiliz zu organisieren. Viele Juden, aber auch Ukrainer und Polen traten der Bürgermiliz h*i, der von d**n roten Truppen die Sorge für die Aufrechterhaltung für Ruhe und Ordnung übergeben wurde. Di« Russen taten alle», um der Zivilbevölkerung gegenüber als Freunde zu erscheinen. Von den Lastautos des russischen Militärs wurde polnisches Geld in die Menge gestreut und am gleichen Tage wurde in der Stadt bekanntgegeben, dass die polnische Währungseinheit der russischen gleichgestellt worden ist. Die russischen Soldaten zeigten steh schon in den ersten Stunden als gute Käufer in allen Geschäften. Besonders begehrt waren bei ihren ersten Einkäufen Taschenuhren. Die Soldaten erzählten, dass es, was Kleidung anbelangt, tn Russland schlecht bestellt sei und dass in Russland ein Anzug mindestens 1600 Rubel kostet. Die Bevölkerung begann »ich rasch den neuen Bedingungen anzupassen. Diejenigen, die grosse Wohnungen bewohnten, luden Verwandte und Freunde zu sich «in, um so einer Requirierung der Wohnung zuvor zu kommen. Am 24. September ordneten die Russen die Öffnung der lüden an und setzten gleichzeitig die Preise für jede Ware fest. In ihren Bekanntmachungen stand geschrieben, dass jeder, der höhere Preise nimmt, ■ich strafbar macht Sofort nach dem Erlass der Verordnung über die Öffnung der Läden bildeten sich lange Schlangen vor den Läden, besonders vor den Lebensmittelgeschäften. Die Händler, die annahmen, dass die Russen es mit ihren Verordnungen nicht •rast meinen, wurden rasch eines besseren be- ZUR JUDISCHEN SITUATION IN KOLUMBIEN Der nachstehend*' interesrnntn Hcrirht erscheint leider Kriegsausbruches mit grosser Verspätung—Red. infolge den inzwischen erfolgten Baranqullla (Kolumbien), im August 1939. . „p u e b 1 o d c i c I d u" sprechen hört (und es sogar gedruckt Am 20. Juli begann das Parlament von Holum -|,i,s,t' dn vom K«ttcsmörderiachen Volk. Anscheinend denkt blen seine diesjährige Seaaion. Es ist aufschlussreich für :slcn ,,cr Mann *ar nicht 80 *cnr vlel <,ics«»" Bezeichnung, die Lage dieser kleinen Judenheit in diesem Lande 4-&000 *ber <ler Hintergrund munn doch religiöser Natur sein. Es ist Juden unter 8 Millionen Kolumbianern! - dass schon in der!s<nr interc8N»nt. das» man hier von bekannten Familien er- EröffnungssiUsung viel von der jüdischen Frage die \rMhlidi* katholischen Glaubens sind, aber nie hinzuzufügen Rede war. Die frcmdenfclndliche Stimmung des Landes! verglast, dass sie Jüdischer Herkunft seien. Diese konnte man in den letzten Monaten Immer wieder aus den j| Herkunft ist nicht zu vertuschen, sie bildet zwar im gesell- Reden und der Haltung der Menschen herauslesen. Es ist schaftlichen Verkehr kein retardierendes Moment mehr, aber bereits an dieser Stelle von der vorläufigen SuspcndUrung der jüdischen Einwanderung berichtet worden, die dieser Stimmung entsprach. Als nun der Präsident der Republik in seiner Eröffnungsrede sagte, dass Kolumbien bereits eine Reihe jüdischer Flüchtlinge aufgenommen habe, dass es jedoch seine Tore nicht mehr öffnen könne, da das Hereinströmen weiterer Juden Probleme schaffen würde, die das Land lieber vermieden sehen möchte - war dies keine Überraschung mehr. Ebenso wenig konnte man überrascht sein von der Ankündigung eines konservativen Abegcordneten, der dem Parlament einen Antrag auf völlige Sperrung der Einwanderung von Juden vorlegen wird. Bei der herrschenden Stimmung des Landes ist an der Annahme dieses Antrages kaum zu zweifeln, so dass Kolumbien in absehbarer Zeit nichts mehr zur Erleichterung der jüdischen Wanderungsnot beitragen wird. Dies Ist sehr bedauern, weil es ein Land im wirtschaftlichen Aufbau ist, in dem zweifellos viele unserer Menschen von Nutzen für die Gesamtheit sein könnten. Spricht man mit Kolumbianern (»her das Problem, so wird immer wieder gesagt: Wir brauchen Landwirt e, aber keine Hausierer. Und es ist eine kider nicht fortzuleugnende Tatsache, dass der jüdische Hausierer in den Städten Kolumbiens der jüdischen Gesamtheit die Sympathien verdorben hat. Es wird nicht so leicht sein, sie wiederzugewinnen, denn selbstverständlich sind viele ausländische Kräfte am Werk, die diese Chance nutzen und den Antisemitismus schüren, Ist der Kolumbianer .IntlMemit? Es ist nicht so einfach zu sagen, ob der Kolumbianer wirklich Antisemit ist. Gerade in den konservativen Kreisen findet man sehr viel Verständnis für unsere I,*age und sehr viel menschliches Mitempfinden, ja oft sogar praktische, tatkräftige Hilfe für Menschen, die eine Existenz suchen. Aber bei aller mitfühlenden Sympathie bleibt der Kolumbianer, und Insbesondere der konservative, doch In erster Linie Katholik. In vielen Gesprächen bestritten mir zwar sehr prominente Wissenschaftler, Richter, Kauflcute sowie auch einfache Arbeiter, dass die jüdische Ftage eine religiöse Frage sei. dennoch ist es für den bevussten Juden eine schmerzliche Erfahrung, wenn er einen gebildeten Menschen, von dem er positiv weiss, dass er viel Verständnis und Mitgefühl für unser Volk hat, in aller Naivität vom sie bleibt noch im Unterbewusstseln irgend ein Hemmnis. Die hier lebenden Juden wissen das nicht, denken vielfach anders, weil sie zu wenig Kontakt mit der kolumbischen Bevölkerung haben. Joden »of der Flocht In vielen Kreisen wird ernsthaft das Problem der Taufe diskutiert. Die Schwierigkeiten des Lebenskampfes veranlassen viele Juden, sich zu fragen, ob sie es nicht leichter haben könnten, wenn sie zum Katholizismus iiber treten würden. Man redet sich ein, daas man durch die Kirche eine wirtschaftliche Förderung erfahren würde, und dass Uberhaupt die Verbindung mit der Bevölkerung des Landes erheblich leichter würde. Allgemein wird zugegeben, dass man nicht aus Überzeugung den anderen Glauben annehmen würde, sondern einzig aus Opportunitätsgründen; aber „man lebt eben nur einmal", war das „schlagende" Argument eines Chemikers, der mit diesem Gedanken schon lange spielt. Immer wieder zeigt sich die Notwendigkeit einer systematischen Galutharbcit, die es versteht, die Juden wieder jüdisch machen und zu ihrem Volkstum zurückzuführen. Die Juden dieses Landes fund wahrscheinlich auch der anderen südamerikanischen Länder) sind auf der Flucht vor sich selbst, vor dem Judentum, vor dem auferlegten Schicksal . Dabei wollen die Kolumbianer gar keine Konvertiten, sondern verabscheuen die Abtrünnigen. Aber wenn man unseren Glaubensgenossen diese Meinung übermittelt, so halten sie es für einen Beschwichtigungsversuch, nicht Jedoch für eine authentische Meinung. Aber auch soweit Juden nicht mit dem Gedanken der Taufe spielen, tun sie alles, um das Problem zu verschärfen. Sie haben Schwierigkeiten in der Erlernung der Sprache, sie können sich nicht In die Mentalität des Südamerikaners hineinversetzen, und ausserdem ist auch ihre Berufsschichtung nicht günstig. Am schlimmsten aber ist es, wenn Ihre moralische Haltung nicht einwandfrei ist, wie es gelegentlich vorkommt. Das Bild, das man von dieser Judenheit. insbesondere den Juden deutscher Herkunft, zeichnen kann, ist nicht in allen Punkten erfreulich. Nur wenige finden ihren eigenen Weg ir eine neue echte Existenz, Die meisten begnügen sich mit Gclegenheitaarbfiit im weitesten Sinne, und darum ist es kein Wunder, dass wir hier so viele Ettäuschungen erleben. Dr. Gerhardt N e u m a n n. Estnisches Judentum Keiae-Brief aus Tallinn. Unser Stockholmer Berichterstatter Ubersandte uns von seinem Ferienaufenthalt in Estland folgenden Bericht, den wir zwar sehr verspätet wiedergeben, von dem wir aber annehme», dass er wegen des aktuellen Interesses, das sich kürzlich Estland zugewandt hat, noch wilkommen ist Das seit 1»1Ö selbständig existierende Estland zählt 1.200.000 Einwohner, und hat 4.500 Juden (also cu. 0.4%). Seit dem 17. Jahrhundert wohnen hier Juden und noch heute hat man Nachkommen der sogenannten Kantonisten aus der Zeit Zar Nikolai I., wo jüdische Kinder als Söldner ins Land kamen und sich festsetzen konnten. Das Interessanteste des estnischen Judentums der Jetztzeit ist der seit 1926 bestehende National-Kulturrat, über den mir ein Mitglied, der Redakteur der estnischen Beilage des in Kaunas in jiddischer Sprache erscheinenden „Volksblatte«", Herr Simon Pcrlnmn, berichtet, dessen angenehme Bekanntschaft ich Frl. Hansy Prensky im „Jüdischen Klub" verdanke: Estland ist das einzige Land der Diaspora, das ein „Jüdisches Parlament" hat! Die im Lande lebenden Ausländer wie Schweden, Deutsche und Juden (ausser Russen) haben einen Kulturrat mit selbständigem Bestimmungsrecht, als öffentlich-rechtliche Institution, die alle vier Jahre durch öffentliche Wahlen im ganzen Lande gewählt wird, und dem Innen- und Bildungsministerium untersteht. Das „Jüdische Parlament" hat 27 Verbreitet Familiennachrichten durch die Jüdische Welt-Rundschau'! Mitglieder, deren überwiegende Mehrheit <21) Zioniaten sind. Sie befassen sich hauptsächlich mit Schul- und Bildungswesen. Die beiden Sprachrichtungen in den Schulen sind hebräisch und jiddisch, wovon erstere 40% und jiddisch 60% ausmachen. Die Zusammenschliessung beider Schulen wird geplant. Jüdische Steuern werden hier durch die Polizei eingetrieben, so dass dem hiesigen Gemeindewesen nur die religiöse Kultus- sowie philantroplsche Arbeit unterliegt. Herr Perlman führt mich durch die literarisch-wertvolle Bibliothek ir. den geräumigen Sälen (mit Bühne) des Bialik-Vereines, cer (welches Paradox) trotz seines Namens antizionistisebe Tendenz hat. Er leistet literarisch-dramatische Arbeit mit Vorträgen in- und ausländischer Redner. Hier tagt auch der baltische Makkabi, dessen Zentralkomitee für Lettland, Litauen, Estland und Finnland sich in Talinn befindet und der erfolgreiche sportliche Leistungen auch gegenüber nichtjüdischen Sportvereinen aufzuweisen hat. Auch der Jüdische Bridge-Klub hat hier seine Zusammenkünfte. Trotz einer nicht judenfeindlichen Regierung ist Estland für jede Immigration hermetisch verschlossen, man nennt die Zahl von 7(!) Einwanderern, die nach Estland gekommen sind. In einem Fall war man sogar so unbarmherzig, dass man einen österreichischen Juden auf dem Dampfer nach Stettin zurücksandte. Das hier bestehende Jüdische Hilfskomitee hat einen Jahresetat von 30.000 Kr., der für Hilfeleistungen für Durchreisende angewendet wird. In den Räumen des Jüdischen Klubs befinden sich die Büros des estnischen KKL- und KH-Komitees. Hier empfängt mich Herr A. 8alz mann, der alle Hände voll zu tun hat. Mit berechtigtem Stolz erzählt er von der gerade abgeschlossenen Schekel-Aktion, die über 60% aller Stimmberechtigten ergab. Sehr aktiv arbeitet unter dem Vorsitz von Frau Itzkotcitach die hiesige Wizo. Von den bei estnischen Bauern hier wallenden 22 Chalusim fuhren vor kurzer Zeit 8 nach Erez Israel. Das Erscheinen der „JWR" wurde auch hier mit aufrichtiger Freude begrüsst! Fl Ritter Editor and PubJUher: Dr. Robert Weltscb, Jerusalem. Priated at The Jerusalem Press Ltd. / Jerusalem.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.