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Jüdische Weltrundschau · 1939-12-15 · 27 (15.12.1939) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
1 (1939)
Issue
27 (15.12.1939)
Date
1939-12-15
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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15. Desember 1939 JÜDISCHE WELT-RUNDSCHAU SHte 7 Das geistige Erbe des deutschen Judentums Von Prof. J« Ii oft Oattmin (Jerusalem) Die Katastrophe, die seit dem 10. November 1938 über das deutsche Judentum hereingebrochen ist, gibt der Mit 1933 oft erwogenen Frage, was das deutsche Judentum für du Gesamtleben des jüdischen Geistes getan hat, und was von seinem geistigen Besitz seinen Zusammenbruch überdauert, erhöhte Dringlichkeit. Vom allgemein nen jüdischen Standpunkt aus gesteilt, meint diese Frage, welcher Fiat? dem deutschen Judentum in der judischen Gesamtentwicklung zuzuweisen ist Die deutschen Juden selbst aber stellen sie nicht nur, um ihre Vergangenheit geschichtlich zu verstehen, sondern um sich über den geistigen Besitz, den sie in ihr neues Dasein mitbringen. Rechenschaft zu geben. In diesem Sinne habe ich die Frage vor einiger Zeit in einem Vortrage behandelt, dessen wesentliche Gesichtspunkte hier in Kürze wiedergegeben werden sollen. Jüdischer GesUltwandel Das deutsche Judentum, auf das sieh unsere Frage bezieht, ist das der Zeit seit dem Beginn der feänanzipation. In dieser Zeit hat es die geistige Führung in dem jüdischen Lebe*, von Mittel- und Osteuropa unter Einschluss von Amerika, d. h. in dem Teil der Judenheit. der ganz in die europäisch-amerikanische Welt eingegangen ist. In dieser Periode aber hat das Judentum die tiefsten Wandlungen durchgemacht, welche die Geschichte des Diaspora-Judentums kennt. Die Geschlossenheit eines geistigen und gesellschaftlichen Lebenszusammenhanges, den das Judentum bisher auch durch die Geschichte seiner Diaspora aufrechterhalten hatte, löste sich nunmehr völlig auf. Innerhalb des modernen Europa hörte das Judentum auf, eine Lebenatot&lität zu sein. Der Jude stand mit entscheidenden Momenten seines Daseins in einer ausserjüdischen Welt und blieb Jurte nur in bestimmten Lebenshezirken. Sollte das nicht zu einem völligen Verschwinden des Judentums führen, so war eine Auseinandersetzung mit dieser veränderten Situation, die Begründung eines jüdischen Lebens auf neuen Grundlagen, gefordert. In der grossen geschichtlichen Bewegung, die aus dieser Situation erwachsen ist, hat das deutsch« Judentum die Führung inne gehabt. Kinflus» des deutschen Denkens Das lag zunächst an seiner numerischen Überlegenheit. Bis in die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hinein war die Zahl der Juden in England, Frankreich, Italien, aber auch Amerika, sehr klein. Von den grossen europäischen Kulturländern hatte nur Deutschland, unter Einschluss der deutschsprechenden Teile der österreichischen Monarchie, eine Judenheit, die stark genug war, um Träger eines so eingreifenden Prozesses sein zu können. Dazu aber kommt, dass in die für die Entwicklung des modernen Judentums entscheidende Zeit vom Ausgange des IS. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die grosse Bewegung des deutschen Denken» fällt, die alle Formen und Gebiete unseres geistigen Seins aus ihren letzten Voraussetzungen zu verstehen unternimmt. Der seither für das deutsche Denken charakteristische Antrieb zur grundsätzlichen Klärung jeder Lebenssituation, zum grundsätzlichen Austrag aller geistigen Kämpfe und Gegensätze, ist auch auf döä deutsche Judentum übergegangen. Die dem ganzen modernen Judentum gemeinsamen Probleme sind hier mit dem stärksten Bewusstsein als solche begriffen und mit dem leidenschaftlichsten Eifer umstritten worden. Wegen dieser Eigenart des deutschen Judentums sind die geistigen Kämpfe, die die jüdische Geschichte der Neuzeit erfüllen, hauptsachlich in seiner Mitte geführt worden. Das gilt sowohl von dem Streit der religiösen Richtungen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, wie von dem Kampfe um die nationaljüdische Idee, der an seinem Ausgang ansetzt. Nirgends sind Bejahung und Verneinung des nationaljüdischen Gedankens mit solcher Schärfe aufeinander gestossen, nirgends ist ihr Gegensatz in solcher, man darf fast sagen weltanschaulicher Bedeutung, verstanden worden wie auf deutschem Boden. Niemand wird verkennen, dass der Prinxipieceifer hier oft zum Doktrinarismus verknöcherte, niemand leugnen, dass hinter der Radikalität des Denkens die Unbedingtheit des Willens oft weit zurüekblieb. Aber das alles nimmt der geistigen Tendenz als solchen und nimmt ihrem Ertrag nichts von ihrer Bedeutung. Ich weise im Anschluss an das zuletzt Gesagte, noch Lemberg wird von den Russen mit einem Wort auf den Verlauf der geistigen Beweg u n g im deutschen Judentum hin. Sie ist von hoch-! ster Intensität in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der sich die Auseinandersetzung mit der neuen Lebensj Situation des modernen Judentums vollzieht Dann folgt; (Ann dem Bericht einen eine Zeit des blossen Beharrens in den einmal abgeateck-j Augenzeugen.) ten Bahnen, eine Zeit ohne neue Impulse und neue Ideen, j Erst der Ausgang des 19. Jahrhunderts brachte solche< a!*r K™* •» 1 Impulse, die teüs von der unter dem Einfluss des wiedertI?H-.T,a « Ä ÜT«»" erwachten Antisemitismus entstandenen zionistischen Be- ™£ t wegung, teils von den Wandlungen des allgemeinen eurommeM und „benf««, «m päischen Kulturbewusstseins ausgingen. Das allmähliche vietch«ii Tage bekam du Anwachsen dieser Tendenzen erzeugte ei >e neue Haltung Hinterland die Bomben dem Judentum gegenüber, die eine entsprechende Ideender deutschen Flieger tu bildung forderte. So kam es zu einer zweiten Zeit innerer »puren. Da* polnische Produktivität, die an Bedeutung hinter der ersten kaum Hcer ****** dw Bile zurücksteht, und wiederum fiel in erster Reihe dem deut- I **in* Vcrtewiigungsreischen Judentum die Aufgabe zu, den ideellen Ausdruck "ur °*wrn,uchU<-h, or" für das neue jüdische Wollen, die geistigen Mittel für die ^^^J* Bewältigung der veränderten Situation zu suchen. So hat es zweimal im Mittelpunkt einer grossen jüdischen Bewegung gestanden. Insbesondere sind es drei grosse Leistungen, die das Judentum ihm zu Banken hat und in denen wein Beitrag zur Entwicklung des jüdischen Geistes: von einander Kampf' liegt. I Handlungen ausführten. Die religiösen Richtungen If» Lemberg wurden am I ersten Tage 12 Hausur Das erste ist die Herausbildung der religiöses! durch die Fliegerbomben Grundrichtungen, die einander in dem modernen ««rsttfrt, ti«r Strassen - Judentum gegenüberstehen: Der Uberalismus, die mo-; btthnvt'rkchr , ""terbroderne Orthodoxie und die zwischen ihnen stehende histothcn und w cr™r" rische Richtung haben in Deutschland ihre bestimmteste: wZVShof» war" Ausprägung gefunden, ihre theoretische Begründung erbereit» am zweiten halten und im Ganzen die stärkste Lebenskraft gezeigt) Krieg-ita«;«* nur mehr ein In den anderen europäischen Landern haben sich die Ge-j gensätze dieser Richtungen sehr schnell abgestumpft und verwischt, und soweit in Amerika von einer ähnlichen j machen Grenze »eute bekam Ofi Anfang an die Form eine» Guerillakriege», in dem groasere Verbünd« mehr [Hier weniger unabhängig Trümmerhaufen. Die Flucht nach der rumk- Entwicklung die Rede sein kann, sind ihre Führer meist deutschen Ursprungs. Es besteht in national jüdischen Kreisen vielfach die Tendenz, diese Leistung wesentlich negativ zu bewerten und vor allem in dem Liberalismus nur den Versuch zu sehen, das Judentum emamipationsfähig zu machen. Damit sind indessen Nebenmotive, die Zweifel* los vorhanden sind, weit Uber Gebühr betont. In Wirklichkeit hatte sich das Judentum seit seinem Eintritt In die europäische Kulturwelt, genau wie vorher das Christentum, gegenüber der historischen und philosophischen Kritik an dem Uberlieferten Autoritätsglauben zu behaupten; und der Liberalismus war hier wie dort der Versuch, die wesentlichen Gehalte der Religion von diesem Autoritätsbegriff unabhängig zu machen. Der judische Libe ralismus hat das mit sicherem Blick fUr das Wesentliche und Wirkungskräftige getan, und es ist ihm gelungen, aus den Uberlieferten religiösen Oberzeugungen und den gegebenen Formen des jüdischen Gottesdienstes die Elemente herauszuheben, um die sich die Gemeinde sammeln konnte. Die so entstandene Form religiösen Lebens hat sich dadurch ein Jahrhundert behauptet und einen sehr erheblichen Teil auch der gebildeten Schichten des deutschen Judentum» bei sich feilgehalten. Was diese? übe» raien BlMungsrdigiou an Ursprunglichkeit fehlt, und in] *«foJ«• NahkAmpfe welchem Masse sie im Laufe der letzten Generationen an ™MChB dl« s^flllldwÄSp* Substanz verloren hat, braucht nicht gesagt zu werden.!^ au* (,*r ^vUbw«»*- Aber man darf darüber nicht vergessen, dass sie bis zu-1 A* 2J s«nt«i«ber verletzt ein Faktor von sehr positiver Kraft im jüdischen j ltummU amM Geschüu- Leben Deutschlands geblieben ist, dass es bis zuletzt einenj fftuer plötzlich. Di« ganse Typ liberalen Judentums von wirklichem religiösen Ernst Nacht und der darauf in Deutachland gegeben hat, der nirgends so verbreitet war wie hier. <Vt/rtwtzung folgt) auch bereits in diesen ersten Tagen ein. Am 13. September, am Vorabend von ftosch Ha~ aehnnah, erreichten die deutschen Truppen die Vorstädte Ilmbergs. Die Stadt war von drei Selten umstellt und es blieb nur ein Weg nach aussen offen: nach Tamopoi. In dieser Nacht las deutsche« Geschüürfeuer auf der 8ladt, wobei die Deutschen besonders Brandbornben anwandten. Durch das Bombardement gingen das Gebäude de» Provinziai« Pin ernanntes, viele Wohnhäuser und die Kirche der heiligen Elisabeth in flammen auf. In den Vorstädten kam es su Nah kämpfen zwischen polnischen und deutschen Truppen und Bfr^TBLLKN SIE KKl HTZrJTHJ DIE „Jüdhche Welt Randichau"! Die Poet geht Jetzt «ehr langsam! Zahlstellen siehe Nr. 26 folgende Tag - der Verübend Jörn Hakippurim •-- waren ruhig. In der Stadt kamen ('*«- riiehte auf. das« 'Arnberg den Russen übergeben wird. l><\» polnische Heer geriet in Verwirrung und nahm von sich aus keine Kampfaktionen vor. Arn Abend von Jörn Kinpur erschienen die ersteil russischen Tanks in der Stadt Die Tank« v.aren geschlossen, kein

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