Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 27 (15.12.1939)
- Date
- 1939-12-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 .) V DI SC» i K W ELT K ü NDSC H A V 15. Dezember 1939 Sofia, nicht nur als Erbe von Byzanz und als Schutzmacht des pravoslavisch-griechischorthodoxen Christentums war der Besitz von Konstantinopel für Ruasiand seit Jahrhunderten da« Ziel aller Sehnsucht, sondern auch aus dem viel realeren Grunde der Beherrschung der Einfahrt ins Schwarze Meer. Nach der bolschewistischen Revolution glaubte man, das* Russland einen tiefen Bruch mit dieser traditionellen Politik vollsogen hat. Denn die berühmte Proklamation des Selbstbestimmungsrechtes der Völker durch Lenin und Trotzki im Jahre 1917 und zur Zeit des Friedens von Brest-Litowsk Hehlen jede Expansionspolitik auf Kosten kleinerer und schwächerer Völker für die Zukunft auszuschlieascn. So schien es auch, dass nach dem Weltkrieg die alte Rivalität zwischen Russland und England im Vorderen Orient geschwunden ist. Palästina selbst war früher ein solcher Punkt russischer Intercsscnpolitik, und der stolze überragende Bau der russischen Kirche in Jerusalem ist noch heute ein Denkmal dieser Aspirationen der Zaren als der Schutzvater des orthodoxen Christentums. Sowjet russland war sogar .der erste CJrosstaat, der der jungen Türkei Kemal Paschas zum Wiederaufstieg verholfen hat. Seitdem galt die russisch-türkische Freundschaft als ein Faktor der Stabilität im Nahen Osten. Erst das Jahr 1939 mit »einen ungeheueren Veränderungen aller diplomatischen Konstellationen hat auch hier einen Wandel gebracht. Die Türkei als stärkster Staat des Balknnbundes hat schon frühzeitig die Gefahr der deutschen Expansion nach Südosten erkannt, und nach der Annexion Österreichs und der Tschechoslowakei war es offenkundig, dass die Türkei ein Bollwerk gegen das deutsche Vordringen werden muss. Zu- »Ächst dachte man, dass die Türkei auch hierbei und besonders hierbei — auf die Unterstützung Sowjetrusslands rechnen kann, ebenso wie selbstverständlich auf die Unterstützung der demokratischen Groasmftehte. Nun hat sich plötzlich erwiesen, dass die Dinge anders liegen. Russland ist (ob wirklich oder zum Schein vermag noch niemand zu durchschauen) auf die Seite Deutschland» getreten und versucht von dieser diplomatischen Situation zu profitieren. Während Japan in China voll beschäftigt ist. und während Deutschland im Kriege mit England und Frankreich liegt, scheint für ein Ruasiand. das von der Losung des Selbstbestimmung recht <s nur eine Farce übriggelassen hat, die Stunde gekommen zu sein. Inzwischen ist allerdings durch den Bündnisvertrag zwischen England-Frankreich und der Türkei eine unüberhorbare Warnung erteilt worden. Auch scheint es trotz allem .unwahrscheinlich, dass Deutschland (selbst das Deutschland der heutigen Desperado- Politik) einen Vorstoss Russlands gegen den Balkan und die Meerengen begünstigen würde .....- was zu verhindern vor 60 Jahren der vereinigten Staatskunst von Disraeli und Bismarck gelungen war. Manche wollen daher in dem letzten Artikel des Völkischen Beobachter", der Stalin, dem „roten Verbrecher" von einst, — welcher Wandel der Zeiten! — die Ehrenrolle eines neuen Alexander zuweist, den Versuch einer Ablenkung vom Nahen Osten zum Mittleren Osten erkennen, d. h. man möchte Russland lieber gegen Afghanistan und Indien als gegen die Dardanellen vorrücken sehen. Die Veröffentlichungen der letzten Tage beweisen zweifellos, wie sehr man sich in den europäischen Zentren, vor allem in Berlin und Moskau, für die asiatischen Fragen interessiert, bei denen die Türkei eine Schlüsselstellung hat. Das aber ist eine Angelegenheit von Uberragender Bedeutung auch für das Hinterland der Türkei, vor allem also die arabischen Iiinder und Palästina. AU man zu Kriegabeginn mit der ZU WEIZMANNS AMERIKA-REISE Di« Reine Dr. Welsmanns nach Amerika Ist «in äussere» Symbol für dl« allf«mein empfunden« Tataach«, das« d«r Schwerpunkt de« jüdischen Leben« heute in die Vereinigten Staaten von Amerika verlegt ist. Schon «eit dem vorigen Weltkrieg hatte das amerikanische Judentum eine führende Stellung innc. Im weientlichcn Äusserte sie sich in übernahmen finanzieller Verantwortungen, sowohl für dos Hilfswerk für die europäische Judenheit als such für Palästina. Immerhin gab •« nach dem Weltkrieg noch ein starkes europäisches Judentum. Musste auch das russische Judentum im 19. Jahrhundert die stärkste schöpferische jüdische Kraft nach d«r bolschewistischen Revolution von der jüdischen Bilanz abgeschrieben werden, so blieb doch der gewaltige Komplex des polnischen Judentums in dem neugeschaffenen polnischen Staate, es blieben grosse jüdische Gemeinschaften in Rumänien, Ungarn und in den Randstaaten, und vor allem war das mitteleuropäische Judentum (Deutschland, Österreich, Tschechoslowakei) intakt. Heute iHt es anders. Die zahlenmäßig grösstc jüdische Gemeinschaft dürfte gegenwärtig wieder in Russland beisammen «ein, durch den Zuwachs des östlichen Polens, aber dieses Judentum ist jeder freien jüdisch-kulturellen Entwicklung beraubt. Ks steht unter dein Kommando des jiddischistischt'.ommunistischen Flügels. Das zweitgrosst e cum p i « c h c J u d e n 1 a n d ist nach dem heutigen Stand - paradox genug ...... das Hitler- Reich, das jetzt, hoffentlich nur vorübergehend, mehr Juden hat als Deutschland je hatte. Diu* polnische Judentum ist vernichtet, das deutsche, österreichische und tschechoslowakische Judentum steht geknechtet unter der grausamen Tyrannei des Nazismus. Bewegungsfreiheit besitzen, abgesehen von den kleinen demokratischen lindern wie Holland und Belgien, nur noch die Juden in England und Frankreich, die zwar heute von der grösaten Wichtigkeit für die Gesamtheit sind, aber schon numerisch — ganz abgesehen von der inneren Struktur — nicht ausschlaggebend sind Die westlich* Hemisphäre, verschont von den gegenwärtigen Kriegswirren, ist also das einsige Gebiet, wo jüdische Maasen ihr Leben gestalten können. Die grosse amerikanische Demokratie mit ihren natürlichen Sympathien für alle Unterdrückten, hat auch in politischer Beziehung eine grosse Bedeutung für das jüdische Volk, nicht, wie die antisemitisch« Propaganda sich darzustellen bemüht, weil die Juden «ich dort einen ungebührlichen Einfluas erschlichen haben, sondern weil in diesem aus dem Geiste der Proklamation der Menschenrechte geborenen Gemeinwesen das natürliche Empfinden für Recht und Freiheit besonder« stark ist. In der heutigen jüdischen Katastrophe hat di« Jud«nh«lt Amerikas besonders erhöhte Pflichten. Niemals haben die amerikanischen Juden sich träumen lassen, dass das von ihnen vor 25 Jahren begonnene Hilfswerk für die europäischen Kriegsopfer noch zu unserer Zelt eine Aufgab« vorfinden wird, die an Ausmaas und Schwere (•die der letzten 23 Jahre bei weitem überragt Aber sie haben nicht nur für die getretenen Brüder in Europa su sorgen, sie haben auch deren Stelle einzunehmen in der Verantwortung für das Werk der Zukunft, Als die einzige konstruktive Neugestaltung hat sich mehr als je das jüdische Nationalheim in Palästina erwiesen. Trotz allen politischen und ökonomischen Schwierigkeiten ist hier der Neubeginn eines produktiven Lebens und einer sich bildenden Gemeinschaft vorhanden, die an ideelle Werte ersten Ranges anknüpft. Das amerikanische Judentum selbst hat von Palästina her schon erhebliche Kraftströme erhalten, ohne die das jüdische Leben in Amerika verdorren würde. Dus verstehen die amerikanischen Juden immer mehr. Und gerade der Krieg mit all seinen Verwicklungen und Möglichkeiten macht es noch deutlicher. Daher ist zu hoffen, dass Dr. Weilmann, der jetzt lange nicht in Amerika war, einen gebührenden Empfang haben und ein offenes Ohr bei den amerikanischen Juden finden wird. Weizmann ist mehr als irgend ein anderer Mensch imstande, den Juden Amerikas klarzumachen, was heute von ihnen abhangt. Weite Kreise der amerikanischen Juden — freilich nicht alle — wissen die dem amerikanischen Judentum von der Geschichte bestimmte Rolle zu würdigen. Es fehlt nicht an Kritik des Verhaltens mancher amerikanischer Juden, die allen organisierten jüdischen Aktionen selbst In dieser Zeit widerstreben. Die Juden aus Deutschland sind Jetzt mehr als je mit Amerika und Palästina verbunden — dies die beiden Hauptländer der Immigration, in denen fast jeder deutsche Jude heute Angehörige und Freunde hat. Vielleicht können, nach dem Zusammenbruch de« jüdischen Zentrum« in Deutschland; dies« ausgewanderten Juden positiv bei der Entwicklung des jüdischen Lebens in diesen Landern mitwirken, nicht Indem sie sich separieren, sondern indem sie «ich eingliedern. Auch di« gross« Gemeinde der aus Deutschland (jetzt Österreich und CSR) stammenden Juden in Amerika werden die Botschaft, die Dr. Weizmann bringt, aufnehmen und, wie wir hoffen, Ihm in setner schweren und für uns alle entscheidungsvotien Arbeit helfen. Möglichkeit einer Einbeziehung Palästinas in das direkte Kriegsgebiet rechnete, dachte man an eine Verwicklung ganz anderer Art ab sie jetzt am Horizont als möglich — keineswegs noch als unvermeidlich — auftaucht. Wir haben ja. wie gesagt, in diesem Krieg mit Ueberraschungen zu rechnen. Manches kam bisher günstiger als man erwartet hatte: Der sofortige Grosskampf mit allgemeiner Zerstörung hat, abgesehen von dem bedauernswerten Polen, noch nicht eingesetzt und auch sind manche Teile ruhig geblieben, die man für schwer bedroht hielt, wir erinnerten schon an das Mittelmeergebiet. Nichts liegt uns ferner als Nachjagen hinter vagen Kombinationen. Aber vor der einen Tatsache können wir in Palästina nicht die Augen versehliessen, nämlich, dass drei Monate nach Beginn des Krieges die Möglichkeit eines Nähtr-Heranrückens der kriegerischen Auseinandersetzungen an Palästina in einer gewissen Hinsicht wieder vorhanden ist, während sich, nach den panikartigen Erscheinungen der ersten Tage (Lebensmittelhamsterei, Depositenabhebung) die Verhältnisse im Lande wieder einigermassen normalisiert hatten, abgesehen natürlich von den stark fühlbaren Ökonomischen Rückwirkungen des Krieges, Uber die wir schon bei anderer Gelegenheit gesprochen haben. Wie immer die Dinge sich gestalten mögen, die Juden Palästinas sind bereit, ihre besten Kräfte einzusetzen, wie der grosse Erfolg der Freiwilligen-Meldungsaktion su Beginn des Krieges erwiesen hat Wir glauben aber nicht, dass wir in der Zeit Alexander des Grossen leben, und dass sich in der harten Wirklichkeit Eroberungszüge so leicht ausführen lassen wie in der Phantasie von Zeitungsartikeln. Nur müssen wir, wie jede« Volk heute, damit rechnen, dass neuauftauchende Tendenzen in irgendeinem Teil der Welt auch Rückwirkungen auf andere Konstellationen haben; es ist wichtig, sich darüber klar zu sein, dass in einem höheren Masse als je zuvor die Welt heute eine Einheit bildet und jedes räumlich noch so entfernte Ereignis, sei es im äussersten Norden oder im äussersten Osten, seine Folgen auch für uns haben kann.