Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 27 (15.12.1939)
- Date
- 1939-12-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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f 1 JW% f ffl MIIKGANG ** » jüDisciniMbscHÄU ReAaktioc, Verla« and AaMlsac Verwaltung: Jerusalem P, O. B. «»9; 5, B#n Jeanda Str .. Telephon 807». Für unvrrlaurt«» Manatkripte wird kein« Garantie Übernommen. Jr<li-r Elnurndun* odur Anfrage ist *,r' l"t*rastioaaltr AntworturJMn brl*uMf*n. Zu»chriftrn für dl* K><Uktlon werde« nicht an Elni«1p«r»on»n. londern aa dl* Redaktion, Jeruaalwm. p. O » *«» *rb«M>i«- «AIJsM 15 DEZEMBER 1939 OTT. MO '3 ßrscaaliit «inmal «(kanutilcb AnMlffwiiannaiUM flr all« Lander: •M^<-hl)-««llrh J«niuü«ai P O.B. «». - AotBlh-.'ntoxlr. |.«r Luftpost cib.-t.ri ..... Dir. Arwlg.»n fcMt* »rrfÄllt In ». HpalUn. jr j.ti .i.i t.r.it. Urundpmi« 1 larJi . .:i rm »h;</. j.* h'i>«n«' MiiilataigrOua i| Ineii (3.73 r.rn». Beiufsprali* v.-rjfl. Ust« an» Hehl«*« d. iVt*ü«. KEIN „ANTI-KOMINTERN" MEHR Der russische 99 ABER VERSTÄRKTE PROPAGANDA GEBEN DAS JUDENTUM Vorstoss Der deutsche Nationalsozialismus bedient »ich auch heute dea Antisemitismus als eines Mittels des politischen Kampfes zur Zersetzung der Moral und Ordnung anderer Staaten Er geht dabei von der Annahme aus, daas antisemitische Instinkte oder Neigungen in fast Jedem Volk geweckt werden können und das» dadurch die deutsche Wühlarbeit einen günstigen Boden findet. Mit welcher zynischen Verlogenheit dabei zu Werke gegangen wird, geht am deutlichsten aus dem beliebigen Wechsel der jeweils ausgegebenen Parolen hervor. Den Gipfel erreichte diese Methode freilich in dem Kurswechsel gegenüber Russland, das bisher als Domäne der Juden und als "Vorkämpfer der Jüdischen Weltherrschaft" dargestellt worden war. Der Bolschewismus wurde fast niemals ohne das Beiwort „Jüdisch" erwähnt, und man hat in Deutachland „antibolschewistische Ausstellungen" veranstaltet, in denen widerliche antisemitische Rüpeleien das Kernstück bildeten. Das muss Jetzt anders werden. Aber auch da kennt man keine Bedenken. In der Zeitung „Republikaner" in Mulhouse (Elsass) finden wir eine Anweisung des deutschen Propaganda- Büro s an den unter der Leitung des aus dem Berner Protesa um die „Weisen von Zion" als Nazi - „Sachverständigen" bekannten Oberst Fleischhauer stehenden Nachrichtenbüro „Welt- Dienst" abgedruckt, worin e* u a. he'.sai: „Jedwede Angriffe gegen Mitglieder der russischen Regierung sind selbstverständlich zu unterlassen. Welterhin sind die Angriffe gegen den Kommunismus als solchen nach und nach abzuschwächen und schliesslich ganz fallen zu lassen. Dagegen sind die Angriffe auf das Judentum zu verschärfen und in der Behauptungsrichtung fortzuentwickeln, das Judentum habe »eine Chancen b«i Stalin verschwinden sehen und sich nunmehr resolut den westkapitalistischen Demokratien zugewendet, deren Imperialismus auffrcstnchelt und schliesslich zum Zwecke der Vernichtung der beiden grossen Volksstaaten Deutschland (das schon vom Judentum emanzipiert sei) und Russland (dessen Führer die Gefahr der neukapitalistischen Wiederverjudung rechtzeitig erkannt und «rstsprechend gehandelt habe) einen europäischen Krieg entfesselt habe. Russland und Deutschland wollten diesen Krieg für Jüdischkapitalistische Interessen nicht... Die Neutralen müHsten dazu beitragen, selbst eine antlJüdische Koalition zu bilden Im folgenden finden wir den klassischen Satz: „Der demnächstige Ausfall des Kommunismus tüs PropmtaiuLa-Zu4»che\bc ist durch erhöhte Propaganda gegen den jüdisch-demokratischen ^deutlichen Kapitalismus auszugleichen." Man soll auf Jüdischer Seite die Gefahren dieser skrupellosen Propaganda nicht unterschätzen. Denn immer gibt es noch Millionen Menschen in andern Landern, die solrh«n Giftatoff gläubig aufnehmen und nicht ahnen, dass sie nur mlsabrauchte Werkzeuge einer teuflischen Irreführung sind, die heute diese und morgen jene Parole durch die tausende Kanäle ihres raffinierten Apparates in die Welt setzt. UM DIE GLEICHBERECHTIGUNG Die polnische Regierung, die im Exil in Paris gebildet wurde, und die im Exil befindlichen führenden Männer der früheren Tschechoslovakei haben eine Reihe von Erklärungen über ihre zukünftigen Pläne abgeffeben, worin auch der Judenfrage gedacht **'ird. Von beiden Regierungen wird erklärt, dass in Zukunft in ihren Staaten, die nach dem Krieg neu erstehen werden, da» Prinzip der Gleichberechtigung aller Bürger ohne Unterschied der Rasse und Religion strikt durchgeführt werden wird. Von Seiten der tschechischen Führer — hier kommt in erster Linie Dr. Benesch in Frage — bedeutet diese Erklärung nichts anderes als ein Festhalten an Prinzipien, die in der ischechoalovakischen Republik, solange sie selbstständlg war, stets beachtet worden sind, und ein Versprechen, dass die durch das Hitler-Regime im sogenannten "Protektorat" gegen den Willen der Mehrheit der tschechischen Bevölkerung eingeführten antijüdischen Gesetze nach Beendigung dieses "Protektorates" wieder aufgehoben werden Das Versprechen der polnischen Regierung würde bedeuten, dass Polen Ernst macht mit der Durchführung der Verpflichtungen, die der gewesene, in Versailles geschaffene polnische Staat gegenüber den Minderheiten übernommen hat. Nichts wäre für das jüdische Volk erfreulicher als wenn auf dieser Basis den Juden Gelegenheit gegeben wurde, an dem Wiederaufbau des polnischen Staate* mitzuwirken. Die erwähnten Erklärungen, die von den Juden gewiss dankbar aufgenommen werden, dürfen uns jedoch nicht verleiten, die Augen vor der Tatsache zu verschliefen, dass trotz dem gut« Willen der führenden Staatsmänner der genannten Völker das Judenprobiem in ihren Gebieten nicht ohne weiteres verschwinden wird. Unter der Hitler'schen Herrschaft werden Jetzt schon vollendete Tatsachen in Bezug auf die Stellung der Juden geschaffen, die zum Teil sich als» sehr schwer reparabel erweisen werden. Man den«* nur an die tiefgreifenden wirtschaftlichen und sozialen Umschichtungen, garnicht zu reden von den BevölkcrungsverschiebunKen, Vertreibungen usw. Auch ist nicht vorauszusehen, wie nach längerer Dauer des Krieges die Verhältnisse in diesen Ländern wirkiieh sein werden. Die Judenfrage ist ja nicht nur eine formale Rechtsfrage, sondern eine Frage der wirtschaftlichen und sozialen Einordnung. Es wäre also vorn judischen Standpunkt unrichtig, sich einem Optimismus in Bezug auf die Möglichkeit d«r Wiederherstellung früherer Verhältnisse hinzugeben. In jedem Fall wird die Judenfrage noch nach dem Kriege eine umfassende Neuordnung erfordern und dies« Neuordnung wird nicht ohne aktive Mitwirkung der Juden vorsichgehen können. Darum ist es heute von entscheidender Wichtigkeit, dass sich «ine öffentliche Meinung und ein klarer Wille in der Judenheit bildet, urn, wenn die Stunde kommt, den Erfordernissen gewachsen zu sein. Die politischen Verhältnisse in Europa stehen im Zeichen des Kriege«. Da» bedeutet eine Verwandlung aller Dinner geltenden Begriffe von Stabilität. Die Welt ist in Bewegung, und in allen Berechnungen, die man aufstellt, ist noch in weit höherem Masse als sonst ein Faktor der Unsicherheit. Wo so viele Mächte und Tendenzen zusammenwirken, ist niemals genau vorher zu sehen, in welcher Richtung die Dynamik der Ereignisse wirken wird. Wir müssen immer auf Überraschungen gefasst sein. Als der Krieg begann, meinten die meisten Leute in Palastina, das« das Mittelmeer eine der unsichersten Wasserstrassen sein wird, man sprach sogar davon, dass der englische Seeweg nach Indien um Südafrika herum führen wird. Man befürchtete daher für Palästina eine viel grössere Isolierung als in Wirklichkeit eingetreten ist. Palä- 01 i na, von dem man meinte, es würde Kriegsgebiet werden, ist zunächst verschont geblieben. Dagegen hätte zu Beginn des Krieges wohl niemand daran gedacht, dass F i n n i a n d, ein friedliches und neutrales Land im Norden, das Ziel eines bewaffneten Grossangriffes sein wird. Und wer weiss, was die nächnte Überraschung sein wird. Das aktive Vorgehen Russlands ist ein neues Element von weittragender Bedeutung nicht nur I für Europa, sondern, wie es scheint, auch für Asien. In diese Richtung weisen die Veröffentlichungen der letzten Tage, die Äusserungen der führenden russischen Blätter und ein von der englischen Presse viel beachteter und viel kommentierter Artikel des ,.Völkischen Beobachter", der von einem bevorstehenden russisch - türkischen Krieg spricht. Man muss gestehen, dass diese Andeutungen etwas für sich haben. Denn der türkische Aussenminister hat in Moskau, ebenso wie die finnische Delegation, die russischen Forderungen zurückgewiesen; jetzt wird in Finnland von Russland vordemonstriert, wie auf eine solche Zurückweisung reagiert werden kann. Es ist möglich, dass die russischen Vorstösse sich in nächster Zeit, wie von der russischen Presse gedroht wird, nach Süden richten, d. h. gegen den Balkan (Rumänien), vielleicht gegen die Türkei, wenn wir jetzt ganz von den vom „Völkischen Beobachter" vorausgesagten russischen Angriffen auf Afghanistan, Persien und Indien absehen wollen. Das Russland Stalins hat längst in einer neuen Form und mit einer neuen Ideologie die traditionelle Expansionspolitik der Zaren wieder aufgenommen und der russisch-türkische Konflikt durchzieht ja das ganz«» 19. Jahrhundert. Russland betrachtet das Schwarze Meer als seine Domäne und weiss sehr wohl, dass die Zufahrt zu diesem Meer von den Dardanellen beherrscht wird. Nicht nur wegen der llagia