Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 309 (sequence 69)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus Briefen. 309 gar nichts gethan: so ist das eine Heruntersetzung der Person und eine Verhöhnung ihrer Verehrer, wie sie ärgernißgebender, derletzender, empörender nicht gedacht werden kann. Es ist an sich schon unzart, den, welcher Tausenden in unserer Umgebung als der Menschen größter, heiligster, edelster gilt, so zur Nullität herabzuziehen, aber auch vermessen, ein solches wegwerfendes Urtheil auszusprechen, von welchem doch die Möglichkeit, daß es sich anders verhalte, den, welcher als '71 ילא auch יי־־יא חטא ist, zurückschrecken sollte. Verehrtester Herr Doctor — ich liebe Israel, ich verfolge mit Liebe auch dessen nachchristliche Geschichte, ich verweile mit Be- Wunderung bei solchen Größen, wie der eines Akiba — warum verletzen Sie das religiöse Gefühl der Christen durch solche stiletartige Worte? Thun Sie das nicht mehr! Die moderne Weltanschauung verübelt Ihnen zwar dergleichen nicht, aber der Gott dieser ist es nicht, welcher uns dereinst richten wird. Ich habe seiner Zeit den Erlaß des Oberkirchenraths in Berlin für unzutreffend gehalten, indem er dem jüdischen Volke eine gleiche Stellung zur Person Jesu wie dessen Zeitgenossen einräumte. Aber in der That — die oben eitirten Aeußerungen über den, welchen wir Christen als den Knecht Jahve's verehren, den das große Trostbuch Jes. 6. 40—66 zeichnet, klingen mir noch zehnmal schauriger als das Crucifige. In der Hoffnung, daß Sie dieses freimüthige Wort so freundlich aufnehmen als es gemeint ist, verbleibe ich Ihr ergebenster Prof. Dr. Delitzsch. Anwort vom 18. Juli. Sehr geehrter Herr Doctor! Sie haben Wohl selbst kaum erwartet, daß Ihre turzen Worte einen besondern Eindruck auf mich machen werden. Ich darf von Ihrer Einsicht das Urtheil voraussetzen, daß ich meine Auffassung über Jesus und das Christenthum nicht von den Hecken aufgelesen habe, sondern daß es das Resultat ernster Studien ist. Niemals habe ich jedoch Veranlassung genommen, mich eingehend für die Oeffentlichkeit darüber auszusprechen, sondern höchstens gelegentlich, wenn es — wie etwa in meinen Vorlesungen — der