Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 290 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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290 Umschau. eignete. Er verachtete den pöbelhaften gesunden Menschenverstand, die allen Menschen gemeinsame Vernunft, die aus sich selbst die Wahrheiten schöpfe. Nein! Die Vernunft ist voll Widersprüche, sie gelangt nimmer zu einem Gotte, ohne ihn entbehren zu können, nimmer zu einer Schöpfung aus Nichts, da sie über den Satz: ״aus Nichts wird Nichts", nicht hinaus kann, und kann dennoch das Entstehen und Werden nicht erklären, sie sucht für alle menschlichen Handlungen die Ursachen und nöthigenden Bedingungen auf, muß die absolute Freiheit des Willens verwerfen und kann ihrer doch nicht enträthen. Lauter Antinomieen und Widersprüche, an denen sie scheitert, mit deren Erkenntniß sie das Vernichtungsurtheil über sich aussprechen muß. Wahrheit ist eben gerade was der Vernunft und ihren Schlüssen widerspricht, und geschöpft kann sie nur werden aus einer übernatürlichen Offenbarung. Damit hatte er einen Standpunkt gewonnen, der seine speculative Begründung und zugleich seine dichterische Weihe erlangt zu haben schien und ganz seinen persönlichen Neigungen entsprach. Offenbarung in der nacktesten Bedeutung des Wortes, das war die Lösung des Räthsels, und dennoch wieder nicht in ihrer wörtlichen Auffassung. Denn Offenbarung will nach wörtlichem und geschichtlich festgestelltem Sinne besagen, Gott habe sich offenbart, sei dem Menschen wahrnehmbar geworden, wie die Anklänge in den jüdischen Quellenschriften sie durch נראה und נגלה ,מראהו und גילוי טוכינה wiedergeben. Das war jedoch für Steinheim Heidenthum und Christenthum; in der Polemik dagegen verwarf er die Wahrnehmung durch das sinnliche Auge, das die Vermittelung für alle blos irdische Erkenntniß in sich schließe. Nein! Die Offenbarung war ihm nicht das Offenbarwerden, sondern das Offenbarmachen, die Mittheilung der Lehre an das Ohr. Er schloß sich dem rationalisirenden Deuteronomiker an in dem Ausspruche: Stimme der Worte vernähmet ihr, sähet nicht Gestalt, nur eine Stimme (4, 12 vgl. V. 15). Sie bezeugt sich durch ihre Entschiedenheit, mit der sie eine innere Konsequenz durchführt, aber gerade den Schlüssen der Vernunft voll und unzweideutig widerspricht. St. hatte nun etwas für sich, eine Philosophie, eine Offenbarung, ein Judenthum, die seine eigene Schöpfung waren und die er dennoch der ״Synagoge" als ihren ״Lehrbegriff" zuschrieb, einen Weg des Heiles, den er selbst gehauen und den doch die ganze