Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 291 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Umschau. 291 Menschheit beschreiten müsse, wenn sie sich aus den gemeinen Irrgangen retten wolle. Bei dieser Befriedigung seiner gewaltsamen vornehmen Ansprüche bemerkte er es nicht, daß er mit dieser Aufstellung eines Glaubens, der der Vernunft widerspricht, mit der Behauptung, daß die Wahrheit desselben gerade durch diesen Widerspruch bezeugt werde, mit der Annahme des Satzes: ich glaube, weil es widersinnig (ad8urckuw), gerade den Weg, welchen das Judenthum im Laufe der Jahrhunderte festgehalten, immer entschiedener betreten hatte, vollständig verlassen und in das Lager des Christenthums geistig übergetreten sei. Er hatte keine Kenntniß davon, daß alle Denker innerhalb des Judenthums vom Deuteronomiker an immer darauf ausgingen, dessen Uebereinstimmung mit der Vernunft nachzuweisen, dessen Inhalt zu verinnerlichen, die Art der Uebermittelung an die ersten Träger und Verkünder zu vergeistigen, daß die naiven Gläubigen vor dem Wunder nicht zurückschraken, nicht vor dem Zugeständnisse, daß die Vernunft unzureichend sei zur vollen Erkenntniß, wohl aber vor dem Gedanken, daß ihre Wahrheiten vernunftwidrig seien. Er kannte blos die Entwickelung des Judenthums von Mendelssohn an, und er scheute in einem Briefe an mich aus den dreißiger Jahren den Ausspruch nicht: ״Mendelssohn war ein beschnittener Heide"; er würde dieses Urtheil sicher noch entschiedener auf Saadias, Aben Esra, zumal auf Maimonides, kurz auf alle Heroen des Judenthums ausgedehnt haben, wenn — er sie gekannt hätte. Auf die zeitgenössischen Reformversuche blickte er geringschätzig hernieder, weil sie ihrem speculativen Inhalte nach ein Product des von ihm verabscheuten Rationalismus waren. So konnte von ihm weit eher der Ausspruch gethan werden, er sei ein judaisirender Christ. Denn in der That stand er, bei all seinem gluthvollen Kampfe für das Judenthum und gegen Heidenthum-Christenthum ganz außerhalb des Judenthums. Er wandte den jüdischen Reformbestrebungen nur insoweit den Rücken, als sie nicht auf gleichem speculativen Boden mit ihm standen, aber in den praktischen Consequenzen ging er weit über sie hinaus ohne alle Berechtigung. Ihm, dem die durch das Ohr vermittelte Offenbarung allein Wahrheit war, für den sie ihre Bewährung durch die Faustschläge fand, welche sie der Vernunft versetzte, ihm der dichterisch als romantischer Sieger einherschritt in dem Bewußtsein Opfer und Priester zugleich zu sein, der den Schmerz der Entbehrungen in den Mantel trotzigen Stolzes 19*