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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1872-01-01 · 4 (1872) · p. Seite 289

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
10 (1872)
Issue
4 (1872)
Date
1872-01-01
Page
Seite 289 (sequence 49)
Language
German
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Umschau. 289 und religiöse Genossenschaften errichtet, woran sich ohne Rücksicht auf den persönlichen Werth Bevorzugungen und Zurücksetzungen knüpften. Diese willkürliche Scheidewand nach allgemeinen Kategorieen mußte ihm um so widerwärtiger sein, als er sich auf sich selbst gestellt, nicht als Glied einer Gesammtheit, in die ihn die Geburt gesetzt, fühlte. Bei der Selbstständigkeit seines Charakters entwickelte Dies in ihm einen edlen Trotz, einen mit herbem Beigeschmack versetzten Unmuth. Dieser Unwille war ein persönlicher; ihn kränkte, daß ihm, dem Manne geistigen Adels, die erbärmliche Gewöhnlichkeit ihre Vorrechte entgegenhalten dürfe, weniger kränkte ihn, daß der ganzen Genossenschaft, der er angehörte, das Recht verkümmert werde. Wenn er es dennoch empfand, daß er darunter leiden mußte, weil er dieser Genossenschaft angehörte, so zog ein edler Stolz ihn zu dieser hin, nicht sowohl zu der der Gegenwart als vielmehr zu der aus alter Zeit herüberragenden, er nannte sich ein Reislein, ein gesundes, vom Stamm des alten Bundes. Als Denker, der das Bedürfniß nach Harmonie in seiner Lebensstellung mit seiner Ueberzeugung empfand, warf er seinen Trotz auch dem Christenthume entgegen, stieß es als Heidenthum von sich und betrachtete es mit Widerwillen. Umgekehrt fühlte er den Drang, sich dem Judenthume anzuschließen, ganz und voll. Dern Judenthume, aber er kannte es nicht, er lebte eigentlich außerhalb desselben und hatte nicht die Fähigkeit sich mit dessen Quellen vertraut zu machen, weil er — und das ist seine einzige Aehnlichkeit mit Philo — des Hebräischen fast gänzlich unkundig war, von seiner inneren Geschichte keine Ahnung hatte. Und dennoch redete er sich ein, ein begeisterter Anhänger des Judenthums zu sein, nicht blos weil es die Einheit Gottes, die Schöpfung aus Nichts, die sittliche Willensfreiheit u. A. verkündete, sondern weil es diesen Glauben als Offenbarung lehrte. Offenbarung! Diese Thatsache sollte ihn über alle quälenden Bedenken emporheben, sollte die Berechtigung für sein Ausharren in dem Schoße der angeborenen Gemeinschaft bilden, der er doch eigentlich entfremdet war, sollte seinem Stolze genügen, ein Mitträger und Mitstreiter für ewige Heilswahrheiten zu sein, die allein das Eigenthum, das alte Gnadengeschenk des Stammes seien, dem auch er angehörte. Offenbarung war das Wort, das seiner exclusiven aristokratischen, daher auch romantisch schillernden Natur Llerteljahresschrist X 4. 19

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