Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 288 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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288 Umschau. Vergessenheit hingegeben. Doch auch dieser Erklärungsversuch ist nicht zutreffend. Steinheim war, wie bemerkt, im Gebiete des Judenthums nicht lediglich Philosoph, er war auch Vertreter der bürgerlichen Gleichstellung, war auch sinniger Dichter. Und ist auch unsere Zeit seit lange nicht speculativ-philosophisch gestimmt, neigen sich auch die wissenschaftlichen jüdischen Bestrebungen mehr der geschichtlichen Forschung zu, so wird doch dem schöpferischen Denker nicht die ehrende Beachtung entgehn; Wohl sind die Philosophen nicht mehr als Gebieter im Reiche des geistigen Schaffens mit unbestrittener Macht bekleidet, dennoch schart sich ein Kreis von Verehrern und Jüngern um sie. Auch Steinheim würde nicht, weil er Philosoph, verdrängt worden sein, vielmehr würde der Glorienschein der Verehrung sein Haupt umspielen, je mehr er dadurch sich von den gangbaren Bestrebungen abgehoben und je energischer er in Abweichung von den üblichen Vorstellungen seine eigenthümliche Richtung, und zwar mit glänzendem Geschicke, vertreten hat. Daß Steinheim's Name nicht in den Gedenktafeln der Herzen und der Geschichte mit goldenen Buchstaben prangt, muß in andern Umständen begründet sein, muß in ihm selbst, in seiner Geistesrichtung und in seinem Wollen liegen. Fassen wir ihn in Kürze etwas schärfer in's Auge! Persönlich bin ich mit Steinheim nie zusammengetroffen, auch schriftlichen Verkehr hatten wir nur spärlich in den dreißiger Iahren, der dann einging; von St.'s näheren Bekannten, die auch mir mehr oder weniger nahe gestanden und stehn, habe ich über ihn genauere Nachrichten nicht eingezogen. So gebe ich denn mein Urtheil über ihn vorzugsweise nach Beobachtungen aus der Ferne, nach Schlüssen, wie sie aus dem öffentlichen Auftreten, aus dem schriftstellerischen Charakter des Mannes gezogen werden dürfen, und danach ergiebt sich mir etwa das folgende Bild von ihm. Steinheim war eine anspruchsvolle aristokratische Natur. Hervorgegangen aus einem bescheidenen Kreise, fühlte er sich bald durch innere reiche Begabung wie durch äußere Lebensstellung hoch emporgehoben über diesen engeren Kreis, dem er angehörte und der beengt in seinen Beziehungen wie in seinen Anschauungen war. Der Jüngling wie der Mann war in den Studienjahren wie in beruflicher Thätigkeit verbunden mit tüchtigen, einflußreichen, ja bedeutenden Männern, genoß deren Achtung und Freundschaft und stieß dennoch oft an einer Schranke an, welche die Einteilung in Stände