Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 254 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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254 II. Geld ober Geist. zwickten Gedanken und den rohen Empfindungen; beruhigt euch, ihr Brüder rechts, wir werden keine Satzung angreifen, keine Gesinnung erwecken, die sich nicht der Parole des Schulchen aruch oder Isaak Luria's adjustirt, wir wollen blos den Hunger des Magens, nicht den des Geistes stillen, die Leiber nähren, nicht die Gedanken, die brutale Knechtschaft der Körper lockern, nicht die der fanatischen Unwissenheit. Hier auf diesem Leichenfelde finden wir uns alle friedlich und einig zusammen, wie — auf jedem Friedhofe. Hat solche Gesinnungslosigkeit die Juden Deutschlands befreit, ihnen den Primat erobert und die maßgebende Stimme gewonnen? Nein und abermals nein! Die Saaten, die auf dem Geistesfelde ausgestreut worden, haben tausendfältige Frucht getragen, der Ernst, der Kampf, die Vertiefung, die kühne Ueberzeugungstreue auf diesem Gebiete haben die Kraft geweckt und gestählt; nur die freie Wissenschaft hat Deutschlands Juden groß gemacht, hat sie zur Herrschaft auf dem einzigen Gebiete, das dem Judenthume gebührt, auf dem des Geistes zum weithinreichenden Einflüsse geführt. Lasset die Glaubensgenossen anderer Völker in Machtentfaltung arbeiten; es mag ihrer Individualität entsprechen. Unsere Aufgabe ist vor Allem die Geistesarbeit in Geistesfreiheit. Die Wissenschaft, die Thorah der Wahrheit muß von dem deutschen Zion ausgehn; es wäre Verrath an seinem Berufe, ihm diese Aufgabe zu verkümmern. Und die Wissenschaft gedeiht nicht in schwebelnder Unklarheit, in kränkelnden Compromißversuchen; ihre Lebenslust ist Freiheit, Klarheit. Nicht die Engherzigkeit schafft Leben, nicht Schwächlichkeit erzeugt Kraft, die Romantik ist nicht die Mutter der Wahrheit. Was wir mit ächtem Geiste schaffen, das kommt der Gesammtheit der Juden, der Menschheit zu Gute. Nicht die Brosamen der Unterstützung nähren, aber die reichen Geistesquellen, die eröffnet werden. Für sie müssen die Mittel dienstbar gemacht werden. Wer nicht zu solchem Zwecke seinen Beitrag geben mag, der mag abseiten stehn und für andere wirken; wir wollen sein Geld nicht. Wir aber wollen und müssen unsere Kräfte diesem einzig heilsamen Streben weihen. Bildung, Erkenntniß, Wissenschaft, Geistesfreiheit und daraus ächtes verjüngtes Judenthum, das bleibt unser Feldzeichen, an diese Fahne ist und bleibt der Sieg geknüpft. 22. Juli.