Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2420973-2421013-2421016--3174-2424588- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
II. Geld oder Geist. 253 der Wahrhaftigkeit, die Lüge wird blos leise geflüstert. Doch nein, dem ist nicht so, die Lüge bleibt auf dem Throne, die Wahrheit verkriecht sich. Wieder in einer, anderen Gemeinde war der Geist geweckt, Wohl unter Noth und Mühe, aber im schönsten Vorwärtsschreiten; die Gemüther wurden belebt, überwältigt, mehr und mehr versöhnt. Aber Personen wechseln, der Wind dreht sich etwas. Ein Flüstern geht durch die Reihen, ein schwächlich bängliches; Friede, Friede, wird zugezischelt, und doch kein Friede, äußere Glättung, nicht innere Uebereinstimmung. Einheit in äußern Prachtdenkmalen, Entzweiung in jeder einzelnen Seele, ein Nebeneinander von Altem und Neuem, Menschenopfer-Erinnerung und doch keine Billigung, thierischer Opfer Gedächtniß und doch kein Verlangen ihrer Wieder- Herstellung, Küssen der Jerusalem-Trümmer und doch keine Sehnsucht danach. Aber fügt nur immerhin an einander mit großen und kleinen Buchstaben den neuen und den alten Text, umklammert sie äußerlich; die Seelenharmonie schaffet ihr nicht, die lebendige Theilnahme weckt ihr nicht. Ein Frösteln zieht durch die Glieder; es wird so still, das Antlitz so bleich, — doch so ist es opportun. Sind solche Zustände haltbar? vermögen sie den Wogen der Zeit irgend eine berechtigte Geistesmacht entgegenzustellen? kann aus ihnen ein Leben erblühen, das den ächten Frieden mit der mächtigen Gedankenentwickelung herbeiführt? kann das Judenthum also mit geistigem Gehalt eintreten in die lebendige Strömung der Gegenwart, Mitwirken an der Verjüngung der Menschheit? Doch was thut's? Wenn man sich nur zusammenhält. Euer Bewußtsein nährt, so ruft man uns zu, indem ihr eure Blicke in die Weite schweifen lasset, umfasset alle Brüder, die Juden Asiens wie Afrikas, Rumäniens und Rußlands, entfaltet eure Macht, steht auf im Kampfe Wider alle Gewaltthat. Machterweiterung ist die Parole des Tages, und zum Kriegführen braucht man immer und immer Geld. Also sammelt, sammelt und besieget mit diesem gesammelten Heereskörper alle mittelalterliche Barbarei. Möge es gelingen. Aber das Mittelalter überwindet man blos, wenn man es in seinen Gedanken bewältigt, nicht wenn man gegen einzelne seiner nothwendigen Auswüchse zu Felde zieht. Gerade diesen Ernst scheucht man zurück. Seid uns gegrüßt, liebe Brüder, so spricht man gar human, aber unverständig und daher inhuman, seid uns gegrüßt mit den Ringellocken und im Chassidimstübel, mit den ver-