Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Stille Gedanken. 249 tete Anschauungen über Judenthum und Christenthum mit solcher Zuversichtlichkeit wiederholen. Wie man von dem Judenthume sagen kann, es habe ״nie etwas Anderes sein wollen als die Religion eines bestimmten Volkes, unter allen andern auserwählt", gegenüber den bestimmtesten prophetischen Aussprüchen wie: ״Viele Völker werden sich Gott anschließen und sie werden Mir zu einem Volke sein" (Zach. 2, 15) oder ״dann wandle ich den Völkern eine reine Lippe, daß sie alle den Namen Gottes anrufen, um Ihm einmüthig zu dienen" (Zef. 3, 9) oder ״dann wird Gott König sein der ganzen Erde, an jenem Tage ist Gott nur Einer und sein Name nur einer" (Zach. 14, 9) und ähnlichen, ist mir unbegreiflich. Allerdings trat es als die Religion eines bestimmten Volkes aus, welche andere Völker nicht theilten; das war dem allgemeinen Charakter des Alterthums entsprechend, aber auch in hohem Grade fruchtbringend, nicht nur da nur so reine religiöse Ideen, möglichst unberührt von trüben heidnischen Einflüssen, sich entwickeln konnten, sondern auch weil nunmehr ein volles Geistesleben, wie es einem frisch und kräftig treibenden Volksgeiste eigen ist, die religiösen Anschauungen durchdrang. Dem Christenthume ward die Ablösung von dem einzelnen Volksthume nur möglich, weil eben in dem Judenthume, dem es sich entrungen, die Vorbedingungen gegeben waren, Proselytenthum, d. h. der Zutritt einzelner fremder Volksgenossen oder ganzer Völker — wie der Jdumäer — damals bei ihm sehr im Schwünge war, ein Zeichen, wie es von der Exclusivität sich befreit hatte. Das Christenthum wurde dann in die Heidenwelt hinausgedrängt, weil es innerhalb des Judenthums nicht den genügenden Anklang fand, d. h. weil man sich zur Emporhebung einer Person über das natürliche Maß nicht verstehen konnte, während das Heidenthum dafür durch seinen Götter- und Halbgötterglauben empfänglich war. Dabei hat das Christenthum von seiner Entstehung unter krankhaften Zuständen jene kränkelnde Blässe der Weltverachtung, der Sündenzerknirschung, der Selbstaufgebung — Alles in der unwahren Uebertreibung — als dauernden Besitz empfangen, und es kann niemals seine Vergötterung eines einzelnen Menschen, seinen Abschluß der Weltgeschichte zu einer bestimmten längstvergangenen Periode, seinen Gegensatz gegen jede tüchtige und selbstständige Geistesentwickelung aufgeben, es inflcirte und inficirt mit diesem Krankheitsstoffe und muß daran untergehn. Wenn Paulus, hinausgestoßen aus dem Judenthume, für die