Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2420973-2421013-2421016--3166-2424580- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I. Stille Gedanken. 245 erwartet hätte. Dieser ״Zufall der Geburt", der Sie zu einer bestimmten Zeit, in bestimmter Umgebung, unter bestimmten Verhältnissen erstehen ließ, macht Sie eben zu einem bestimmten Menschen, während Sie, wenn alle diese Umstände anders gewesen wären, gleichfalls ein anderer geworden wären. Wenn Sie ״zufällig" 100 Jahre früher in die Welt getreten wären, wären Sie sicher nicht der, der Sie heute sind; Sie hätten auch ״zufällig" nicht in Deutschland, an dem Orte und von diesen Eltern geboren werden können, da wären Sie es eben nicht, sondern ein anderer Mensch. Auch der Staat ist eine solche Zwangsjacke, aber Niemand wird verkennen, daß das Volk, dem er entsprossen, ihm alle seine geistigen Güter übergeben, seinen Geist ihm eingeprägt, sein Ringen ihm überliefert, daß er mitten inne steht und die Aufgabe hat milzuwirken und zu spenden wie er empfängt, daß er ein Glied von ihm ist. Der Unbefangene wird darum ebensowenig die Schwächen und Unvollkommenheiten des eigenen Volks- und Staatslebens übersehen wie er die Vorzüge und Leistungen anderer nicht verkennen wird; aber ungerecht ist die vermeintliche Unbefangenheit, die den Stab über das Ganze bricht und sich viel dünkt mit dem Verwerfen und Bespötteln dessen, worin man dennoch in Wahrheit wurzelt. Man kann Staat und Volk mit andern vertauschen, wie man das auch mit der Religion machen kann, doch veranlassen meistens zu Beidem mehr äußere Umstände und persönlich geschichtliche Nöthigungen, nicht volle innere Ueberzeugung. Man kann sich nicht Volks- und staatslos machen, die reine Menschenabstraction, die sich aus der Gesellschaft und aus der Geschichte hinauswirft, ist, wenn sie sich in gegebenen Verhältnissen realisiren will, eben ein Unding, und im Grunde ist es nicht viel anders mit der Religion und der Religionsgemeinschaft. Ja, man wird in ihr geboren, erhält von ihrer Geschichte und der Gemeinschaft ihrer Bekenner unwillkürlich, meist auch mit eifriger Beflissenheit, Gedanken- und Gemüthsrichtung, stößt zuweilen mit ihr gegnerisch zusammen, aber ist sich kaum dessen bewußt, welche reiche Schätze man andererseits ihr verdankt, die man ganz still sich zu seinem Eigenthume gemacht, ohne dessen zu gedenken, woher man sie empfangen. Man kann in unserer Zeit ״religions- oder confessionslos" sein; wo sind aber die Scharen Intelligenter, die dieser Fahne folgen? Ich denke, es ist ein unabweisbares Gefühl,