Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 10 (1872)
- Issue
- 4 (1872)
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 I. Stille Gedanken. Befriedigung. Nicht minder interessirte mich das mehr abfällige über ״den eigentlichen Kern meiner Schrift". Allerdings mag uns hier eine tiefe Kluft trennen, die nicht überbrückt werden kann, es wird auch der Versuch einer eingehenden Widerlegung die beiderseitigen Ueberzeugungen nicht umwandeln, und dennoch fühlt ein Jeder den Drang sich auszusprechen, seine eigene Auffassung klarzulegen. Sie meinen nun freilich von vorn herein den Anspruch, daß Ihre Ansicht als die richtigere zu betrachten sei, damit zu begründen, daß Sie der Meinung sind, derjenige welcher sich nicht einbilde, aus innerer Anregung Jude oder Christ zu sein, sondern in der bestimmten Religionsform, als deren Bekenner er betrachtet wird, nichts sehe als die Zwangsjacke, in welche ihn der Zufall der Geburt gesteckt und in welcher ihn eine unvollkommene Gesetzgebung erhält, der beurtheile diese Dinge jedenfalls unbefangener und daher aller Wahrscheinlichkeit nach richtiger. Gegen diese Aufstellung habe ich nun ein psychologisches und ein historisches Bedenken. Das erstere besteht in Folgendem: Wer mit überkommenen Anschauungen, in denen er selbst eine Zeit lang gelebt hat, bricht, liebt es nur zu oft, den Bruch so gründlich wie möglich zu vollziehen, auch dorthin auszudehnen, wo er unberechtigt ist; er gefällt sich in seiner vermeintlichen Unbefangenheit so sehr, daß er absichtlich die Augen vor dem Richtigen verschließt, das er mit dem Falschen verwirft; es schmeichelt der Eigenliebe gar sehr, sich emporgehoben zu wissen über Vorurtheile, daß man auch Gesundes in diese Rumpelkammer wirft. Die Geschichte der menschlichen Geistesentwickelung lehrt es uns vielfältig, daß bei einem Umschwünge, dem eintretenden Kampfe gegen das Alte diesem auch in seinen edlen Theilen der Krieg erklärt wird. In neuester Zeit belehren uns über diesen Punkt die socialistischen Bestrebungen zur Genüge. In Beziehung auf Judenthum, dessen Macht eine ausschließlich innerliche ist, ist es so ungemein leicht sich von jeder Anhänglichkeit daran loszusagen, daß die vermeinte Unbefangenheit gar zu oft in Befangenheit nach der andern Seite umschlägt. Gewichtiger erscheint mir das Bedenken gegen die historische Auffassung des Verhältnisses. Sie nennen denjenigen, welcher einer bestimmten Glaubensgemeinschaft angehört, durch den Zufall der Geburt in eine Zwangsjacke gesteckt, in welcher ihn eine unvollkommene Gesetzgebung erhält. Der Zufall der Geburt! Eine prächtige schale geistlose Phrase, die ich in Ihrem Munde kaum