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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1871-01-01 · 4 (1871) · p. Seite 300

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
9 (1871)
Issue
4 (1871)
Date
1871-01-01
Page
Seite 300 (sequence 60)
Language
German
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800 Recensiorien neue Lebensanschauungen zu gewinnen, ihr geläuterten Geschmack beizubringen, dazu bedurfte es der Vermittelung der hebräischen Sprache; sie allein war den Bildungsfähigen und Heranzuziehenden genügend verständlich, in ihr allein konnte man erwarten, vorgetragenen neuen Ideen Eingang zu verschaffen. So war das Unternehmen ein Werk der Erziehung, zur Verbreitung allgemeiner Bildung, weniger das Streben nach wissenschaftlicher Vertiefung. Man betrachtete nun allerdings die hebräische Sprache und die biblischen Schriften mit andern Augen; man erkannte den poetischen Gehalt der Sprache wie der Schriften und erfreute sich daran. Man leitete daher auch zur nüchternen, geschmackvollen Auffassung der Bibel, erhob sich jedoch nicht sonderlich über die Stufe der älteren einfachen Erklärer. Man erging sich gern im Gebrauche der hebräischen Sprache — deren man ja überhaupt zu seinen Zwecken nicht entrathen konnte —, ergötzte sich an der darin gewonnenen Formgewandtheit, an der Fähigkeit sich geschickt, leicht, auch dichterisch erhaben in ihr auszudrücken, ließ es nicht an selbstständigen ästhetischen Versuchen fehlen, trug sich auch hie und da gern mit dem Gedanken, sie wieder zur lebenden Literatursprache zu erwecken, und widmete diesem Versuche manche schöne Kraft. Doch stieg man bald von diesem romantischen Auffluge hernieder, man fügte sich bald in den Entwickelungsgang der allgemeinen Volksbildung ein; diese ward dann immer mehr auch für das specifisch Jüdische verwendet, die Geistesbewegung innerhalb des Judenthums, seine Aus- Prägung im Leben wie in seiner Wissenschaft nahm ihren raschen und gesunden Fortgang, so daß sie sich auf die Höhe erhob, die sie gegenwärtig einnimmt und den mächtigen Antrieb zu weiterer Er- Hebung und Vertiefung in sich nährt. In Polen und Rußland hingegen trifft der nun erwachte Bildungstrieb unter den Juden nicht auf eine vollgebildete Umgebung; die vaterländische Sprache hat noch nicht jene geistige Durchdringung erlangt, die mit ihren Lauten von selbst in alle Schichten des Volkes Helle und Erhebung bringt, die Literatur hat dort noch nicht in allen Wissenszweigen ihre selbstständige Gestalt gewonnen. Zerstreute Bildungselemente liegen unverbunden neben einander, Zum großen Theile erst aus dem Auslande eingeführt und noch das ausländische Gepräge an sich tragend. Der frische Geist der Juden ist auch davon lebhaft angeregt, aber nicht genügend von einer Alle umfassenden herrschenden Geistes-

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