Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 4 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 273 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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II. Ein theologischer Briefwechsel. 273 nun einmal das Schema' nicht wirklich ״beim Niederlegen und beim Aufstehn", so wollte man sich doch mit diesem Wortlaut in Einklang setzen; die peinlichere ältere Schule Schammai's verlangte daher, man solle wenigstens Abends eine liegende, Morgens eine aufrechte Stellung einnehmen, die verständigere Schule Hillel's begnügte sich, darin eine ungefähre Zeitangabe zu erblicken. Für die Lobsprüche beim Genüsse der BaumfrüchLe verzichtest Du selbst auf die Priorität der Deutung und behauptest, der Gebrauch stamme aus Babylon. Hingegen erblicke ich auch hierin wieder das Bestreben des Pharisäismus nach möglichster Gleichstellung des ganzen Volkes mit den Priestern. Diese aßen geweihte Frucht, hatten heilige Mahlzeiten; auch die Profanmahlzeit sollte dazu erhoben werden. Die Gewissenhafteren aßen חולין* בטחרח (Profanfrucht mit der Reinheit, wie sie für Priester und Leviten erforderlich war), sogar על טחדת הקדעג (wie es für den Genuß des Opferfleisches vorgeschrieben war); das konnten nicht Alle, und so sollte doch wenigstens טחרת ידים (wie der alte Ausdruck lautet: die Reinigung der Hände) vorausgehen, das Mahl mit Gebet begönnen und beschlossen, auch ein jeder Genuß, wenn auch nicht volle Mahlzeit, zu dem einer heiligen Frucht durch einen Lobspruch gestaltet -werden. Das mag mit fremden Sitten übereinstimmen, ist aber darum doch nicht fremdes Gewächs, sondern auf heimischem Boden und aus der innersten Volksgährung entstanden. Jedoch alle diese zwischen uns zur Sprache gekommenen Differenzen sind, wie schon früher bemerkt, theils untergeordneter Art theils scheinbar. Wir stimmen im tiefen Grunde überein, dckß das Judenthum aus gesunder Wurzel heraus in ein schiefes Wachsthum gedrängt worden und dieses eine luxurirende Ueppigkeit enfaltet hat, daß es überwuchernd die Kraft der Wurzel zu erschöpfen und zu ersticken drohte und droht. Die gesunden Säfte sind vorhanden, sie haben auch in den Zeiten der Verkümmerung vieles Gesunde erzeugt, Krankhaftes und Welkes verdrängt, aber bei Weitem nicht in hinreichendem Maße. Es muß nun Ernst gemacht werden mit der Regeneration, geschichtliche Erkenntniß muß mit der aussührenden Thatkraft Hand in Hand gehen. Die erstere darf, wie Du richtig bemerkst, sich nicht auf die nachbiblische, geschweige auf die mittelalterliche Zeit beschränken, sie muß hinauf zur Bibel steigen, die Entstehung der einzelnen Bücher, die leitenden Ideen, die zu jener Zeit stattgefundene, innere Entwickelung und die äußere Vierteljahrsschrift IX. 4. jg