Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 4 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 271 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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II. Ein theologischer Briefwechsel. 271 der Reihenfolge der Abschnitte ihre halachischen Ausführungen geben, verfahren in ihren Deutungen vergleichungsweise sehr nüchtern und sparsam und gehen in ihrer Dialektik und ihren Einzelbestimmungen ganz unabhängig von dem Schriftworte zu Werke. Erst die Gemara, die zu juristischer Auffassung erstarrt war, führt die Methode, für Alles einen biblischen Beleg zu verlangen, mit Peinlichkeit durch, aber aus ihrem Suchen und ängstlichen Ausspähen ersieht man eben, daß die Satzungen vollkommen eingebürgert waren, feststanden und nun erst nachträglich das Siegel biblischer Begründüng ausgeprägt werden sollte. Und gerade an diesem künstlichen Verrenkungsverfahren, an den haarsträubenden Deutungen sieht man es, daß diese nimmermehr das Prius gewesen sein können; zu ihnen kann man in Noth und Verlegenheit, wenn es nun einmal feststeht, daß ein Beleg aufgefunden werden muß, Wohl greifen, aber auch die spitzfindigsten und in Jrrgänge verranntesten Köpfe konnten auf solche Ausgeburten nicht kommen, um nach ihnen das religiöse Leben zu lenken. Daher kommt es auch, daß man sich weit weniger über die Deutungen einigte als über die Gesetze, diese nicht erschüttert wurden, wenn auch jene angezweifelt werden, man leichtweg behauptete, der Vers sei blos eine ״ungefähre Anlehnung" (אסמכתא בעלמא), die Sache sei aber traditionell, daß ebenso die Rabbinen ohne Skrupel hin und her über das Gewicht, welches den Interpretationen beizulegen sei, sich die verschiedensten Ansichten bildeten, ohne in den Sachen Zu differiren. Jedoch es wird fruchtbarer sein, wenn ich von solchen allgemeinen Betrachtungen abgehe und an einzelnen Beispielen zu er- Proben versuche, wie es sich mit der Entstehungsweise verhält, und am Besten dürfte es sein, wenn auch ich dieselben Beispiele dafür wähle, die Du in Deinem Briefe vorgeführt hast. Du sagst: ״Wenn die erste Mischnah die Frage stellt: ״״Von wann an mag und soll man das Schema' des Abends lesen?"", muß doch nothwendig der Gebrauch, das Schema' Morgens und Abends zu lesen vorhanden gewesen sein." Dem stimme ich vollkommen bei. Du fährst fort: ״Woher? hat die Tradition ihn geschaffen? Gewiß nicht, sondern die Deutung des Buchstabens ובעגככך ובןומך (bei Deinem Niederlegen und Deinem Aufstehn)." Hier gehen wir auseinander, und ich sage im Gegentheile: gewiß die Deutung nicht. Wäre dies der Fall gewesen, so hätte man sicher verlangt, daß das Schema' gesprochen werde beim wirklichen Niederlegen und un-