Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 4 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 266 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2420973-2421017-2421021--2860-2424519- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
266 II. Ein theologischer Briefwechsel. und wenn Du aufstehst). Oder, wenn die Mischnah fragt: Welchen Lobspruch spricht man vor dem Genüsse der Baumfrucht? so muß doch der Gebrauch, bei jedem Genüsse eine Benediction zu sprechen, schon gäng und gäbe gewesen seyn. Woher? Ist er auf palästinensischem Boden entstanden? Vor dem Exil keine Spur. Dieser, gewiß sehr lobenswerthe Gebrauch stammt aus Babylon. Alle diese Gebräuche erhielten sich mündlich unter dem Volke, bis das Fünfbuch zur ausschließlichen Geltung gelangte. Da nun außer demselben nichts auf Geltung Anspruch machen konnte, so mußten für die im Volke vorhandenen Institutionen Stützen im Pentateuch gesucht werden, und wer sucht, der findet. Damit war der Impuls zur Ausdeutung gegeben und diese kam nicht so bald zum Stillstand: Commentar folgte auf Commentar, und als nichts mehr zu commentiren war, so fing man an, das Material zu codificiren und nun folgte Codex auf Codex. Die Codices machten neue Commentare und diese neue Codices nothwendig, und so ginges fort bis auf den Schulchan-Aruch, diesen papiernen Pabst, der nicht weniger als der in Rom auf Unfehlbarkeit Anspruch macht; ein wahrhafter Chklopenbau, dessen geschichtliche Nothwendigkeit ich anerkenne, den ich aber nicht glorificiren kann. Denn er ist wahrlich kein Tempel der Freiheit und der Humanität, Wohl aber eine Zwingburg der Knechtschaft. Vom politischen Druck sind wir emancipirt — wer emancipirt uns von der Sclaverei des Buchstabens? Ist es da nicht nöthig, daß das Fundament dieses Gebäudes gründlich untersucht werde? Wann und wie sind die einzelnen Bücher des Pentateuchs entstanden? Welche Einflüffe von Außen haben schon darauf eingewirkt? Welche Tendenz haben sie u. s. w. Was bisher in dieser Hinsicht, namentlich von christlichen Gelehrten geschehen ist, ist schon darum nicht hoch anzuschlagen weil es meist negative Resultate sind. Darüber glaube ich, sind wir beide einig, nnd wenn ich nicht irre, hast Du Dich im gleichem Sinne in einem Artikel Deiner Zeitschrift vom Jahrgange 1870 ausgesprochen. Für jüdische Gelehrte waren diese Fragen bisher ein uoli me tangere, es gehört umfassende und gründliche Kenntniß des Alterthums dazu, wie ich sie Dir zutraue. Kannst Du mir's nun verargen, wenn ich den Wunsch (den ich in meinem vorigen Brief ungeschickt genug ausgedrückt) habe, daß Deine Forschungen sich auch dorthin gewendet hätten? Der dritte Abschnitt des ersten Buches Deiner Urschrift handelt von der ״Ueberarbeitung