Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 4 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 265 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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II. Ein theologischer Briefwechsel. 265 schichte niedergelegt hast, bot es mir die erwünschte Gelegenheit, über eine Frage, die wenigstens mir für die Reform die wichtigste scheint, mit Dir Gedanken auszutauschen. Es betrifft diese den Unterschied zwischen der Fortbildung des Judenthums vor dem Abschluß des Canons und der nach demselben, oder besser, vor der Ausstellung des Pentateuchs als ausschließlicher Norm für Glauben und Leben, und nach derselben. Nach Deiner Darstellung sowohl in der Geschichte wie in der Urschrift betrachtest Du diese Fortleitung als eine naturwüchsige, gesunde und consequenle von Anfang bis auf die neueste Zeit. An die Stelle der Offenbarung trat die ebenbürtige Tochter derselben, die Tradition, und darunter verstehest Du wie unter Offenbarung nicht das Object, das Tradirte, Geoffenbarte, sondern das Vehieulum, den treibenden Geist im Judenthum. Diese schuf, wie früher die Offenbarung, die zeitgemäßen Institutionen, und die Interpretation hinkte nur hintennach und suchte dafür Stützpunkte im Pentateuch. Diese Tradition, dieser treibende Geist, dieser DNpN רוח ist, nach Deiner Ansicht, im Judenthum noch immer vorhanden und berechtigt, neue zeitgemäße Institutionen zu schaffen. Hier ist nun ein Punkt, wo unsere Ansichten aus einander gehen, und ich kann mich, bei aller aufrichtiger Anerkennung der immensen Gelehrsamkeit und des bewundernswürdigen Scharfsinnes, womit Du die Deinige in verschiedenen Artikein und auch in der Urschrift (Pharis. u. Sadd.) zu begründen suchst, nicht von der Richtigkeit derselben überzeugen. Ich finde eine eigentliche Entwickelung und gesunde Fortbildung des Judenthums nur in der Zeit vor der Anerkennung und Aufstellung des Pentateuchs als norma. vitae 6t fklei. Von dieser Zeit an hört alle Selbstständigkeit auf, der Buchstabe gelangt zur ausschließlichen Herrschaft und der Geist giebt sich ihm gefangen, wird ihm dienstbar. Nicht die Tradition, der göttliche Geist schafft die Institutionen, sondern diese sind zum Theil ausländischen, besonders persischen Ursprungs, theils haben sie sich aus dem Volksleben herausgebildet, dem größten Theil nach aber sind sie das Produkt der Interpretation. Wenn z. B. die erste Mischnah im Thalmud die Frage stellt: ״Von wann an liest man das Schema' des Abends" muß doch nothwendig der Gebrauch, das Schema' Morgens und Abends zu lesen, vorhanden gewesen seyn. Woher? Hat die Tradition ihn geschaffen? Gewiß nicht, sondern die Deutung des Buchstabens ובעגכבך רבקונלך (wenn Du Dich niederlegst