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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1871-01-01 · 4 (1871) · p. Seite 263

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
9 (1871)
Issue
4 (1871)
Date
1871-01-01
Page
Seite 263 (sequence 23)
Language
German
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II. Ein theologischer Briefwechsel. 263 gebildet, und da man, zumal in jener späteren Zeit, die selbstständige Berechtigung dazu anzuerkennen nicht wagte, suchte man hinterher die Begründung durch eine Interpretation, die allerdings derkehrt genug werden mußte und ihre Schößlinge dann auch wuchernd weiter trieb. Dennoch wurde die Tradition, d. h. der Lebensgeist, nicht erstickt und hat, wenn auch niedergedrückt von der traurigen Zeit und der Trübung der Erkenntniß, belebend gewirkt. Diese Richtung in der Betrachtung und Erklärung der geschichtlichen Entwickelung im Allgemeinen und so auch insbesondere in der Entwickelung zum Thalmudismus, die man zum Begriffe der Tradition gerinnen ließ, die Auffassung nämlich, daß eine innere treibende Kraft — es ist eben der göttliche Geist in der Menschheit — in einer jeden bestimmten Gesammtindividualität sich durchzuarbeiten sucht, aber in ihren Aeußerungen von den äußeren Umständen bedingt, daher beschränkt, aber auch wandelbar ist, Aenderungen unterworfen und dennoch ihre ununterbrochene Continuität bewahrt und aufweist, diese Auffassung, welche die lange nachbiblische Gestaltung des Judenthums mir erklärt, findet aber auch ihre An- Wendung auf die ältere biblische Zeit wie auf unsere Gegenwart. In der Bibel tritt der׳ göttliche Lebensgeist des Judentums in seiner ganzen unmittelbaren Frische, mit der vollen schöpferischen Jugendlichkeit auf, in aller Herrlichkeit der von ihm ausströmenden Begeisterung, in aller Schöne dichterischer Idealität, dennoch aber prägt er sich in Zeitvorstellungen aus, die er sich nur dienstbar machen kann, ohne sie gänzlich zu überwinden. Dies gilt namentlich von dem Opferwesen: es ist ausgenommen, war nicht zu beseitigen, tritt sogar sehr breitspurig auf und gehört dennoch nicht dem eigentlichen Judenthum, nicht seinem Grund und Wesen an. Das Deuteronomiurn beschränkt und beschneidet es zu einem Minimum, die Propheten behandeln es geringschätzig, der Pharisäismus läßt es nur nebenher gehen, es fällt, und die Verklärung der Romantik bei Betrachtung entschwundener Zustände umgiebt es mit einem aus Helldunkel gewobenen Strahlenkränze, und dennoch bleibt die nüchterne Betrachtung, die bald Gebet und Liebesthat höher stellt als Opfer, bald das Ganze nur als eine geduldete Concession gelten läßt. Darin zeigt sich Grund und Wesen des Judenthums. Gerade über die Betrachtung, der Opfer habe ich so Vieles inverschiedenen Abhandlungen, die namentlich auch ihre Ausläufer nach der Ge-

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