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Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben · 1871-01-01 · 4 (1871) · p. Seite 262

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Journal
Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
Volume
9 (1871)
Issue
4 (1871)
Date
1871-01-01
Page
Seite 262 (sequence 22)
Language
German
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262 H. Ein theologischer Briefwechsel. daß Du ein Verlangen stellst, beklagst, daß ihm von mir keine Erfüllung geworden, während ich ihm gerade vorzugsweise meine Forschung zugewendet habe. Freilich mag der Weg, der von mir bei diesen Untersuchungen eingeschlagen worden, mögen die Resultate, die ich zu erzielen glaubte, Dich nicht befriedigt haben. Einzelnes der Art besprichst Dü in Deinem Briefe, und wenn ich auch ungewiß bin, ob Dir die Schriften, welche die Gegenstände ausführlicher behandeln und begründen, bekannt geworden, und ich vorläufig erst auf dieselben verweisen und Deine Erklärung darüber abwarten könnte, so halte ich es doch meiner vorzüglichen Achtung gegen Dich und der von Dir mit solcher Klarheit und scharfer Präcision dargelegten Ansicht angemessen, in Kürze auf diese Punkte einzugehen, meine Auffassung etwas näher anzugeben, ohne daß ich freilich zu hoffen wage, daß sie Dir dadurch überzeugender würde. Betrachten wir zuerst den Begriff der Tradition! Du sprichst von ihr als der mündlichen, auf Gott zurückzuführenden Ueberlieferung einzelner Satzungen, die daher, wenn sie anerkannt wird, für alle Dauer ihre Verbindlichkeit behalten müßten. Aber gerade in Beziehung auf sie habe ich seit dem Beginne meiner schriftstellerischen Thätigkeit die Ansicht vertreten, daß sie der innerlich fortwirkende, schöpferische, umgestaltende Geist ist, wie er im Judenthum erweckt worden, zum Ausdrucke gelangt ist und fortlebt, daß daher die aus ihr erzeugte Bewegung höchst beachtenswerth, weil die Manifestation des inneren Grundtriebes, ist, daß sie aber freilich auch immer in zeitlich bedingter Ausprägung hervorgetreten ist, daher auch in der Entwickelung der Zeiten, bei der Läuterung der Erkenntniß und bei den sich ändernden Anforderungen der Zeit- Verhältnisse auch einer Umgestaltung, einer neuen lebendigen Um- Prägung unterworfen sein muß und thatsächlich unterworfen ist. Hillel und Akiba sind mir daher große Meister, indem sie diesem umgestaltenden Drange, mit größerer oder geringerer Klarheit des Bewußtseins, entschiedenen Ausdruck gegeben, wenn sie es auch natürlich von dem Standpunkte ihrer Zeit und des damals erreichten Erkenntnißgrades unternommen haben. Daher ist auch nicht die Interpretation der maßgebende Motor in der ganzen Lhalmudischen Entwicklung, vielmehr hinkt dieselbe in dem zur juristischen Erstarrung gesunkenen Verfahren der babylonischen Gemara immer blos nach; Satzung und Einrichtung hatte sich nach dem innern Triebe

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