Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 4 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 258 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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258 II. Ein theologischer Briefwechsel. Bibelstelle geht dies hervor?) ist von nun an die erste und die letzte Frage. Das jetzige Judenthum ist nicht das Produkt der Tradition, sondern der Interpretation. Die Auslegung herrschte von nun an in den Institutionen wie in den Köpfen, sagt^Zunz (Gottesd. Bort. Cap. 3) mit Recht. Diese Auslegungen und Er- Weiterungen heißt der Talmud Tradition, קבלח, und stellt sie der Offenbarung gleich, דברי?ןבלד כדברי תורח. Aber auch die Lehren der Propheten und der Hagiographen, mit Einem Worte, Alles, was nicht mosaisch ist, wird so genannt, דברי תו־רזר מדברי קבלח לא ילפיכן. Was heißt Du nun Tradition? Die Lehren und Schriften der Propheten? Diese sind ja Dir die Offenbarung selbst (3. Vorlesung). Sind es die Auslegungen und Amplifieationen des mos. Gesetzes, wie sie aus den Schulen hervorgegangen sind? In diesen erkennst ja auch Du nicht die Töchter der Offenbarung, sondern nur das, was sie sind, Kinder der Interpretation. Der Unterschied aber, ob das jetzige Judenthum das Produkt der Tradition oder der Interpretation ist, ist nicht blos von theoretischem Interesse, sondern von praktischer Wichtigkeit. Ist die Tradition, dieser ״Ausfluß des göttlichen Geistes", das bildende Element des Judenthums, so haben diejenigen Recht, welche behaupten, wir dürfen uns kein Jota vom Schulchan-Aruch entfernen. אם קבלד! ד,יא נקבל. Anders verhält es sich, wenn das jetzige Judenthum durch Interpretation und Amplification entstanden ist. אם לדין יטג לחלוק. Wir haben dann das Recht, auf die Quelle zurückzugehen und zu untersuchen, ob die Auslegung eine richtige sei, und so wir finden, daß sie weder mit dem Buchstaben noch mit dem Geiste der göttlichen Offenbarung übereinstimmt, unserer besseren Einsicht zu folgen. Doch, das wäre ja wieder nichts als eine menschliche Auslegung, die auf keine höhere Autorität Anspruch machen könnte, als die frühere. Darum glaube ich, wenn das Judenthum die Religion der Zukunft werden soll, was es, in seiner Reinheit aufgefaßt, werden kann, seine Lehrer den Weg der Interpretation wie der Tradition verlassen und da beginnen müssen, wo ein Jesaias und Jeremias aufgehört haben. Sie müssen sich den רוח חקדטו vindiciren, d. h. es muß der Glaube lebendig werden, daß noch jetzt der göttliche Geist in den erleuchteten Menschen wirksam ist, durch welchen sie berufen und verpflichtet sind, zu Lehrern ihrer Mitmenschen zu werden. Ich sehe Dich lächeln, höre Dich fragen, wie man in einer Zeit wie die gegenwärtige nur an so etwas