Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 4 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 257 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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II. Ein theologischer Briefwechsel. 257 uns nach Zion" in allen Synagogen. Wenn Du gesagt hättest, daß in unserer Zeit die Opferidee sich erschöpft habe, und daß das PriHterthum von vorn herein kein Erzeugniß jüd. Bodens, sondern ein ausländisches Produkt, das durch Salomos Verheirathung mit einer Aegyptischen Prinzessin, von Aegypten nach Palästina verpflanzt wurde, so wärest Du der Wahrheit näher gekommen. Daß Akiba, der jedes na in der Thora auslegte, und Hillel, der Maza und Maror auf einander legte, um dem Buchstaben על ״auf Mazzoth und bitteren Kräutern sollen sie das Peßach essen" zu genügen, Reformatoren gewesen seyen, das glaubst Du Wohl selber nicht. Daß letzterer den ״Prosbul" eingeführt, beweist gerade, daß er eine Vermitielungstheologie trieb, sonst würde er ganz einfach erklärt haben, das Institut des Schuldenerlasses im Brachfahre habe keine Bedeutung mehr, wie es die Synode mit der Chalizah gemacht hat. Doch dieses Alles ist es nicht, was mich mit diesem Buche so unzufrieden machte und warum ich es zum Gegenstände meiner ersten Unterhaltung mit Dir nach so langer Unterbrechung mache, sondern hauptsächlich Deine Auslassung über die Fortbildung des Judenthums und besonders von der Tradition. Zwar scheinst Du selber nicht ganz zufrieden damit gewesen zu seyn, weil Du in dem zweiten Theil der Vorlesungen noch einmal darauf zurückkommst und Deine frühere Ansicht bedeutend modificirst. (Vgl. I. Abth. S. 74 u. 75 mit II. Abth. S. 25.) Allein selbst in dieser Einschränkung entspricht die Darstellung der Tradition einer nüchternen Geschichtsbetrachtung mit nichten. Von einem schöpferischen Geiste, welcher das Ganze durchströmte, kann nach der Rückkehr aus dem babyl. Exil nicht die Rede sehn. Sagt ja schon der Talmud: ״Nachdem Chaggai, Secharia und Maleachi gestorben, schwand der heilige Geist aus Israel." Der Glaube an einen im Menschen wirksamen Geist Gottes war dem Volke ganz und gar abhanden gekommen. Die Wirksamkeit desselben hielt man mit dem Pentateuch für geschlossen. Das Recht, ״selbstständig etwas Neues zu schaffen, erlaubte man nicht nur sich selbst nicht, sondern wurde sogar den Propheten abgesprochen. ״Kein Prophet darf nach Moses ein Neues feststellen." Die Thora, der Pentateuch, war von nun an ausschließlich die normo, vitä.6 6t fidei, und Alles, was man von Außen in das religiöse Leben aufgenommen hatte, und alles Neue, was die Zeit erforderte, mußte seine Berechtigung aus demselben Nachweisen. נלכא לן (aus welcher Vierteljahrsschrift IX. 4.