Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 4 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 254 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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254 I. Die jüdische Gemeinde Berlin. es War der Mehlthau, der alle jungen vielverheißenden Knospen erstickte.x) So ward seit dieser Zeit durch den eisigen Anhauch die innere Wärme aus der Berliner Gemeinde verdrängt, und Erstarrung trat ein; die tüchtigen Männer, die strebsamen Kräfte, deren sie noch immer viele in ihrer Mitte zählte, waren vereinsamt und selbst von Mattigkeit ergriffen.. Der Aufschwung, welchen die Bestrebungen für die staatliche Anerkennung, für die Veredlung der religiösen Einrichtungen, für die wissenschaftliche Vertiefung in den Dreißiger Jahren anderswo nahmen, traf in Berlin, wenn auch nicht auf Kaltsinn, so doch auf Mißtrauen und altkluge Bedenklichkeiten. Die Bestrebungen fanden von hier aus nicht den Nachdruck, der ihnen gebührte und Berlin so Wohl angestanden hätte. Mit dem Beginne des folgenden Jahrzehnts (von 1840 an) trat in den Regierungs-Grundsätzen und -Maßregeln Veränderung und — Veränderlichkeit ein; das Eis der Stillstands-Weisheit war gebrochen. Zudem war der Fortschritt im Judenthum anderweitig so gründlich vorbereitet und durchgedrungen, daß auch Berlin aufgerüttelt werden mußte. Ja, es fühlte die Nothwendigkeit, sich aus seiner schmachvoll verkümmerten Gestalt zu retten, und konnte dennoch nicht alsbald zu gesunder Kraftentwicklung sich aufraffen. Die Erschlaffung im Innern, die von maßgebender Stelle aus zur Geltung gebrachte geistreiche Unklarheit, das Willensschwäche Spielen mit inhaltslosen Phantasmen, die in trügerischem Scheine glänzten, ließ es zu keiner vollen Kraftäußerung kommen. Wir eilen über diesen Zeitabschnitt flüchtig hinweg. Es ist nicht gut, kaum vernarbte Wunden aufzureißen, nicht gerecht, so manchen redlichen Willen, manch glänzendes Talent vor den Richterstuhl zu ziehen, die vielleicht mehr an den Verhältnissen untergegangen, als sie für dieselben verantwortlich sind, und unnütz ist, über die Nachwehen zu klagen, die noch fühlbar sind. Denn selbst thatkräftige Aeußerungen, welche von Einzelnen ausgingen, so sehr sie Zeugniß ablegen von der mächtigen Neigung und der Entschlossenheit ihr Nachdruck zu geben, von den reichen Kräften, welche in Berlin vorhanden sind und welche es sich dienstbar zu machen vermag, bekunden doch andererseits, wie wenig die Gemeinde in ihrer Gesammtheit die Herrschaft über die Geister zu erringen wußte. So ist die Reform- *) Das Nähere bei Ludwig Geiger I 174—182; II S. 250 -253.