Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 4 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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250 I. Die jüdische Gemeinde Berlin. Kaum ein halbes Jahr nach der Erhebung der Juden aus mittelalterlicher Bedrückung zur Geltung gleichberechtigter -Staatsbürger durch das Edict vom 11. März 1812, gab David Friedländer, damals schon ein Sechziger, aber noch voll jugendlichen Eifers und von rüstiger Kraft, eine kleine Schrift heraus, welche vorzugsweise ״die nothwendig gewordene Umbildung des Gottesdienstes in den Synagogen" behandelte. Sie lehnte sich an den letzten Paragraphen des neuen Grundgesetzes an, wonach ״Verfügungen über den kirchlichen Zustand der Juden" von der Regierung verheißen waren; bei deren Erwägung sollten ״Männer des jüdischen Glaubensbekenntnisses, die wegen ihrer Kenntnisse und Rechtschaffenheit das öffentliche Vertrauen genießen, zugezogen und mit ihrem Gutachten vernommen werden." Friedländer empfand Wohl, daß die Jnitiative nimmer von der Regierung ausgehen werde, sondern von den Juden selbst ergriffen werden müsse, und er wollte dazu den Antrieb geben. Sein Eifer und seine Ansichten verdienen die höchste Anerkennung. Er war durchdrungen von einer reineren Erkenntniß des Judenthums und von dem Bewußtsein erfüllt, daß dessen zeitliche Gestaltung, wie sie ihm durch den geistigen und bürgerlichen Druck der Zeiten aufgenöthigt war, mit der geistigen Erhebung der Gegenwart, wie sie den Juden nicht minder als der gesammten gebildeten Menschheit zu Theil geworden, mit der vollständig veränderten rechtlichen Stellung, welche die Juden im preußischen Vaterlande nun einnahmen, unverträglich sei. Wie in andern Gestaltungen des religiösen Lebens mußte sich, das erkannte er, sich diese völlige Umwandlung der Geister und der Zustände im Gottesdienste ausprägen. Die Gebete, sagt er mit Recht, sind zu einer Zeit verfaßt, da die Juden wegen ihrer drückenden äußeren Lage Palästina als ihr eigentliches Heimathsland betrachteten und die Rückkehr dahin ersehnten. Sie tragen den Stempel dieser ihrer Zeit, einen großen Theil ihres Inhaltes machen Klagen und Trauer aus um die verloren gegangene Selbstständigkeit, Flehen um die Wiederherstellung der ehemaligen nationalen Größe und um Sendung eines Helfers. Die herrschende Unwissenheit erfüllte sie außerdem mit widerwärtigen Anschauungen, und sie sind abgefaßt in einer vernachlässigten hebräischen Sprache. Solche Gebete, führt er aus, können dem Zwecke nicht mehr entsprechen, nachdem eine Klärung des Geistes erfolgt und die politische Befreiung zum Abschlüsse gelangt ist. Eine Umgestaltung ist durchaus nothwendig, wenn die Juden der Wohlthaten, welche