Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 4 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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248 I. Die jüdische Gemeinde Berlin. lichen Angelegenheiten rückte die Verwirklichung immer wieder in unerreichbare Ferne. Was Wunder, daß Viele das Vertrauen auf die glückliche Durchführung des Kampfes verloren und sich derleiten ließen, wenigstens den inneren Unfrieden, welchen ihre Sonderstellung als Juden einflößte, durch den Abfall von sich abzuwälzen? So leicht sich mit der hohen Aufgabe abzufinden, die Ueberzeugung und Geschichte auferlegen, fiel David Friedländer nie ein, er hatte bis zu seinem letzten Athemzuge, bei allen Prüfungen, die bis in sein Herz hineindrangen, den tiefsten Widerwillen dagegen. Aber befremden därf es uns nicht, wenn er zu gewissen Zeiten verzagte und im brennenden Verlangen zu der Betheiligung am Staatsleben zu gelangen wie die verantwortliche Gemeinschaft mit alten Jrrthümern abzulehnen, sich zu Zugeständnissen bereit erklärte, die er mit seinem Gewissen und seiner Ehrenhaftigkeit in Einklang bringen zu können vermeinte, — Zugeständnisse, die er freilich ^Anbetracht der verpflichtenden geschichtlichen Continuität und eines zusammen- Hangenden die Gesammtheit fördernden Wirkens nie hätte machen sollen. Allein diese Ausschreitung ist eben nur eine Signatur der ganzen unruhig sich auszehrenden Zeit. Dasselbe gilt von dem Riß, der in das Familienleben, in die Frauenwelt eindrang. Die fest abgeschlossene, sehr ehrenhafte, aber auch sehr einengende Häuslichkeit war für höher begabte, aufstrebende Frauen durchbrochen, sie schlossen sich, den häuslichen Kreis überschrei- Lend, den allgemeinen geistbefreienden Bestrebungen, dem geläuterten künstlerischen Schaffen selbst wie den Männern, welche die Träger der neuen Richtung waren, mit der ganzen Empfänglichkeit eines reichen Gemüthes, mit der glühenden Hingebung weiblicher Herzen an; sie nahmen weniger thätig mit eingreifend, mehr empfangend, weniger durch Berufsthätigkeit gefesselt, mehr ungebundener sinnender Betrachtung hingegeben, rascher die neuen Eindrücke auf und Verbannten aus sich mit weit größerer Leichtigkeit nicht blos die überkommenen Satzungen, sondern auch den Bildungsstand der unmittelbar vorangegangenen Zeit, um sich in die neuere, lebendigere Strömung zu versenken. Und so kam es denn sogar dahin, daß manche in unbefriedigter Sehnsucht frühere Bündnisse lösten, um dem Manne sich zu weihen, in dem sie mehr den Ausdruck des Zeitbewußtseins zu erblicken glaubten. Diese Aufregung herrschte kaum mehr unter jüdischen Frauen als unter christlichen, nur daß bei jenen, durch die Verhältnisse bedingt, noch der Religionswechsel hinzu-