Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 4 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Die jüdische Gemeinde Berlin. 247 der er angehörte und deren Interessen wahrzunehmen er sich nach Kräften und mit kluger Einsicht angelegen sein ließ. Die Juden selbst aber erzog er zur Bildung, zur Theilnahme an der allgemeinen Geistesentwickelung wie zu nüchterner Erfassung und richtiger Würdigung ihres geistigen Erbgutes. An ihn, an seine Thätigkeit als Schriftsteller wie als Mensch, als Philosoph wie als Jude, an sein öffentliches Auftreten wie an sein hä.usliches Leben knüpft sich auch dann noch die neue Zeit in der Geschichte der Juden, wenn selbst alle seine Ansichten und Bestrebungen veraltet sein mögen. Doch hervorgehoben muß werden, daß Mendelssohn, bei all seiner persönlichen Begabung, bei seiner geistigen und charactervollen Selbstständigkeit, die ihn weit darüber erhebt, daß er etwa blos ein Produkt seiner Umgebung gewesen sei, dennoch nicht die innere Abrundung und den weithin sich ausdehnenden Einfluß erlangt hätte, wie sie ihm geworden, wenn er nicht Berlin angehört, wenn er nicht neben Lessing und Dohm und allen Vertretern der Aufklärung gestanden, wenn er nicht hier empfängliche Genossen und Jünger gefunden hätte, welche seine Aussaat verbreiteten und pflegten. Berlin war der geeignete Boden für die Neuschöpfung Mendelssohns. Und was er begonnen, wurde zwei Menschenalter hindurch von thatkrästigen, intelligenten Männern fortgeführt, deren Irrthümer selbst beweisen, wie sie von dem die Gesammtentwickelung beherrschenden Geiste erfüllt waren. Die ganze Zeit war von einer unruhigen Bewegung ergriffen, sie konnte ihre Vorstellungen und Einrichtungen nicht in die ererbten Formen einzwängen, und der langsame allmälige Fortschritt reichte nicht aus sie zu befriedigen. Wie dies in Frankreich zu erschütternden Umwälzungen auf dem Gebiete des Staatslebens führte, so brachte es in Deutschland eine Währung und eine Sehnsucht in die Gemüther, die auflösend und zersetzend wirkte, aber keine befriedigenden Gestaltungen schaffen konnte, vielmehr, wo Neubildungen hervortreten wollten, leicht in Abenteuerlichkeiten sich ausprägte. Diese Unruhe mußte sich der aufgeklärten Juden noch in weit höherem Grade bemächtigen. Neben der allgemeinen Zerrissenheit der Zeit mußte ihnen die Kluft, welche sich zwischen dem religiösen Herkommen und ihren persönlichen Anschauungen und Anforderungen geöffnet hatte, ganz unaussüllbar scheinen, und für die Hoffnung auf bürgerliche Besserstellung, zumal Gleichstellung und gleichmäßige Betheiligung an allen staat-