Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 3 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2420973-2421017-2421020--2799-2424457- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
206 Umschau. es die in ihm selbst Lief wurzelnden CharakLerzüge und die für sein ganzes Dasein und seine Entwickelung entscheidenden Erlebnisse auf dieselben übertrug. Ueber diese Annahme sich zu ereifern oder sie mit trivialem Witze zu verspotten, ist blos das Verfahren von Ungebildeten, die außer allem Zusammenhänge mit der Methode und den Ergebnissen einer tiefer blickenden Geschichtsforschung stehen. Glaubt Jemand die buchstäbliche Geschichtlichkeit der Erzählungen festhalten zu können, meint er, daß es ihm gelinge, alle Widerspräche und Unwahrscheinlichkeiten zu beseitigen, so mache er mit ernstem und unbefangenem Sinne den Versuch. Nur glaube er nicht im Interesse der Religion, des Judenthums dazu gedrängt zu sein. Die wahre Religion, demgemäß das Judenthum, stützt sich nicht auf einzelne Personen, sondern auf das in der Geschichte sich ausprägende Leben der Gesammtheit. Nicht Moses und seine Persönlichkeit leiten zur Annahme der Thorah, sondern deren Inhalt verklärt seinen Namen, und die Erzväter sind umsomehr Musterbilder für die Nachwelt, als sie nicht Einzelnstehende sind, sondern die ganze Summe der über die Gesammtheit verbreiteten Stammes- Lugenden in sich fassen. Bon diesem Standpunkte aus bleibt nur noch die Frage, wie man sich die Entstehung der Typen zu denken habe, zu denen sie in der Genesis in so kunstvoller Abrundung geworden sind. Nothwendig muß hier eine Erkenntniß des ganzen inneren geschichtlichen Ganges in dem hebräisch-israelitisch-judäischen Volke vorangehen, ehe man zur Klarheit über die aus diesem Processe herausgebildeten Vorstellungen über die Erzväter gelangen kann. Welches waren die Gährungen und Wandelungen, welche die Stämme durchgemacht, bevor in den edleren Geistern, in den Freunden eines geeinten, alle Stammesverschiedenheiten überwältigenden gesammten Volksthums sich die Bilder der Erzväter, der Repräsentanten dieser Einheit feststellten? Zu welcher Zeit, unter welchen Einflüssen, von welcher vorherrschenden Richtung aus sind diese Bilder entworfen, welchen Standpunkt nehmen die Schriftsteller ein, welche diese Typen für die Dauer festgestellt, wem gehört der wesentliche Bestandtheil der Genesis an? Diese Fragen sind noch nicht mit der Sicherheit beantwortet, daß wir daran einen zuverlässigen Führer fänden, um die Geschichte der Erzväter, mit ungetrübtem Einblicke zu durchwandern. Ich muß bekennen, daß ich von den bisherigen kritischen Annahmen über die Vorfragen wenig befriedigt bin, mich