Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Journal
- Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben
- Volume
- 9 (1871)
- Issue
- 3 (1871)
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Man treibt zum Extreme hin. 163 zum Extreme hin scharf hervor. Alle freien Regungen innerhalb des officiellen Kirchenthums werden gewaltsam zurückgehalten, erstickt, Lehrer und Verkünder einer mit den neuen Forschungen sich vermählenden geläuterten religiösen Erkenntniß werden verdrängt, der confessionelle Hader wird geflissentlich genährt. Die Wissenschaft ist geächtet, sie versinkt in äußere Macht-, in innere Kraftlosigkeit. Das Judenthum ist in einer theilweise besseren Lage; Wohl ist es von den religiösen Richtungen in den herrschenden Kirchen abhängig, aber es ist ihnen nicht unterthan, wenn die Männer von Einsicht und Einfluß in ihm die ihm vergönnte größere Freiheit zu nützen denWillen und denMuth haben. Es ist keine Religion des Mittelalters, nicht an diesen Zeitabschnitt gebunden, es ragt in die Urzeit hinein, ist Hand in Hand gegangen mit der ganzen Entwickelungsgeschichte der Menschheit. Vor innerer maßgebender Abgeschlossenheit blieb es bewahrt, es hat sich keine Macht in ihm hergestellt, die dem Ganzen gebielerisch die Bahnen vorzuschreiben berechtigt wäre; dem Bestehenden und dessen Trägern fehlen dazu nicht blos die Mittel zur Geltendmachung, sondern auch das Ansehen. Allein der Druck, dem es unterworfen war, hat ihm die innere Freiheit verkümmert. Es konnte und kann wegen seiner Schwäche den Einflüssen der außerhalb herrschenden Richtungen, wenn diese rückstrebend sind, sich nicht entziehen, es ist noch dazu durch den langjährigen Druck in schiefe Entwickelung, in Verhärtung gerathen. Auch hier treibt man nun in neuerer Zeit, nachdem die vergönnte freiere Bewegung, eine junge Wissenschaft veredelnd einzuwirken begonnen, mit einer grausamen Wollust zum Extreme hin, und zwar will man die überkommene religiöse Anschauung und Satzung nach ihrer peinlichsten Verschärfung aufrecht erhalten und zur Geltung bringen, nicht blos im Gegensatz zu dem ganzen fortgeschrittenen Wissen und Leben, sondern auch im Widerspruche mit der eigenen Ansicht und dem eigenen Leben. Darin liegt nicht Heuchelei, die doch äußerlich das Innere verbirgt, sondern Schamlosigkeit. Gegen solche Anmaßungen, gegen diese sittliche Fäulniß kann im Judenthume die Wissenschaft nachhaltig und heilend wirksam sein; keine Macht beschränkt sie. Ein Frevel wäre es, wenn das Treiben zum Extreme hin unter uns sich auch darin kundgeben ll*